Dienstag, 21. Oktober 2008

Schnellimbiss

Montag, 20. Oktober, München

Halb benommen taumle ich aus der S-Bahn. Den ganzen Tag über habe ich viel zu wenig gegessen, eigentlich und genau genommen gar nichts. Luft und Liebe? – davon kann man auf Dauer nicht leben. Mit mir ergießt sich ein gewaltiger Schwall Menschen auf den Bahnsteig. Alles hastet und rennt…alle haben sie unterschiedliche Ziele. Ich gebe mich dem Strom hin, werde ein Teil der Masse, verschmelze mit den anderen Menschen. Aus nahe liegenden Gründen beschließe ich also einen kurzen Zwischenstopp bei Burger King einzulegen. Ich kaufe einen Cheeseburger und stelle mich an einen der zahlreichen kleinen Tresen. Mein Blick geht durch die Runde, streift Menschen, Gesichter, Individuen. Genüsslich beiße ich in meinen Burger und genieße die Mischung aus zartem Fleisch und knackigem Gemüse. Sie hasten an mir vorbei, sind beständig in Eile, nehmen sich nur schnell irgendwas mit auf den Weg. In Zeiten wie diesen verkommt die gesittete Esskultur, obwohl an allen Ecken und auf allen TV Programmen gekocht wird. Sie verdient Rettung, die deutsche Esskultur. Dagegen mampfe ich meinen Burger geradezu in Zeitlupe. Ich meine im Gegensatz zu dem dicken Kerl, der sich gerade an mir vorbeipresst. Für mich hat es den Anschein, als habe er seinen Whopper innerhalb weniger Sekunden aufgegessen. Unglaublich. Eine blonde Frau, ziemlich hübsch, saugt neben mir ziemlich gierig und ziemlich laut an ihrem Soft-Drink. Wow. Der Burger King ist ein guter Platz um interessante und irgendwie auch bizarre Menschen zu treffen. Ich glaube, hier komme ich in Zukunft wieder öfter vorbei. Ein bisschen wie im Zoo.
Mittlerweile habe ich fast Angst, sie nie mehr wieder zu sehen. Ich weiß eigentlich, dass das nicht sein kann, denn irgendwann werde ich sie wieder sehen…ganz bestimmt. Momentan sind wir beide jedoch so gut wie nie zeitgleich an der Uni. Auch ein Treffen in der S-Bahn scheint ausgeschlossen, da wenn sie früh reinfährt ich nicht früh reinfahre und umgekehrt. Das wird alles werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Es geht weiter, immer weiter, egal ob gut oder schlecht. Ich brauche mehr Vertrauen in die Zukunft, denn das, was auf mich wartet ist nicht nur negativ. Blick in das Licht am Anfang des Tunnels. Oder ist es doch schon dessen Ende? Als ich das Schnellrestaurant verlasse, ist es bereits dunkel. Ausnahmslos alle Autos fahren mit Licht...

Ein streunender Hund

Sonntag, 19. Oktober, München

Es gibt kein Draußen. Er steht alleine auf einer großen Wiese, deren zartes Grün die Nacht in stickiges Schwarz getaucht hat. Monoton glotzt er in Richtung der lichterloh brennenden Scheune. Ein hellgelber Feuerball erhellt die Nacht und taucht sie an dieser Stelle in gleißendes Licht. Es gibt kein Draußen. Er war einmal mehr ganz in der Nähe, der laute Knall der explodierenden Scheune hatte ihn hergelockt. Nun steht er da, mit einem gewissen Abstand zur Szenerie, aber dennoch ganz nahe. Beide Arme hat er fest geschlossen vor seiner breiten Brust verschränkt; die Ellenbogen stehen nach außen hin weg. Stummer Zeuge in der Nacht. In der Ferne ertönt jetzt irgendwo ein Martinshorn, Blaulicht ist zu sehen. Das Feuer droht langsam zu ersticken, scheint ihm doch der Brennstoff ausgegangen zu sein. Wo es sich zuvor voll gefressen hat, stehen jetzt nur noch einige gespenstisch aussehende Holzbalken in der Gegend herum. Tote oder Verletzte sind nicht zu beklagen. Er gibt die Stellung der Ellenbogen auf, befördert stattdessen beide Hände in die Hosentaschen und geht seelenruhig tiefer hinein in die Nacht. Es gibt für ihn kein draußen. Denn während rot gekleidete Feuerwehrmänner gegen die übrig gebliebenen Flammen kämpfen, ist er schon nicht mehr an diesem Ort. Es gibt für ihn kein draußen, da es auch kein drinnen gibt. Alles ist draußen, ausnahmslos und ohne Unterschied. Ab und an kommt er für ein paar Nächte bei Bekannten unter, oder nächtigt in der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof. Doch meistens schläft er unter irgendeiner der zahlreichen Brücken in der Stadt. Auch im Winter. Er ist einer, ohne Heimat, ohne festen Bezugspunkt, ohne Lebensmittelpunkt. Er ist immer und überall. Sein Dach ist der Himmel, sein Kissen sind die Wolken. Am liebsten spiegelt er sich in einem glasklaren See, einem Bächlein oder einem etwas größeren Teich. Er genügt sich selbst und fällt niemandem zur Last.
Bis vor zwei Monaten. Man hat ihn aufgenommen und zurückgeführt in die Gesellschaft. Acht Stunden am Tag steht er in seinem Revier und verkauft die Obdachlosenzeitung “Angepackt!” Er ist quasi selbstständig und verdient sein eigenes Geld, gutes Geld. Es gibt wieder ein draußen, weil es ein drinnen gibt. Drinnen, das ist seine neue Wohnung, die er vor drei Tagen bezogen hat. Er lebt wieder unter Menschen, aber ab und an ist er immer noch gerne der Streuner, der am liebsten mit verschränkten Armen bizarre Situationen beobachtet und nette Menschen kennen lernt. Er ist nun Verkäufer, und trotz Wohnung geht er nachts gerne mal raus auf die Straße...nach draußen, wie er dann sagt.

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