Das hübsche Mädchen
Freitag, 24. Oktober, München
Sie sitzt mir gegenüber, mit all ihren Heften, Büchern und Ordner auf dem Schoß. Geschäftig blättert sie in einem hellgrünen Hefter, schlägt Seiten auf, um und wieder zu. Eine Zugfahrt kann so spannend sein. Ich blicke sie lange an, mustere sie eingehend von oben bis unten, aber unauffällig. Sie trägt weiße Turnschuhe (könnten von Puma sein), eine schwarze Jacke und sie hat sich einen Schal mit Karomuster um den Hals gewickelt. In der freien Hand hält sie ein zerknülltes Papiertaschentuch, mit der anderen blättert sie die einzelnen Seiten um. Sie sieht mich nicht an. Ich sitze also im Zug und hacke diesen Text hier in die Tastatur. Mein Akku reicht wohl nur noch zwanzig Minuten, weshalb ich mich doch etwas beeilen muss. Trotzdem arbeite ich genau...bald muss ich sowieso aussteigen. Sie zückt einen roten Fineliner und markiert hektisch irgendwelche Textstellen. Anstreichen, Durchstreichen, Unterstreichen. Schön macht sie das und ich könnte ihr noch lange dabei zusehen. Trotzdem fällt mein Blick aus dem Fenster. Regionalexpress. Das bedeutet ja immer auch, dass sie Landschaft an einem vorbei rauscht, nicht aufzuhalten ist. Bäume und Sträucher fliegen an mir vorüber. Ein gutes Tempo hat der Zug. Die sechs Minuten Verspätung wird er trotzdem nicht aufholen können. Nicht auf dieser kurzen Wegstrecke. Sie ist immer noch sehr beschäftigt. Hat sicher mit Schule oder dem Studium zu tun. Ich gucke weg, denke lieber nach. Wie ist das denn so mit dem Verkehr. Zugverkehr, Straßenverkehr. Für mich ein Moment der Freiheit. Sich einfach irgendwo reinsetzen und dann irgendwohin fahren. Entweder selbst, wie mit dem Auto, oder man wird gefahren, so wie ich jetzt im Zug. Aber ist diese Freiheit nicht nur eine oberflächliche? Ich kann ja schließlich nicht ausbrechen, kann nur Start und Ziel frei und selbst bestimmen. Im Zug bin ich nur Passagier und eigentlich unfrei. Selbst im Auto kann ich nicht beliebig die Richtung ändern. Verkehr, das ist ein gleichmäßiger Strom, in dem sich alle an allgemeine Spielregeln halten müssen. Der Bahn wird dies durch den Verlauf der Gleise vorgegeben. Im Straßenverkehr muss ich immer im Strom schwimmen und kann nur dort abbiegen, wie es auch erlaubt ist. Verkehr hat also immer ein bestimmtes Element der Unfreiheit eingepflanzt. Ich bin trotzdem zufrieden, denn so brauche ich mir keine Gedanken zu machen, wie ich fahren muss. Den Weg kenn ich eh nicht.
Sie streicht immer noch wie eine Wilde in ihren Unterlagen herum. Hin und her, vor und zurück. Sie sieht hübsch aus. Ich muss aussteigen, unsere Wege trennen sich. Ich nehme meinen Rucksack, stehe auf und gehe an ihr vorbei. Kurz blickt sie auf und lächelt. Dann wandert ihr Blick wieder aufs Papier. Ich konnte zurücklächeln. Ein kurzer, intimer Moment in diesem anonymen Zug. Toll. Draußen trete ich auf den nahezu menschenleeren Bahnsteig. Ich blicke kurz durch eines der Zugfenster, aber das Mädchen sehe ich nicht mehr. Dann fährt der Zug ab.
Sie sitzt mir gegenüber, mit all ihren Heften, Büchern und Ordner auf dem Schoß. Geschäftig blättert sie in einem hellgrünen Hefter, schlägt Seiten auf, um und wieder zu. Eine Zugfahrt kann so spannend sein. Ich blicke sie lange an, mustere sie eingehend von oben bis unten, aber unauffällig. Sie trägt weiße Turnschuhe (könnten von Puma sein), eine schwarze Jacke und sie hat sich einen Schal mit Karomuster um den Hals gewickelt. In der freien Hand hält sie ein zerknülltes Papiertaschentuch, mit der anderen blättert sie die einzelnen Seiten um. Sie sieht mich nicht an. Ich sitze also im Zug und hacke diesen Text hier in die Tastatur. Mein Akku reicht wohl nur noch zwanzig Minuten, weshalb ich mich doch etwas beeilen muss. Trotzdem arbeite ich genau...bald muss ich sowieso aussteigen. Sie zückt einen roten Fineliner und markiert hektisch irgendwelche Textstellen. Anstreichen, Durchstreichen, Unterstreichen. Schön macht sie das und ich könnte ihr noch lange dabei zusehen. Trotzdem fällt mein Blick aus dem Fenster. Regionalexpress. Das bedeutet ja immer auch, dass sie Landschaft an einem vorbei rauscht, nicht aufzuhalten ist. Bäume und Sträucher fliegen an mir vorüber. Ein gutes Tempo hat der Zug. Die sechs Minuten Verspätung wird er trotzdem nicht aufholen können. Nicht auf dieser kurzen Wegstrecke. Sie ist immer noch sehr beschäftigt. Hat sicher mit Schule oder dem Studium zu tun. Ich gucke weg, denke lieber nach. Wie ist das denn so mit dem Verkehr. Zugverkehr, Straßenverkehr. Für mich ein Moment der Freiheit. Sich einfach irgendwo reinsetzen und dann irgendwohin fahren. Entweder selbst, wie mit dem Auto, oder man wird gefahren, so wie ich jetzt im Zug. Aber ist diese Freiheit nicht nur eine oberflächliche? Ich kann ja schließlich nicht ausbrechen, kann nur Start und Ziel frei und selbst bestimmen. Im Zug bin ich nur Passagier und eigentlich unfrei. Selbst im Auto kann ich nicht beliebig die Richtung ändern. Verkehr, das ist ein gleichmäßiger Strom, in dem sich alle an allgemeine Spielregeln halten müssen. Der Bahn wird dies durch den Verlauf der Gleise vorgegeben. Im Straßenverkehr muss ich immer im Strom schwimmen und kann nur dort abbiegen, wie es auch erlaubt ist. Verkehr hat also immer ein bestimmtes Element der Unfreiheit eingepflanzt. Ich bin trotzdem zufrieden, denn so brauche ich mir keine Gedanken zu machen, wie ich fahren muss. Den Weg kenn ich eh nicht.
Sie streicht immer noch wie eine Wilde in ihren Unterlagen herum. Hin und her, vor und zurück. Sie sieht hübsch aus. Ich muss aussteigen, unsere Wege trennen sich. Ich nehme meinen Rucksack, stehe auf und gehe an ihr vorbei. Kurz blickt sie auf und lächelt. Dann wandert ihr Blick wieder aufs Papier. Ich konnte zurücklächeln. Ein kurzer, intimer Moment in diesem anonymen Zug. Toll. Draußen trete ich auf den nahezu menschenleeren Bahnsteig. Ich blicke kurz durch eines der Zugfenster, aber das Mädchen sehe ich nicht mehr. Dann fährt der Zug ab.
bflo - 25. Okt, 23:55
