Samstag, 25. Oktober 2008

Das hübsche Mädchen

Freitag, 24. Oktober, München

Sie sitzt mir gegenüber, mit all ihren Heften, Büchern und Ordner auf dem Schoß. Geschäftig blättert sie in einem hellgrünen Hefter, schlägt Seiten auf, um und wieder zu. Eine Zugfahrt kann so spannend sein. Ich blicke sie lange an, mustere sie eingehend von oben bis unten, aber unauffällig. Sie trägt weiße Turnschuhe (könnten von Puma sein), eine schwarze Jacke und sie hat sich einen Schal mit Karomuster um den Hals gewickelt. In der freien Hand hält sie ein zerknülltes Papiertaschentuch, mit der anderen blättert sie die einzelnen Seiten um. Sie sieht mich nicht an. Ich sitze also im Zug und hacke diesen Text hier in die Tastatur. Mein Akku reicht wohl nur noch zwanzig Minuten, weshalb ich mich doch etwas beeilen muss. Trotzdem arbeite ich genau...bald muss ich sowieso aussteigen. Sie zückt einen roten Fineliner und markiert hektisch irgendwelche Textstellen. Anstreichen, Durchstreichen, Unterstreichen. Schön macht sie das und ich könnte ihr noch lange dabei zusehen. Trotzdem fällt mein Blick aus dem Fenster. Regionalexpress. Das bedeutet ja immer auch, dass sie Landschaft an einem vorbei rauscht, nicht aufzuhalten ist. Bäume und Sträucher fliegen an mir vorüber. Ein gutes Tempo hat der Zug. Die sechs Minuten Verspätung wird er trotzdem nicht aufholen können. Nicht auf dieser kurzen Wegstrecke. Sie ist immer noch sehr beschäftigt. Hat sicher mit Schule oder dem Studium zu tun. Ich gucke weg, denke lieber nach. Wie ist das denn so mit dem Verkehr. Zugverkehr, Straßenverkehr. Für mich ein Moment der Freiheit. Sich einfach irgendwo reinsetzen und dann irgendwohin fahren. Entweder selbst, wie mit dem Auto, oder man wird gefahren, so wie ich jetzt im Zug. Aber ist diese Freiheit nicht nur eine oberflächliche? Ich kann ja schließlich nicht ausbrechen, kann nur Start und Ziel frei und selbst bestimmen. Im Zug bin ich nur Passagier und eigentlich unfrei. Selbst im Auto kann ich nicht beliebig die Richtung ändern. Verkehr, das ist ein gleichmäßiger Strom, in dem sich alle an allgemeine Spielregeln halten müssen. Der Bahn wird dies durch den Verlauf der Gleise vorgegeben. Im Straßenverkehr muss ich immer im Strom schwimmen und kann nur dort abbiegen, wie es auch erlaubt ist. Verkehr hat also immer ein bestimmtes Element der Unfreiheit eingepflanzt. Ich bin trotzdem zufrieden, denn so brauche ich mir keine Gedanken zu machen, wie ich fahren muss. Den Weg kenn ich eh nicht.
Sie streicht immer noch wie eine Wilde in ihren Unterlagen herum. Hin und her, vor und zurück. Sie sieht hübsch aus. Ich muss aussteigen, unsere Wege trennen sich. Ich nehme meinen Rucksack, stehe auf und gehe an ihr vorbei. Kurz blickt sie auf und lächelt. Dann wandert ihr Blick wieder aufs Papier. Ich konnte zurücklächeln. Ein kurzer, intimer Moment in diesem anonymen Zug. Toll. Draußen trete ich auf den nahezu menschenleeren Bahnsteig. Ich blicke kurz durch eines der Zugfenster, aber das Mädchen sehe ich nicht mehr. Dann fährt der Zug ab.

Rot und weiß

Donnerstag, 23. Oktober, München

Er rückt die schief sitzende rote Fliege an seinem Hals wieder korrekt in die Mitte, stülpt die zu langen Hemdsärmel nach oben und knöpft sein weinrotes Jackett vorne ordentlich zu. Die Weinverkostung kann beginnen, es ist neun Uhr morgens. Manche beneiden ihn um seinen Job, er selbst hat es oft einfach nur satt. Ich beobachte ihn, als ich mich durch das große Kaufhaus wühle, auf der Suche nach ihr. Sie, die aus Südafrika kam, macht ab und an Promotion für irgendeine Firma, die ich wohl nicht kenne und falls ich sie doch kennen sollte, wohl lieber nicht kennen wollen würde. Heute soll sie hier sein, weiß ich, bilde ich mir ein. Die genaueren Umstände, wie ich an diese Information gekommen bin, kann ich hier nicht erklären. Wahrscheinlich bin ich viel zu früh. Niemand macht um diese Uhrzeit Promotion für irgendetwas.
Außer er.
Die Weinprobe beginnt um Punkt viertel nach neun. Die ersten Interessenten kommen und er schenkt ihnen Wein ein. Die Kunden trinken wacker aus, er auch. Und gleich noch ein kleines Gläschen hinterher, denn auf einem Bein kann man ja bekanntlich nicht stehen. Den Spruch kenne ich sonst zwar vom Schnapstrinken, aber er scheint um diese frühe Uhrzeit auch auf den Weintrinker anwendbar. Nun perlt Rotwein in zwei hübsch gestaltete Gläser. Der nächste “Interessent”. Sieht sehr trinkfest aus und hat auch bereits eine leicht rote Nase. Das Jackett sitzt noch. Wenn das in dem Tempo weiter geht, müssen sie den jungen Mann gegen Mittag austauschen, denn dann kann er vermutlich nicht mehr wirklich sicher auf seinen eigenen Beinen stehen. Vorerst aber sind keine weiteren Besucher mehr an seinem Stand. Er packt die leeren Gläser in einen roten Korb unter dem Tresen, der extra dafür aufgebaut wurde, und holt einige neue aus einem Pappkarton daneben. Es knallt einige Male, denn er entkorkt sicherheitshalber gleich noch ein paar neue Flaschen. Man kann ja nie wissen. Ich hingegen gehe zunächst weiter und suche in dem großen Kaufhaus überall nach ihr. ÜBERRASCHUNG. Missglückt aber leider, denn ich kann sie beim besten Willen nirgends finden. Wahrscheinlich ist es einfach noch zu früh...schade. Aber nicht für das Jackett. Um seinen Stand hat sich zwei Stunden später eine Menschentraube gebildet. Großer Andrang...anscheinend wollen sehr viele Menschen um diese Zeit Alkohol quasi “for free”, selbst wenn es nur eine kleine Menge ist. Und er trinkt wacker mit...Rotwein, Weißwein, das ganze Programm...gut durchgemischt und wild durcheinander. Sehr interessant. Auch ich trinke, als gerade wenig los ist, ein Gläschen Rotwein und ein wenig Weißwein mit ihm. Hat es sicher auch nicht leicht der arme Kerl...sicher auch wegen den Frauen. Ich kann den Wein gut gebrauchen. Plötzlich merke ich, dass das Jackett schon etwas lallt, leicht wankt und seine Augen ganz glänzend sind. Mittlerweile ist es zwölf Uhr mittags. Wie doch die Zeit vergeht. Da kommt sein Chef, hat ihn zuvor wohl aus einiger Entfernung beobachtet. Der merkt natürlich auch, dass einer seiner Angestellten nicht mehr so ganz klar ist (mittlerweile ist das Lallen schlimmer geworden). Der Chef sieht die leeren Flaschen, murmelt irgendetwas von “musst du bezahlen” und schickt das Jackett schließlich weg, ehe er hektisch zu telefonieren beginnt. Ich klopfe dem jungen Mann leicht auf die Schulter und er lächelt, während er sich die Fliege vom Hals reißt und geht. Er blickt sich nicht um. Auch ich fahre nach Hause, zwar enttäuscht wegen ihr, aber dennoch angenehm berauscht vom Wein. Rot und weiß.

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