Dienstag, 28. Oktober 2008

Blende 8

Montag, 27. Oktober, München

Es ist dunkel, aber hinter dem Bahnhof erhellen einige Lampen die Umgebung und die vielen Fahrräder, die dort abgestellt wurden. Ich stelle mich etwas abseits an die Wiese und beginne zu pinkeln. Der Druck ist einfach zu groß. Mein fester Strahl trifft zuerst eine Schachtel Marlboro Lights, ehe er sich vollständig über einem grünen Fläschchen Jägermeister ergießt. Da hinter der kleinen Grünfläche ein steiler Berg, der in Richtung Bahnsteig führt, beginnt, muss ich aufpassen, dass der Urin nicht zurück und mir auf die Schuhe läuft. Alles geht gut. Die Zigarettenschachtel sieht durchgeweicht und labbrig aus. Der schwarze „Sie-bekommen-Krebs-Aufdruck“ ist gänzlich verschwunden. Von der Kräuterschnapsflasche hat sich das Etikett gelöst. Niemand scheint um diese Uhrzeit unterwegs zu sein. Es ist nasskalt und regnerisch. Übermorgen soll es schneien. Sophie scheint endgültig verschwunden zu sein. Ich habe schon ziemlich lange nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten versucht uns ein paar Mal zu treffen, aber irgendwie hat das nie so richtig geklappt. Nun meldet sie sich nicht mehr, beantwortet weder SMS noch E-Mail. Keine Ahnung was da los ist. Ich erinnere mich an die wenigen Treffen mit ihr, die gemeinsamen Minuten letzten Winter und einige Male im Sommer. Viel zu selten. Ich erinnere mich daran, wie K. die Widmung für sie in sein Buch geschrieben hat, wie ich gar nicht so recht glauben konnte, dass das nun wirklich da schwarz auf weiß auf dem Papier steht. Das alles war toll. Also sie mir eine Suppe empfohlen hatte, als ich etwas krank war und das gemeinsame Referat anstand. Als sie selbst diese Kartoffelsuppe mit Wienern drin gegessen hat, die so grauenhaft war, wie selten zuvor etwas, dass ich gegessen habe. Es klingt irgendwie kitschig, aber dieser Rückblick geht mir durch den Kopf, als ich hinter dem Bahnhof uriniere. Kann eigentlich nicht normal sein. Wahrscheinlich hat sie auch wieder so viel zu tun, macht drei oder vier Projekte gleichzeitig. Oder sie hat ihr Handy verloren und meine Nachrichten erreichen sie nicht mehr. Aber zumindest die Mails kommen an. Wie dem auch sei; wenn ich hier so stehe und auf Alkohol und Zigaretten pisse, geht mir das durch den Kopf. Das ist eigentlich ziemlich traurig. Wir begegnen uns an der Uni auch nie, da sie da glaube ich niemals ist. Möglicherweise pausiert sie auch ein Semester oder ist im Ausland oder sonst irgendwo. Ich weiß es nicht, würde es aber zu gerne erfahren. Ich schließe also den Reißverschluss meiner Jacke und beende meine Gedanken. Es ist doch kälter geworden, weshalb ich beschließe den Kragen noch ein Stück höher zu klappen und zu gehen. Auch der Nieselregen wird stärker. Meine Schritte hallen unheimlich durch die Stille. In der Ferne höre ich ein Martinshorn. Ganz weit weg.

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