Freitag, 25. Juli, München
Der Tag ist gekommen. Morgens erwache ich aus einem Alptraum…die Müllmänner, die sich lautstark vor meinem Fenster miteinander unterhalten, wecken mich um kurz vor acht. Irgendwo in den Bäumen zwitschern Vögel…es ist ein angenehmer Morgen. In meinem Traum hat ein alter Mann einen Freund von mir mit einer Gabel attackiert…wie im Film. Darüber, dass ich geweckt wurde bin ich nicht traurig. Vormittags rede ich mir beständig ein, dass es doch gar nicht so schlimm sei, ein Jahr älter zu werden. So ist eben der Lauf der Dinge. Etliche Freunde und Bekannte gratulieren mir per Sms oder E-Mail. Sie ist nicht unter ihnen, scheint mich heute wohl endgültig vergessen zu haben. Ihr eigener Geburtstag fiel in die Zeit nach Südafrika. POKALFINALE, FEIER, RAUSCH. Eine Party, von der ich viel zu schnell verschwunden bin…damals, vor drei Monaten. Es fühlt sich an, als sei das Jahre her. Geburtstage bedeuten ihr nichts, mir ja irgendwie auch nicht, und trotzdem hätte ich mich über einen Gruß von ihr natürlich gefreut. Ich warte! Wie lange? Ich bin geduldig, werde geduldig sein. Zu lange? Ich hoffe nicht!
Abends dann Kinoopenair am Königsplatz. Mit ein paar Freunden zu „Sex and the city“. Eigentlich ein Frauenfilm, aber ich konnte das nicht ändern. Ich wollte an meinem Geburtstag unbedingt da hin…der Film war dabei eher Nebensache.
Zwei Idioten moderieren den Streifen gegen zehn Uhr an…sie sind nur noch peinlich…FREMDSCHÄMEN. Das ist definitiv kein Männerfilm, ganz gewiss nicht. Irgendwann mache ich es mir auf meiner Decke gemütlich, höre nur noch Stimmen von der Leinwand und blicke nachdenklich in den Sternenhimmel.
„Ich seh den Sternenhimmel, Sternenhimmel, Sternenhimmel, oho…“
Darum wollte ich unbedingt hier her…im Freien einen Blick in die Unendlichkeit wagen.
Ich tauche komplett in sie ein, verschwinde darin und bin frei…Sprachfetzen dringen an meine Ohren, verdichten sich aber sofort zu einem dichten Knäuel Stimmengewirr.
Da, eine Sternschnuppe! Ich schließe die Augen und wünsche mir etwas. "Happy birthday to me", murmle ich vor mich hin. Genau darum bin ich hergekommen.
bflo - 26. Jul, 14:38
Donnerstag, 24. Juli, München
Ich befinde mich in einem Zwischenstadium, quasi im luftleeren Raum, im Vakuum. Der Tag vor meinem Geburtstag beginnt für mich mit einkaufen. Ich wühle mich zügig durch die Geschäfte, nur um möglichst rasch wieder nach hause zu kommen. Dort angekommen schiebe ich das neue Coldplay-Album in den CD-Player und versuche mich zu entspannen...im Zwischenstadium. In der Hoffnung, dieser Tag möge für immer bleiben, nie mehr vergehen, schließe ich die Augen und will sie erst wieder öffnen, wenn der Kalender automatisch auf Samstag geschaltet hat. Der Fünfundzwanzigste soll einfach ausgelassen werden. Den braucht doch keiner. Ich möchte nicht älter werden. Als Kind war Geburtstag immer etwas zauberhaft-magisches, das man “hatte” und über das man sich auch freute. Inzwischen stößt mir Geburtstag förmlich zu. Man wird beständig älter, mehr nicht. Der Zustand an diesem Donnerstag ist eben ein merkwürdiger - fast schon im neuen, aber dann eben doch noch im alten Lebensjahr. Vom Gefühl her waren für mich auch die markanten Geburtstage, der sechzehnte und der achtzehnte, nicht so etwas besonders. Man bekommt formal ein paar mehr Rechte, aber auch eine ganze Reihe verschiedenster Pflichten. Geburtstag haben heißt immer auch einen Übergang vollziehen...Kind-Jugendlicher, Jugendlicher-Erwachsener...so ist das eben. Wenn man vierundzwanzig wird, passiert ja eigentlich nichts Großartiges. Dennoch fühle ich, dass ich heute nur auf Sparflamme laufe, nicht im endgültigen Betriebsmodus. Morgen im Laufe des Tages werde ich hoffenlich meine volle Betriebsleistung wieder zurückbekommen. Schließlich muss ich meine Augen trotzdem wieder öffnen und in den taghellen Mittag blinzeln,. ZUVERSICHT...pass auf Neuland. Michaela gestern hatte Recht, als sie meinte, dass das alles gar nicht so schlimm sei. Wird schon werden...kluge Worte, wie ich jetzt feststelle. Das Situationsvakuum scheint überwunden. Ich gehe raus auf die Straße, die wenigen Stunden genießen, die mir im alten Lebensjahr noch bleiben.
bflo - 25. Jul, 09:43
Mittwoch, 23. Juli, München
Der Tag tat mir gut. Es hatte endlich aufgehört beständig zu regnen. Nun kommt der Sommer zurück, da bin ich mir sicher. Abends treffe ich mich mit einer alten Schulfreundin. Man hat sich längere Zeit schon wieder nicht gesehen, weshalb es viel zu erzählen gibt. INFORMATIONSAUSTAUSCH. Aus verschiedenen Richtungen führen unsere Wege zum Isartor...Begrüßung, Umarmung...los gehts. Dann gehen wir Sushi-Essen, ganz in der Nähe und gar nicht teuer. Perfekt. Vom Abend bleibt als Erkenntnis die Tatsache, dass nicht alles so schlecht ist, wie ich denke, dass es ist. Durch sie erkenne ich das Positive. Man darf stolz auf sich sein, ohne gleich als eingebildet zu gelten. Wir sind jung, besuchen eine der deutschen Eliteuniversitäten und die Zukunft steht uns offen. Wir können viel aus unserem Leben machen, haben schon einiges erreicht, aber das Beste kommt noch...kommt zum Schluss. Noch lange sitzen wir so zusammen, mümmeln leckeres Sushi und trinken Litschi-Schorle. GESELLIGKEIT. Dann endet der Abend und sie bringt mich mit dem Auto zum Bahnhof, wo ich mein Fahrrad geparkt habe. Unsere Wege trennen sich...auf ein baldiges Wiedersehen - wir freuen uns.
Nachdenklich radle ich noch durch die Nacht, halte irgendwo an irgendeiner Tankstelle und kaufe mir ein Bier.
Lange war ich nicht mehr hier gewesen, zu lange. Meine Bank befindet sich in einem kleinen Park, unweit von meiner Wohnung entfernt, etwas versteckt und nicht so leicht zu finden. Mittlerweile ist es stockdunkel. Es ist kein Mensch unterwegs und die dichte Dunkelheit umhüllt mich auf meinem Weg durch die Nacht. Ich stelle mein Rad ab, öffne mein Bier, trinke den ersten Schluck und lasse mich auf der Bank nieder. Plumps. Diesen Abend sollte ich keinen Menschen mehr treffen. Ich sitze noch lang Zeit so da, starre in das Maisfeld vor mir und auf die, vom Regen leicht geknickten Schachtelhalme. Grillen zirpen, der Wind weht leicht und der Himmel ist bedeckt, so dass keine Sterne zu sehen sind. Im Unterholz beginnt es leise zu knacken, das liebe ich, es erzeugt so eine ganz spezielle Stimmung. Ich lausche der Natur und trinke Bier. Schließlich mache ich mich aber doch auf den Weg nach Hause. GEDANKENVOLL.
bflo - 24. Jul, 10:19
Dienstag, 22. Juli, München
Gelangweilt blättere ich in einer Zeitschrift für Psychologie...ausgeliehen in der Bibliothek. Ich sitze in der S-Bahn, bin auf dem Weg zur Universität und halte dabei einen dampfenden Becher Kaffee in der Hand. Heller Rauch steigt vom dem weißen Pappbecherrand auf und der angenehme Geruch von gemahlenen Kaffeebohnen schmeichelt meiner Nase. Ich beginne Stück für Stück aufzuwachen und mich langsam für die Artikel in der Zeitschrift zu interessieren. Schüchternheit, Traumdeutung, Seelenheil. Eine interessante Themenauswahl.
Alles läuft nach Plan...das ist das Problem. Ich denke mir oft, dass es womöglich besser wäre, wenn von verschiedenen Seiten Störfaktoren in mein Leben treten würden. Es läuft alles zu perfekt, zu reibungslos, beinahe ölig-glatt. Nirgendwo anecken, sich durch den Alltag winden...Beständigkeit und Konstanz als magische Schlagworte, als Richtlinien dessen, was man Leben nennt. Stiller Schrei...jemanden, der die Ruhe stört. Es wird nicht einfach, denn der Mensch braucht Abwechslung, will beständig bespaßt und unterhalten werden. Da darf kein Trott einkehren, ein Fehler im todsicheren System. Der Quellcode der Matrix muss geändert werden. Wenn alles nach Vorgabe läuft, wo darf sich dann der “Bug” einschleichen, der den Rhythmus stört und das System zur Aufgabe zwingt? Ich suche den, der mir diesen Fehler hinein programmiert in mein narrensicheres System. UNANTASTBARKEIT...UNSTERBLICHKEIT. Was läuft da ab? Locker werden, wie freitags, nur ohne Alkohol. Reibungslosigkeit unterbinden durch Kontaktsuche. Leute ansprechen, Kritik ernten, Fehler eingestehen und das alles genießen. Erste Schritte auf dem Weg zur wiedergewonnenen Selbstsicherheit., Restauration. Die eigenen vier Wände im Kopf renovieren. Alles neu streichen...Tapetenwechsel.
Ich lege die Zeitschrift auf den leeren Platz neben mir und schließe die Augen. Gute Vorsätze...mal sehen, ob ich sie halten kann und was sie bringen werden...wenn überhaupt. Als ich meine Augenlieder wieder öffne und ins Licht blinzle, lächelt mir die junge Frau, die in der Zwischenzeit auf dem Platz gegenüber sitzt, zu.
bflo - 23. Jul, 08:49
Montag, 21. Juli, München
Als ich frühmorgens erwache, merke ich, dass ich wie ein Stein geschlafen habe, obwohl ich gar nicht so spät ins Bett gekommen bin. Es ist ein typischer Morgen danach, an dem man sich zwar schlapp und zunächst matt fühlt, einem sonst aber nichts fehlt. Die rasenden Kopfschmerzen sollten am Nachmittag kommen. Ich betreibe Ursachenforschung und versuche damit irgendjemandem den „schwarzen Peter“ zuzuschieben. Wie hatte es wieder soweit kommen können. Es war plötzlich alles zu viel geworden. Da denkst du an die gemeinsamen Minuten mit ihr, die so schön waren, dass du dir wünschst, sie mögen niemals enden oder immer wiederkehren. Du genießt jede Sekunde, die du mit ihr zusammen bist, hängst nur an ihren Lippen und lauscht jedem ihrer Worte. Dann ist die gemeinsame Zeit um, die Wege trennen sich und du hörst tagelang nichts mehr von ihr, obwohl sie versprochen hatte, sich zu melden. Das gibt dir dann irgendwie einen Stich, irgendwohin, wahrscheinlich mitten ins Herz. Dabei wirst du so traurig, dass es dich schier zu Boden drückt und du glaubst, nicht mehr aufstehen zu können. Dann fragst du dich, warum die gemeinsam verbrachte Zeit eine Ausnahme darstellt, nicht zur Regel werden und öfter stattfinden kann. Das ist der Moment, in dem du begreifst, dass in der Beziehung zu ihr alles verloren zu sein scheint. DAS IST DIE URSACHE. Du gehst frustriert auf eine Party, wo wieder alles anders läuft, als du es dir gewünscht hast. Du wirst noch trauriger und beginnst Bier zu trinken…viel Bier, in der Hoffnung das würde irgendetwas ändern. Fehlanzeige. DAS IST DIE URSACHE. Ich sollte endlich lernen Dinge aktiv zu verändern, Sachen anzupacken und Neues zu wagen. Es scheint aber so zu sein, dass es, immer wenn ich es niederschreibe noch schwerer wird.
Ich liege auf dem Bett, verschränke die Arme hinter meinem Nacken und starre an die Decke. Dabei döse ich ein und was bleibt, ist das seltsame Gefühl der geistigen Verwirrtheit.
bflo - 21. Jul, 17:49
Sonntag, 20. Juli, München
Eingetaucht in eine fremde Welt. Zunächst stehe ich noch etwas unschlüssig rum, so als ob sich die Augen erst an das Neue gewöhnen müssen. Ich blinzle in die Runde, mustere so gut es eben noch geht die Leute und sehe mich um. Tische, Stühle ein Kühlschrank...es ist kein großer Raum. Ich habe mich hinunter in den Kaninchenbau gewagt und nun bin ich hier, in ihrer Welt. Ich erfahre, dass die Gastgeberin Christina heißt. Dabei muss ich zugeben, dass ich mir jetzt, da ich das hier niederschreibe gar nicht mehr so sicher bin, ob ihr Name wirklich Christina war. Aber ich gehe davon aus. Sie feiert mit ihren Freunden...ich glaube ihren 26. Geburtstag, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Es ist laut, aber wir können uns etwas unterhalten. Sie bietet mir ein Bier an und ich sage nicht nein. Das wievielte es an diesem Abend bereits ist? Ich habe aufgehört zu zählen. Christina ist sehr nett, sagt, dass es überhaupt kein Problem ist, dass ich hier sei und freut sich, mich kennen zulernen. Ein Junge hält sie im Arm und ich gehe schwer davon aus, dass es ihr Freund ist. Ich genieße die Zeit bei ihr und die Gesellschaft der anderen Leute...man unterhält sich sporadisch und der Alkohol beginnt bei mir langsam richtig reinzuhauen. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob ich Christina noch umarmen konnte, als ich gegangene bin, denn die letzten Minuten bei ihr scheinen aus meinem Gedächtnis getilgt. Was bleibt ist ein wenig blasse Erinnerung an ihre Welt und für ein paar Augenblicke konnte ich die andere Welt vergessen...loslassen. Kurze Worte des Abschieds, dann trete ich wieder über die Türschwelle. Ich habe keine Kontaktdaten wie Handynummer oder E-Mail-Adresse von ihr, aber das ist nicht wesentlich. Wichtig ist die Begegnung. Ich schließe die Tür des kleinen Partyraums hinter mir und bin wieder in meiner Welt. Langsam steige ich die Stufen hinauf und höre noch vereinzelt Stimmen, die nach und nach hinter mir im Nichts verhallen. Ein Freund fährt mich nach Hause, ich bin wortkarg und döse hin und wieder leicht ein. Beinahe lautlos rauscht das Auto durch die alles umschließende Finsternis.
bflo - 21. Jul, 11:21
Samstag, 19. Juli, München
Es war alles ein bisschen zu viel geworden, denn eigentlich war es das nicht wert. Trotzdem ist es passiert.
Ich hänge nahezu alleine auf diesem Sommerfest rum, das die, die ich kenne, heute anscheinend meiden...außer einem alten Freund, mit dem ich Abitur gemacht habe und der nun mit mir studiert, ist keiner gekommen, den ich gerne hätte sehen mögen. Er bleibt auch nur wenige Minuten und ein echter Partyhengst war er ja noch nie gewesen. Ich halte mich an diesem Abend lieber an das Freibier, das ausgeschenkt wird...die Feier sonst ist schrecklich. Eine Altherren-Combo spielt seltsamklingende Oldies...einer hat sich ein silbernes Blech umgeschnallt, auf dem er mit zwei Silberlöffeln entlang streicht. Bizarr. Der Typ hinter der Theke denkt mittlerweile sicher, dass ich Alkoholiker bin, aber man muss halt öfter vorbeikommen, wenn es das Bier in 0,33 Liter Flaschen gibt. Später treffe ich doch noch einen Bekannten und wir unterhalten uns etwas, ehe ich mein letztes Bier, das sogenannte Weg-Bier, ordere und mich auf den Weg zum Bahnhof mache. Ich will weiter gen Osten zu einem anderen Sommerfest. Am Ostbahnhof angekommen muss ich mich zunächst durchfragen, um die Straße in der es stattfindet überhaupt zu finden...immerhin bin ich ja auch schon mächtig angetrunken. Ein älterer Mann mit hoher Fistelstimme erklärt mir den Weg und wir unterhalten uns noch etwas über seine schweren Beine und den längeren Krankenhausaufenthalt Anfang des Jahres. Über Umwege erreiche ich schließlich mein Ziel...noch ist was los, ein paar Leute sind geblieben, aber viele auch bereits gegangen oder gerade am Gehen. Ich hole mir rasch Bier und erfahre, dass in den Räumen nebenan ein Mädchen mit ein paar Freunden Geburtstag feiert. Eine gute Gelegenheit interessante Leute zu treffen, denke ich mir, und betrete das Zimmer, in dem die Gastgeberin und ihre Freunde angeregt feiern. Wie auf Schienen habe ich den Weg gefunden. Eine unsichtbare Kraft scheint mich hier her geführt zu haben. Instinktiv halte ich nach dem weißen Kaninchen Ausschau. Hinter der Türschwelle tauche ich ein in eine fremde Welt...Enter the Matrix..
bflo - 20. Jul, 23:34
Freitag, 18. Juli, München
Das Tempo nimmt zu und alles um mich herum geschieht schneller. Schon der Morgen beginnt äußerst seltsam. Als ich durch die Stadt gehe, habe ich so ein komisches Gefühl, das ich nicht beschreiben kann...es kommt einfach über mich, ist plötzlich da, wie aus dem Nichts. Es verstört mich und als ich den REWE-Supermarkt, wo ich mir einen Becher markenlose Buttermilch gekauft habe, wieder verlasse muss ich an meinen Traum denken. Mit der Polizeiuniform durch die Stadt...echt unglaublich. Das Ganze könnte ein psychologisches Problem sein....UNIFORMWAHNSINN. Zumindest hat sich das ja doch geil angefühlt und der Traum wie ein Hollywood-Spielfilm, dessen männliche Hauptrolle ich verkörperte.
Den Weg zur Universität genieße ich dann aber trotzdem ein ganz kleines bisschen, auch ohne Aufmerksamkeit. Die Polizei kontrolliert junge Studenten, die mit ihren Fahrrädern auf dem Radweg in die falsche Richtung fahren. Die dürfen das, mich aber holt der Alltag ein. Im Seminar geht es heute um Vertrauen...sehr interessant und wichtig. Wem vertrauen wir wann und wo, wie und warum. Dazu wird Gebäck gegessen. Ein schöner Semesterabschluss. Mein Denken kommt in Fahrt. Wem vertraue ich eigentlich, wem nicht und warum nicht. Vertrauen, sagt Luhmann, reduziert Komplexität und macht unser Leben einfacher und lebenswerter. Leider nicht unbedingt sicherer. Ohne geht es nicht, denn man muss ja immer auf etwas vertrauen können und nicht alles kann hinterfragt werden. Wie wäre mein Leben, wenn ich nicht darauf vertrauen könnte, dass wenn ich morgens aus dem Bett steige, der Boden unter meinen Füßen noch da ist? - Das wäre die Hölle. VÖLLIGE INFRAGESTELLUNG DES DASEINS!
bflo - 19. Jul, 23:39
Donnerstag, 17. Juli, München
Ein Freund von mir ist Polizist. Es gibt nicht viele Partys bei ihm und nicht oft wird gefeiert, aber diesmal ist es wieder soweit. Der Abend verläuft angenehm, alle sind gut drauf…trinken, unterhalten sich und haben Spaß. Spät nachts verwechsle ich zwei Türen, gerate statt auf die Toilette ins Schlafzimmer und sehe am Kleiderschrank eine lindgrüne Polizeiuniform mit dazugehöriger Hose und Mütze hängen. Wie darauf programmiert nehme ich die Kleidungstücke mitsamt dem Kleiderbügel, klemme mir die Mütze unter den Arm und verschwinde unbemerkt aus der Wohnung. Drei Stockwerke später stehe ich auf der Straße und verstaue meine Beute im Auto. Das Ganze dauert keine zehn Minuten und wenig später mische ich mich auch schon wieder unter die Partygäste. Keiner hat mein heimliches Treiben bemerkt.
Der nächste Tag ist ein Sonntag, es gibt also nichts zu tun. Ich erwache auf der Couch meines Freundes morgens um neun. Einige andere Gäste haben in Schlafsäcken auf dem Boden oder auf unbequemen Stühlen geschlafen. MITTAGESSEN…VERABSCHIEDUNG…HEIMFAHRT. Dort dann völlig nüchtern die schicke Uniform genommen und zum Marienplatz gefahren.
Auf dem ekligen Bahnhofs-WC nehme ich mir eine Sitzkabine und ziehe mich um. ALTER EGO. Als Polizist trete ich wieder ans Tageslicht. Ich genieße zunächst jede Minute in der Uniform. Menschen werfen mir neugierige Blicke zu, Frauen bleiben stehen und Kinder bewundern mich. Ich werde um Hilfe gebeten und nach dem Weg gefragt. Ein geiles Gefühl und ich merke, dass mir die Kleidung steht. Sollte ich öfter tragen. Vom Marienplatz gehe ich bis nach Schwabing. Auf Höhe der Münchner Freiheit sauge ich noch einmal die bewundernden Blicke auf, ehe ich im WC eines Schnell-Restaurants verschwinde und mich wieder umziehe. ALTER EGO. All das war eine interessante Erfahrung, aber ich habe mich verkleidet gefühlt. Nun bin ich wieder ich. Demaskiert…natürlich. Wäre auf Dauer doch nichts für mich.
Meinem Freund stelle ich Stunden später eine Tüte mit Uniform, Mütze und Hose vor seine Wohnungstür…alles schon ordentlich zusammengelegt.
Auf einen Zettel schreibe ich „Entliehen um eine besondere Erfahrung zu machen! Sorry! – Ein Freund“ und lege ihn oben auf die Sachen. Wieder auf der Straße läute ich und laufe schnell weg. Ob er den Krempel schon vermisst hat? Auf dem Heimweg denke ich über das Geschehene nach.
Irgendwo schreien plötzlich Vögel. Es ist frühmorgens und ich erwache…irritiert, aber glücklich ob des interessanten Traums, den ich im Schlaf erlebt habe.
bflo - 17. Jul, 21:53
Mittwoch, 16. Juli, München
Das Semester geht zu Ende...Auflösung. Es war aufregend, abwechslungsreich und informativ. Solche wird es nicht mehr viele geben...schade eigentlich. Es ist immer noch der Nachhall der gestrigen Begegnung mit ihr, der mein Herz in neuerliche Schwingung versetzt. Der Schalter scheint umgelegt, doch bin ich keinen Millimeter vorangekommen. Mit ihr Kontakt aufnehmen ist wahrlich nicht leicht. In neun Tagen habe ich Geburtstag...wieder einmal ein Jahr älter werden. Sandra habe ich heute zum letzten Mal für drei Wochen gesehen. Sie schenkt mir Pralinen...hübsch eingepackt in hellgelbes Krepppapier. So etwas, denke ich mir, können wahrlich nur Frauen. Ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk, da wir uns ja nicht mehr sehen. Ich bin ebenso überrascht, wie erfreut. Riesig.
Manchmal, da fährt alles in einem wie wild Achterbahn. Da hat man plötzlich jede Menge Optionen und Wahlmöglichkeiten, wo es zuvor oftmals rein gar nichts gab. Da passiert dann eben immer alles so gleichzeitig.
Meistens will ich das, was ich sowieso nicht bekommen kann...das ist nun mal so. Kampf und Herausforderung. Ich muss beides suchen...diesen Weg wählen. Leben ist nicht nur Sicherheit. Das Spiel suchen und annehmen. Ich fühle sie wieder, die ANGST vor dem Rückschlag...dann fällt alles in Scherben. Das Gute und Sichergeglaubte geht unter...ein Schritt, den man nicht rückgängig machen kann. PANIK. Womöglich dramatisiere ich unnötig und es würde nichts passieren...was aber, wenn doch? Den status quo reiten wie einen alten, gebrechlichen Schimmel, auf dem man sich sicher und geborgen glaubt. Das beste Pferd steht noch im Stall...es ist neu und heißt Veränderung. Auf die Zukunft bauen...öfter treffen, länger reden. Im Ernstfall das Herz in beide Hände nehmen und auf den Tisch packen. Direkt in die Mitte, zwischen uns, damit jeder etwas davon hat. GEBRAUCHSANLEITUNG. VERWIRRUNG 2.0. Die Pralinen wandern zu Hause in den Kühlschrank. Da werden sie noch etwas bleiben...in meinem alten Leben, neun Tage lang.
bflo - 17. Jul, 09:47