Mittwoch, 16. Juli 2008

Der Moment

Dienstag, 15. Juli, München

Was für ein Tag! Ultra komplex, dicht und bis obenhin vollgestopft mit Eindrücken und Erlebnissen. Ich weiß beinahe nicht, wo ich beginnen soll. Sechs Semester an der Universität ist eigentlich eine sehr lange Zeit. Ich bin oft dort, weshalb ich viele Leute kenne...vorwiegend Frauen, was wohl an meinen stark feminin geprägten Studienfächern liegt. Schon früh am Morgen geht es los: bekannte Gesichter kreuzen meinen Weg in die Vorlesung...am U-Bahnhof schnell noch einen Becher Kaffee mit auf den Weg genommen...Nervennahrung-flüssig...Sie getroffen...Smalltalk, nichts weiter. So geht das. Rückkehr aus dem Englischen Garten...es reicht wieder nur für ein ganz kurzes Gespräch: “Neues Semester schon geplant?” - “Nee, noch nicht...erstmal Urlaub und schauen, was kommt.” - “Na dann alles Gute!” - “Danke, dir auch!”. Ich setze meinen Weg fort, treffe erneut ein Mädchen. Sie hat ihren Bus verpasst, darum bleib Zeit zu reden. Ein tieferes Gespräch...essentiell. Ich soll mich doch in den Ferien mal melden und dann trinken wir mal nen Kaffee zusammen. Gute Idee...genau das werde ich tun.
Nach kurzem Aufenthalt in der Bayrischen Staatsbibliothek treffe ich sie...die wichtigste Person des heutigen Tages...in der Cafeteria mittags zum Essen. Endlich einmal. Schon vormittags hatte ich auf ihre Sms gewartet. Ich sprinte zu ihr...am Nachmittag hat sie noch eine Prüfung. Beistand. Ich hatte Hunger, doch der ist nun weg. Sie, die vor nicht allzu langer Zeit in Südafrika war, hat sich einen Salat geholt und isst schon, als ich komme. Mein Appetit ist verflogen, ich beobachte nur noch sie und hole mir erneut einen großen Kaffee in einem gelb-blauen Pappbecher. Appetitlosigkeit als Bestandteil dessen, was man wohl Liebe nennt. Ich habe die ganze Zeit nur Augen für sie...dummerweise höre ich bei dem was sie sagt manchmal nicht ganz genau hin. Mich fasziniert ihr Zungenpiercing, das immer dann glitzert, wenn sie spricht. Und obwohl ich so etwas eigentlich hasse, finde ich es bei ihr toll. An ihr ist einfach alles toll. Schließlich muss sie zu ihrer Prüfung, weshalb wir aufstehen und gehen. Während der Umarmung raune ich ihr ein sanftes “Viel Erfolg!” über die Schulter und schließlich gehen wir beide getrennte Wege. Zuvor jedoch konnte ich noch einmal einen Blick auf den metallenen Stecker in ihrer Zunge werfen.

Dienstag, 15. Juli 2008

Am Pranger

Montag, 14. Juli, München

Esra war zu weit gegangen. Eine Debatte über ein Verbot von Literatur...bis hinauf zur höchsten Instanz, Karlsruhe. Ist denn das die Möglichkeit...da wurde einiges missverstanden. Der Fall beginnt mich zu beschäftigen. Morgens noch kurz bei Ebay reingeschaut...fast 150 Euro für die Erstausgabe aus dem Jahr 2003. Das ist doch Wahnsinn. Ich selbst bekam nur einige Auszüge zu sehen, würde aber gerne noch weiterlesen. In meinen Augen ist das ein Stück gute Literatur, nicht unbedingt der ganz große Wurf, aber doch ziemlich gut. Ich bin für die künstlerische Freiheit...ein Verbot? Ausgeschlossen! Ein bisschen jedoch kann ich Esra verstehen, auch wenn ich denke, dass es ihr in erster Linie ums Geld geht. Zum Abschluss wird uns noch ein Video gezeigt: Maxim klagt sein Leid, verarbeitet in einem Song. Dazu schrammelt er ein paar Akkorde auf der Gitarre. Das ist gar nicht schlecht. Das Seminar ist zu Ende...Esra noch lange nicht. Es ist nicht vorüber, wenn es vorbei ist.
Es regnet den ganzen Tag...wie gestern und vorgestern.
Manchmal muss man sich ein Bier und etwas Zeit nehmen, um das Geschehene in Ruhe sacken zu lassen. Man sitzt da, starrt in sein Glas, schwenkt es mit einer Hand leicht hin und her und wartet dann bis sich der Schaum gesetzt hat. ZERFALLSPROZESS. Das Bierglas wird zum Spiegel der Seele und manche Dinge kann man erst begreifen, wenn man in Ruhe über sie nachgedacht hat. Diese Auszeiten sind bitternötig. Man trinkt den letzten Schluck, stellt das leere Glas zurück auf den Tisch und schluckt das Bier hinunter. Die milchig-weißen Schaumrückstände am Glasrand lässt man zurück, steht auf und geht. Später kommt die adrett gekleidete Bedienung und räumt den Tisch ab.
Auf der Leopoldstraße im strömenden Regen: Zwei Männer steigen an der roten Ampel aus ihren Autos, stellen sich auf die Straße und beginnen sich gegenseitig zu beschimpfen. Sie schreien sich an, gestikulieren und hinter ihnen hupt einer. Grimmig steigen sie schließlich wieder ein und brausen davon...einer nach links, der andere nach rechts. An einem Regentag mitten in München.

Montag, 14. Juli 2008

...das Murmeltier!

Sonntag, 13. Juli, München

Klitschko läuft ein, kämpft und siegt. Ein hübscher Kampf und am Ende wirken beide Akteure wie mechanische Roboterpuppen, denen langsam der Akku ausgeht. Ich muss sofort an die Werbung mit den Duracell-Hasen denke, die vor vielen Jahren über deutsche Bildschirme flimmerte. SCHMUNZELN. Mit einer Flasche Bier in der Hand sitze ich auf dem Sofa, schaue neugierig umher und unterhalte mich ab und an mit verschiedenen Partygästen, Es ist eben alles wie jedes Jahr...die anderen spielen amüsante Trinkspiele, auch ich konsumiere Alkohol und bin irgendwann leicht angetrunken. Eben wie immer. “Und täglich grüßt das Murmeltier!” Auch die Musik sorgt für einen krassen Flash-Back...”Cotton Eye Joe”, das Lied zur Stimmung, immerhin insofern, dass ich mich kurzzeitig wieder so fühle, als sei ich zehn oder elf Jahre alt. Trotzdem gut. Nach der obligatorischen Partie Tischtennis im angetrunkenen Zustand, verlasse ich die Party irgendwann gegen halb drei. Einige verstreute Nachtschwärmer bleiben noch. Würfeln, Schütteln, Saufen...so sollte es noch bis acht Uhr morgens gehen. Auf dem Weg nach Hause wir mir wieder bewusst, wie wenig sich in dem einen Jahr zwischen der Party 2007 und dieser geändert hat. Transzendentaler Stillstand, eben so, als würde jedesmal das Gleiche passieren...immer und immer wieder. Eben ein echter Murmeltiertag. Gefangen in einer Endlosschlafe der Erinnerung. Trotzdem freue ich mich schon auf nächstes Jahr, denn ich weiß ja jetzt schon, was passieren wird. “The same procedure as every year.” In meinem Zimmer fallt ich todmüde ins Bett und gleite in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Und täglich grüßt...

Samstag, 12. Juli, München

Schon der Weg hin zur Party ist irgendwie anders, lässt mich spüren, dass schon wieder ein Jahr vorbei ist. Geburtstags-Grillparty bei einem Kumpel...jedes Jahr aufs Neue...eigentlich ganz schön. RÜCKSCHAZ! Das Wetter spielt leider nicht mit, denn es hatte den ganzen Tag wie aus Kübeln geschüttet. Der Himmel zeigt sich wolkenverhangen und bedeckt, aber es sollte erst sehr spät nachts erneut zu regnen beginnen. AUSBLICKE! Ich gehe zu Fuß...ist ja nicht weit...gleich bei mir um die Ecke. Es riecht intensiv, aber keinesfalls unangenehm nach Holzkohle, als ich mich langsam dem massiven Stahleingangstor des Grundstücks nähere. Es ist offen...der Abend beginnt...Murmeltiertag.
Und in der Tat macht sich, nach der allgemeinen Begrüßung, so eine Art "Déjà-vu-Stimmung" um mich herum breit. Dieselbe Party, dieselben Leute...Jahr für Jahr. Nicht ganz, denn einige, die früher dabei waren, sind heute nicht mehr da, dafür sind aber neue Menschen hinzugekommen. Neue Freunde und die Freunde oder Freundinnen der Freunde.
"All my friends and lovers, will leave me behind."
Ich fühle mich wie Bill Murray. Es scheint, als wäre ich Teil einer riesigen Simulation von irgendetwas, bei der jemand den dicken roten “Repeat-Knopf” aktiviert hat und seitdem ständig gedrückt hält. Hier ist alles wie jedes Jahr, nur dass wir diesmal früher drinsitzen, weil es draußen rasch kühl und regnerisch ist.

Samstag, 12. Juli 2008

Trust

Freitag, 11. Juli. München

Drückende Hitze über der Stadt...alles stöhnt und ächzt unter der saharaartigen Sonneneinstrahlung. Der Schweiß, der sich auf der Stirn bildet, trocknet sehr rasch, steigt kondensiert in die Luft und hinterlässt Salz auf meiner Haut. Wenn ich daran lecke, schmeckt sie nach Meer und ich bekomme das Gefühl einer unsichtbaren Kruste auf meinem Oberarm. Sommer in München. Selbst in den Gebäuden steht die Luft, ist drückend und zum Schneiden dick. “Dein Herz schlägt schneller...” Im Seminar geht es um Vertrauen...komplex, schwierig und dennoch so enorm wichtig für unser tägliches Leben und Überleben. Wem vertraust du noch? Kostbares Gut im IT-Zeitalter. Silicium-Zeit...in der Eisenzeit war vieles besser. Im Netz agiert man oft unbeirrt, traut jedem und nimmt an, dass es alle gut mit einem meinen. TRUGSCHLUSS. Ich schieße nicht, bin Pazifist, außer Vertrauen vor. Da bin auch ich oft zu schnell. SCHNELLFEUER. “Dein Herz schlägt schneller...” Dem Freundeskreis, dem kann man vertrauen, sollte man sogar. Wenn ich niemandem mehr vertraue, ist das Irrsinn. Angel- und Stützpunkte im Leben sind wichtig. In Punkto Verlässlichkeit denke ich mir: “Verlass dich nur auf dich selbst!” Andere nicht mit einzubeziehen geht nicht...PARTIZIPATION. Der andere in meinem Leben kommt immer hinzu...wir sind nicht alleine. Wem vertraust du? Politikern, Managern, oder der Wirtschaft und dem Markt? Sicher nicht! “Dein Herz schlägt schneller...” Nachmittags treffe ich Sophie in der Stadt. Mir bleibt noch etwas Zeit, also gehe ich eine längere Wegstrecke zu Fuß. Die Straßen sind mit Menschen gefüllt, die entweder wie ich einen Spaziergang machen, oder in einem der zahlreichen Lokale mit Außenbestuhlung Platz genommen haben. Später sitzen Sophie und ich selbst in einem dieser Cafès und unterhalten uns angeregt. "Mein Herz schlägt schneller". Am Ende überreiche ich ihr, nicht ohne Stolz den “Gelben Bleistift”. Sie freut sich. Ihr kann ich vertrauen...und das tue ich auch.

Freitag, 11. Juli 2008

Die Tour

Donnerstag, 10. Juli, München

Ich rechnete mit Regen...dabei gab es den ganzen Tag nichts als puren Sonnenschein. Etwas zu warm angezogen haste ich durch die Innenstadt, erreiche die Uni doch noch rechzeitig und sprinte in mein vormittägliches Proseminar. Mittags brennt die Sonne durch die Scheiben der geöffneten Fenster, reflektiert die Strahlen an einem der silbernen Fenstergriffe, die durch die Hitze ganz warm werden. Mittags gehe ich über die Straße und trete in einen Batzen, von Helios persönlich geschmolzenen, pechschwarzen Teers...die Sohle klebt, schwarze Flecken haften bombenfest an ihr.
Der Gang durch die sommerlichen Straßen entspannt mich, obwohl es um mich herum drückend heiß ist. Später gönne ich mir eine kühle Erfrischung und nehme einen großen Schluck aus der silbrigen Wasserflasche. Danach wieder länger sitzen...nachmittägliches Arbeiten. Zwei Mädchen unterhalten sich auf dem Gang. Eine davon muss abends zu einer Ausstellungseröffnung...davor aber noch Tunika kaufen, sagt sie. Sie will gut aussehen. Ob das noch etwas nützen wird? Eigentlich kann ich das gar nicht beurteilen...Anmaßung. Wahrscheinlich bin ich einfach wieder mal ziemlich frustriert...das wirkt dann nach außen. Meine Rundumschläge verursachen ungewollt Kollateralschäden. Eigentlich unverantwortlich.
Die Tour habe ich früher immer sehr aufmerksam und gerne verfolgt...besonders, wenn es in die Hochgebirge geht. Dann kam das Doping und hat alles kaputt gemacht. Nach und nach schwindet mein Vertrauen. Wer ist sauber, wem kann man trauen? Mensch, Maschine, Chemie. Eine teuflische Mischung. Heute bin ich absolut skeptisch...Schumacher hätte ich es noch gegönnt...womöglich ist auch er nicht sauber, aber wer weiß das? Eine Unachtsamkeit...Taumeln, Wanken, Sturz. Der gelbe Traum endet auf allen Vieren liegend auf der Straße...das Trikot ist weg...vorerst.
Ich habe von diesem Radweg gehört...Donauradweg...Bayern - Budapest. Eines Tages will ich ihn fahren...irgendwann. Meine große Tour, in mehreren Etappen. Herausvorderung...

Donnerstag, 10. Juli 2008

The Wall

Mittwoch, 09. Juli, München

Ich laufe gegen Wände...immer und immer wieder. Es sollte mir doch egal sein, aber das ist es nicht. Hilflosigkeit. Ich sitze vor einer hohen Mauer...der Name der Mauer ist SCHWEIGEN. Ich sitze einfach nur vor ihr, im Schneidersitz, abwartend und meditierend. Die Art der Meditation ist eine von mir gedachte Schweigemeditation. In dem Moment, da zwei Menschen schweigen und sich absolut nichts mehr sagen, entsteht etwas Transzendentales. Alles scheint für den Moment eingefroren zu sein. Die Umgebung erstarrt. Keine Mimik, Gestik oder sonstige körperliche Regung. Einfach nur stummes Verharren. Die Autos um einen herum halten plötzlich an und die Menschen unterbrechen ihre hektischen Tätigkeiten. Nur zwei Dinge stehen im Zentrum...du und ich. Doch wir sind verstummt, so wie die Welt um uns herum. Alles verschwimmt in einem tristen Ton von Dunkelgrau. Mit dem Gedanken daran sitze ich vor der Mauer des Schweigens, die sie ist. Sie alleine. Mein Blick ist gesenkt, traurig an die Kacheln des gefliesten Bodens geheftet...Teufelskreis. Etwas könnte uns retten, aber was? Es müssen wohl eindeutige Worte her, denn sonst kann diese festgefahrene Konstellation nicht aufgelöst werden. Das, was mir seit Tagen, Wochen und Monaten im Hals steckt, muss endlich nach draußen gelangen...Freiheit. Ich drohe daran zu ersticken. Aber da ist die Wand und die Wand ist sie. Da muss etwas zurückkommen, sonst wäre meine Rede ein einsamer, sinnloser Monolog. Aber was? Kommunikation muss aufgebaut werden, ausgenutzt werden, Raum bekommen. Die starre Realität muss überwunden werden und die Wirklichkeit um mich herum wieder in regen Fluss geraten. Erneuerung der Dynamik.
Ich schaffe es nicht, aufzustehen und mich von der Mauer zu entfernen. Sie ist zu stark. Ich werde irgendwann einfach zu erzählen beginnen. Jetzt ist alles Gegenwärtige leicht überschaubar, aber was, wenn ich rede? Die Wand droht mich zu erschlagen, kalt zu stellen, mich mit Kontaktabbruch zu strafen. Davor habe ich Angst. Längst hätte ich die Fronten klären und “tabula rasa” machen sollen. Zu spät jetzt. Ich werde mich überwinden...irgendwann. Vorerst genieße ich die Anwesenheit der Mauer des Schweigens, auch wenn ihre Kälte alles lähmt. In ihrem Schatten erscheine ich klein und winzig. Zunächst...

Dienstag, 8. Juli 2008

C2H6O

Dienstag, 08. Juli, München

Letzte Abfahrt…Alkohol. Was war passiert? Ich sehe einen Mann auf der Rolltreppe, eine weiße Perlenkette hängt lässig an seinem Hals. Groß, wuchtig und schwer. Mein Blick wandert schon weiter, doch ich schaue trotzdem noch einmal zurück. Es sind keine Perlen, sondern die wuchtigen weißen Verschlüsse der Bierflaschen mit Schnappverschluss…Plop…mindestens dreißig baumeln an seinem Hals. Ich blicke ihm noch etwas länger nach, aber schon bald ist er ganz aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich bin mal wieder auf der Suche nach den Grenzen…Grenzgänger…absolut grenzwertig.
“ALKOHOL IST DEIN SANITÄTER IN NOT“
Wo fängt der normale Konsum an, beleibt normal, ehe er schließlich zur Sucht wird? Ab und zu trink ich ja auch schon mal ganz gerne etwas. Auf meinem Weg durch die City begegnen mir viele von ihnen. Süchtige? Kann ich nicht sagen, zumindest finde ich ein Bier am frühen Morgen recht befremdlich. Möglicherweise ist es auch nicht das erste an diesem Tag.
„ALKOHOL IST DEIN FALLSCHIRM UND DEIN RETTUNGSBOOT“
Den Seelentröster immer in der Hand stehen sie an ihren Plätzen…alleine…zu zweit, aber meistens gebrochen und zerbrochen. In der Ecke schimmert Erbrochenes im fahlen Licht des Untergrunds. Ein Kerl im Blaumann, mit Schaufel und Besen, beseitigt alles. Alkohol als Seelentröster, als Sorgenertränker…aber Sorgen sind gute Schwimmer…steht auf dem Kalenderblatt, dass ich morgens abreiße und in meine Hosentasche schiebe.
„ALKOHOL IST DAS DRAHTSEIL AUF DEM DU STEHST“
Drahtseilakt…der Zettel steckt tief in meiner Tasche…ich habe den Tageseinkauf von heute darauf notiert. Es macht dich kaputt. Am Hauptbahnhof dasselbe Bild...sie stehen und warten, meist ohne Aufgabe, ohne Perspektive…auch junge Menschen, kaum älter als ich, manche jünger. Elitedenken ad absurdum. Dann doch auch härtere Sachen…Wein, Schnaps, Wodka. Es schlägt ein Uhr. Früher Nachmittag.
„ALKOHOL, ALKOHOL, ALKOHOL“
Es geht bergab…Talfahrt und keiner zieht die Notbremse. Hauptsache weit weg, so dass man es nicht sehen muss. Dabei ist es ganz nah. Ich zerreiße meinen Zettel in lauter kleine Schnipsel, werfe sie in die Luft und sie rieseln langsam wie Schnee zu Boden. Eine Taube stürzt sich verwirrt auf die Einzelteile, während ich zielstrebig weitergehe.

Montag, 7. Juli 2008

Willkommen und Abschied

Montag, 07. Juli, München

Am Bahnsteig stehend denke ich an sie. Letzte Woche am See war sie ja auch mit dabei. Die Gedanken schießen mir einfach so in den Kopf…eine Eingebung von irgendwoher. Minuten später kommt die S-Bahn und ich steige in den ersten Wagen ganz vorne ein…eigentlich wie immer. Und da sitzt plötzlich sie. Es ist unglaublich, dabei hatte ich gerade noch an sie gedacht. „Die hast du aber auch schon länger nicht mehr hier am Bahnhof getroffen!“, dachte ich für mich. Sie war in der Vergangenheit ein paar Mal hier ausgestiegen und mit dem Bus nach Hause gefahren. Heute Morgen kommt sie auf dem direkten Weg mit der S-Bahn. Leichter Small-Talk früh morgens, denn ich bin immer noch ziemlich überrascht. Es ist gut so. Am Hauptbahnhof muss sie raus, denn da arbeitet sie irgendwo…noch so neben dem Studium. „Bis Bald!“ – „Sicherlich!“ und ich hatte die erste Überraschung an diesem Montagmorgen bereits hinter mir.
Ihre großen, dunkelbraunen Mandelaugen blicken neugierig im Raum umher, werfen einen flüchtigen Blick auf mich und geleiten dann sogleich wieder die Wände entlang. Der Moment bleibt flüchtig. Der Typ neben mir erzählt mir irgend etwas…ich höre kaum zu, antworte dann aber gelangweilt, aber so, dass er es nicht merkt, irgend etwas in seine Richtung. Er trägt ein klein-kariertes Hemd, darüber einen dicken Pullover, aber kurze Hosen. Ok, ich bin bei Gott nicht besonders modebewusst, aber so etwas sieht einfach nur schrecklich aus. Ich halte lieber wieder nach dem tiefbraunen Augenpaar, dass so wach und interessiert guckt, Ausschau. Wir finden uns und sie fragt mich nach einem Text…dann rennt sie schnell noch zum Kopierer, zieht in der Hektik aber den falschen Text ab und muss meinen mitbenutzen…kein Problem.
Die letzte Sitzung, das letzte Mal. Dieses Paar Augen wird mir fehlen. Ich hoffe, man sieht sich wieder…ganz bestimmt. „Ooh ooh, aah aah, sexy eyes. I`m gonna take you to paradise.”

500 Miles

Sonntag, 06. Juli, München

Die Massen am Puls des Geschehens. Marke hinstrecken, Bier nehmen wird eine Bewegung. Unteilbar. Klappt schon ganz flüssig. Im Getümmel verliere ich meine Gruppe...naja fast: Einige wenige sind noch an meiner Seite geblieben. Zwei wollen Zigaretten kaufen, rufen dann aber an und teilen mit, dass sie nicht wieder kommen würden. Das alles nachts um halb zwei. Der harte Kern ist geblieben, darunter zwei Mädchen, mit denen ich Abitur gemacht habe. Deutsch-Leistungskurs bei Frau P. 2002 - 2004. Es scheint endlos lange her zu sein. Wir dancen...es läuft irgendwas, das entfernt nach Bob Marley klingt, aber wohl nicht von Bob Marley ist. Dann spielen sie Seed. Zum Schluß "500 Miles" von den Proclaimers. Das ist richtig gut. Um zwei Uhr nachts spüre ich, dass ich gehen muss, um noch irgendwie nach Hause zu kommen. Ich umarme die beiden Mädels, raune ihnen noch irgend etwas zu (und sie raunen irgend etwas zurück), ehe ich gehe. Die anderen dancen weiter.
Ich brauche schrecklich lang um zur U-Bahn zu kommen, was an der erheblichen Menge Bier liegen könnte, die ich getrunken habe. Die letzte Bahn ist schon weg...so schnell kommt keine mehr. Ich also wieder nach oben...Fußmarsch. Doch dann kommt ein Bus, der mich zur nächsten S-Bahnstation bringt. Im Bus setze ich mich, verschränke beide Arme vor der Brust und starre nach draußen in die vorbei gleitende Nacht. Alles glitzert und funkelt, eine Straßenlaterne flackert. München leuchtet. Ich erreiche die Bahnstation schneller als gedacht...mit Vollgas durch die Nacht. Die letze Bahn für die nächsten zwei Stunden bringt mich nach Hause. Angekommen.

Sommernachtstraum

Samstag, 05. Juli, München

Seit zwei Tagen wird hier gearbeitet...der Campus verändert sich...optisch und nur vorübergehend. Bereits am Montag wird wieder der Alltag in die grauen Universitätsräume einkehren, aber bis dahin werden Absperrungen aufgestellt, Hinweisschilder geklebt und Türen mit Brettern vernagelt. Der Raum geistiger Lehre im Sommer fest in der Hand der jungen Wilden. Party am Abend. Den Münzwurf habe ich verloren, aber ich bin trotzdem dabei.
Den, mit dem ich die Münze geworfen habe, treffe ich später am Bierstand wieder.
Alles easy, den Stress hätte ich mir wahrlich sparen können...leider weiß ich das erst hinterher. Meine Leute sind da, kamen aber später, da sie ja nun doch irgendwie an Karten gekommen waren. Weiß der Geier. Noch ist überschaubar wenig los, also erst mal los, Bier holen. Einer holt sich was zu Essen...Asianudeln. Auf die Pappunterlage werden 50 Cent Pfand erhoben. Haltet meine Uni sauber. Richtig so!
Kurz danach wird es immer voller, Leiber schieben sich durch die vollgestopften Gänge und sogar vor den Jungs-Toiletten bilden sich lange Schlangen. An jedem Pissoir stehen plötzlich sieben Kerle geduldig an. Einige Frauen quetschen sich durch die Reihen, in der Hoffnung den Platz auf einer der festen Schüsseln in den absperrbaren Kabinen zu bekommen. Bei den Frauen ist nämlich noch mehr los.
“Ich meine ich würde ja auch an nen` Strauch oder Busch, aber das kann man hier ja ned bringen” Small-Talk mit Harndrang...prima. Irgendwann dann Erleichterung. Zum Glück hatte ich vorher ein paar Bier- und Pfandmarken auf Vorrat gekauft, denn nun sind alle Getränkestände überbevölkert. Becher abgeben, Marke kaufen, so ist der Rhythmus hier.

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