Donnerstag, 17. Juli 2008

Köpenickade

Donnerstag, 17. Juli, München

Ein Freund von mir ist Polizist. Es gibt nicht viele Partys bei ihm und nicht oft wird gefeiert, aber diesmal ist es wieder soweit. Der Abend verläuft angenehm, alle sind gut drauf…trinken, unterhalten sich und haben Spaß. Spät nachts verwechsle ich zwei Türen, gerate statt auf die Toilette ins Schlafzimmer und sehe am Kleiderschrank eine lindgrüne Polizeiuniform mit dazugehöriger Hose und Mütze hängen. Wie darauf programmiert nehme ich die Kleidungstücke mitsamt dem Kleiderbügel, klemme mir die Mütze unter den Arm und verschwinde unbemerkt aus der Wohnung. Drei Stockwerke später stehe ich auf der Straße und verstaue meine Beute im Auto. Das Ganze dauert keine zehn Minuten und wenig später mische ich mich auch schon wieder unter die Partygäste. Keiner hat mein heimliches Treiben bemerkt.
Der nächste Tag ist ein Sonntag, es gibt also nichts zu tun. Ich erwache auf der Couch meines Freundes morgens um neun. Einige andere Gäste haben in Schlafsäcken auf dem Boden oder auf unbequemen Stühlen geschlafen. MITTAGESSEN…VERABSCHIEDUNG…HEIMFAHRT. Dort dann völlig nüchtern die schicke Uniform genommen und zum Marienplatz gefahren.
Auf dem ekligen Bahnhofs-WC nehme ich mir eine Sitzkabine und ziehe mich um. ALTER EGO. Als Polizist trete ich wieder ans Tageslicht. Ich genieße zunächst jede Minute in der Uniform. Menschen werfen mir neugierige Blicke zu, Frauen bleiben stehen und Kinder bewundern mich. Ich werde um Hilfe gebeten und nach dem Weg gefragt. Ein geiles Gefühl und ich merke, dass mir die Kleidung steht. Sollte ich öfter tragen. Vom Marienplatz gehe ich bis nach Schwabing. Auf Höhe der Münchner Freiheit sauge ich noch einmal die bewundernden Blicke auf, ehe ich im WC eines Schnell-Restaurants verschwinde und mich wieder umziehe. ALTER EGO. All das war eine interessante Erfahrung, aber ich habe mich verkleidet gefühlt. Nun bin ich wieder ich. Demaskiert…natürlich. Wäre auf Dauer doch nichts für mich.
Meinem Freund stelle ich Stunden später eine Tüte mit Uniform, Mütze und Hose vor seine Wohnungstür…alles schon ordentlich zusammengelegt.
Auf einen Zettel schreibe ich „Entliehen um eine besondere Erfahrung zu machen! Sorry! – Ein Freund“ und lege ihn oben auf die Sachen. Wieder auf der Straße läute ich und laufe schnell weg. Ob er den Krempel schon vermisst hat? Auf dem Heimweg denke ich über das Geschehene nach.
Irgendwo schreien plötzlich Vögel. Es ist frühmorgens und ich erwache…irritiert, aber glücklich ob des interessanten Traums, den ich im Schlaf erlebt habe.

Pferdestärken

Mittwoch, 16. Juli, München

Das Semester geht zu Ende...Auflösung. Es war aufregend, abwechslungsreich und informativ. Solche wird es nicht mehr viele geben...schade eigentlich. Es ist immer noch der Nachhall der gestrigen Begegnung mit ihr, der mein Herz in neuerliche Schwingung versetzt. Der Schalter scheint umgelegt, doch bin ich keinen Millimeter vorangekommen. Mit ihr Kontakt aufnehmen ist wahrlich nicht leicht. In neun Tagen habe ich Geburtstag...wieder einmal ein Jahr älter werden. Sandra habe ich heute zum letzten Mal für drei Wochen gesehen. Sie schenkt mir Pralinen...hübsch eingepackt in hellgelbes Krepppapier. So etwas, denke ich mir, können wahrlich nur Frauen. Ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk, da wir uns ja nicht mehr sehen. Ich bin ebenso überrascht, wie erfreut. Riesig.
Manchmal, da fährt alles in einem wie wild Achterbahn. Da hat man plötzlich jede Menge Optionen und Wahlmöglichkeiten, wo es zuvor oftmals rein gar nichts gab. Da passiert dann eben immer alles so gleichzeitig.
Meistens will ich das, was ich sowieso nicht bekommen kann...das ist nun mal so. Kampf und Herausforderung. Ich muss beides suchen...diesen Weg wählen. Leben ist nicht nur Sicherheit. Das Spiel suchen und annehmen. Ich fühle sie wieder, die ANGST vor dem Rückschlag...dann fällt alles in Scherben. Das Gute und Sichergeglaubte geht unter...ein Schritt, den man nicht rückgängig machen kann. PANIK. Womöglich dramatisiere ich unnötig und es würde nichts passieren...was aber, wenn doch? Den status quo reiten wie einen alten, gebrechlichen Schimmel, auf dem man sich sicher und geborgen glaubt. Das beste Pferd steht noch im Stall...es ist neu und heißt Veränderung. Auf die Zukunft bauen...öfter treffen, länger reden. Im Ernstfall das Herz in beide Hände nehmen und auf den Tisch packen. Direkt in die Mitte, zwischen uns, damit jeder etwas davon hat. GEBRAUCHSANLEITUNG. VERWIRRUNG 2.0. Die Pralinen wandern zu Hause in den Kühlschrank. Da werden sie noch etwas bleiben...in meinem alten Leben, neun Tage lang.

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