Dienstag, 24. Juni 2008

Eine Abhandlung über Geld

Dienstag, 24. Juni, München

Ich betrete die Bank mit der Gewissheit, dass ich, wenn ich wieder rauskomme, einen Haufen Geld in der Tasche haben werde. Es ist ein heißer Tag. Die Kontoauflösung ist fällig. Ich will die Kohle, die ich vor zwei Jahren während der Weltmeisterschaft zu Sonderkonditionen angelegt habe. 170 Euro Gewinn konnte ich damit machen. Nicht schlecht. Die Funktion die Geld in unserer postmodernen Gesellschaft hat, wird allgemein stark überbewertet. Wieder auf der Straße halte ich nichts als zwanzig, mit bunten Zahlen bedruckte Streifen Papier in den Händen. Ich verstaue alles in meinem Rucksack und gehe die Fußgängerzone entlang. Es ist ein seltsames Gefühl…eigentlich fühle ich nichts. Ich dachte, ich würde Freiheit in mir spüren, bei dem Batzen Geld…die Welt würde mir offen stehen. Doch irgendwie…komisch. Alle jagen hinter Geld her und es ist sicher gut, eine ordentliche Menge davon zu besitzen. PATHETISCH…“Das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Ich bin immer äußerst sparsam, doch sollte ich meine Einstellung zu Geld grundsätzlich überdenken. Etwas mehr Offenheit. Ein rationaler Umgang damit. Sonst belastet es unnötig…mein Schatz! mein Schatz!
“So I must leave, I'll have to go, to Las Vegas or Monaco and win a fortune in a game, my life will never be the same.”
Ab welchem Betrag ist die kritische Masse erreicht? Kann man zu viel haben?
Ich gehe weiter und es fühlt sich so seltsam an...ich habe keine Angst, dass es weg sein könnte. Fühle eher Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich, weil man die wirklich wichtigen Dinge im Leben sowieso nicht kaufen kann (siehe Martial 10, 47). Das mag abgedroschen klingen, aber es ist so. Die alte Krux der Geschichte. Wahrscheinlich ist es meine aktuelle Bedürfnislosigkeit, die mich so denken lässt. Wozu Geld, wenn man niemanden hat, mit dem man es ausgeben kann. Natürlich nicht sinnlos verprassen, sondern gemeinsam das Leben genießen. Zusammen Essen gehen, Theater, Kino…Lebenslust. Aber so?
“It's a rich man's world…It's a rich man's world.”
Furcht- und lustlos komme ich zu Hause an. Das Kuvert mit dem Geld lege ich zunächst unbeachtet in eine Ecke. Ich vergesse es, denke nicht mehr daran und verstaue es erst später endgültig in meiner Geldkassette.

Magnetismus

Montag, 23. Juni, München

„Bist du neu hier?“ - „Ja, ich bin erst seit zwei Tagen in der Stadt.“ – „Cool!“
Der Typ in der U-Bahn ist ein lebendes Kunstwerk. So etwas Krasses habe ich noch nie gesehen. Er hat nahezu jeden freien Zentimeter an seinem Körper tätowieren lassen. Zwei Piercings durch die Brustwarzen trägt er auch.
„Ick kenn nen guten Maler aus Berlin. Der pinselt dir alles was du willst auf die Haut. Och nackte Frauen und so. Ick geb dir mal seine Karte. Da rufst du an und ruck zuck hast du n` Kunstwerk am Körper. Dat letzte bei mir hat drei Stunden gedauert. Voll geschmeidig schnell eigentlich.“ - „Ähm…ja danke…ich ruf dann da morgen gleich mal an.“
Ich starre auf die hellgelbe Visitenkarte in meiner Hand „Joy of painting“ steht drauf. Ich stecke die Karte in meine Gesäßtasche und bin weg. - „Ick freu mir!“, schallt es hinter meinem Rücken mir nach. Ich gehe nun gemächlich zum Ausgang.
"Ich bin der Dieter!" - „Ähm...ja...was machst du hier in der Stadt?“ – „Arbeiten?“ – „Wo denn?“ – „In der Fertigung von BMW.“ – „Nicht schlecht.“ – „Verdient man denn da was?“ – „Ich kann davon leben….muss reichen.“
Ich weiß nicht, warum ich mich immer von Fremden in einen Dialog verstricken lasse. Sie haben scheinbar Spaß, sich mit mir zu unterhalten. BMW ist ja auch cool. Für mir unbekannte Leute scheine ich ein Händchen zu haben…nur bei den mir vertrauten, klappt nichts. Vier lange Minuten Neuigkeiten über Autos und elektronische Zündkerzenregler. Davon verstehe ich nichts. Im Kopf dreht sich alle…Wirrnis. Was mir fehlt ist ihre Nähe…ich bin stumpf, abgestoßen und gebrochen. – Rainald Goetz hat Recht:
„Wobei ich glaube, er wollte sie nur ganz leicht berühren.“
„Oder vielleicht noch nicht mal das, und er wollte sie nur bei sich, in seiner Nähe fühlen.“
„Sie sieht ja auch wirklich zauberhaft aus.“

Montag, 23. Juni 2008

Sonnenlicht

Sonntag, 22. Juni, München

Die letzten Stufen hinauf zum Monopteros gehen sich schwer. Es ist Mittagszeit und eine drückende Hitze liegt über der Stadt. Im fahlen Licht der tief stehenden Sonne leuchtet mir der antik-anmutende Koloss schon aus der Ferne entgegen. Um ihn herum liegen die Menschen auf mitgebrachten Decken in den Wiesen herum und genießen das herrliche Wetter. Einige Studenten spielen Fußball…Hunde bellen, Radfahrer klingeln. Die Aussicht ist traumhaft und man kann den Blick weit über die Stadt schweifen lassen. Ich bin endlich oben angekommen. Im Schneidersitz kauere ich auf dem obersten Absatz und lese einige Passagen aus „Dekonspiratione“. Nun steht die Sonne am höchsten und brennt auf meinen Körper. Ich schwitze. Das Mädchen vorher roch nach frischer Blumenwiese im Frühling, nach sprudelndem Quellwasser und nach rauschendem Meer. Ich hingegen kam nach wenigen Metern Fußmarsch brutal ins Schwitzen, salzhaltiger Schweiß floss an meiner Haut herab. Transpiration scheint bei ihr ausgeschlossen. Manche Leute schwitzen wohl nie. Ich genieße ihr kurzzeitige Nähe. Ihre Aura ist warm und weich. Trennung nach einiger Zeit…zu schnell...bis nächste Woche. Ihr Duft zieht nun wieder an mir vorbei und ich muss unweigerlich an diese Axe-Werbung denken, wo der Typ so brutal schwitzt.
Ich liebe den Englischen Garten.
Daran denke ich, als ich hoch oben auf dem Monopteros sitze, lese und die Menschen in meiner Umgebung beobachte. Für wenige Augenblicke scheint alles andere vergessen. Doch nichts ist ewig. Ich muss zurück, verlasse also meine emporgehobene Position, steige die Stufen hinab und bin wieder unten. Auf dem Rückweg blicke ich mich noch einmal kurz um. Durch den Einfall des gleißenden Sonnenlichts ist der Monopteros bald ganz aus meinem Blickfeld verschwunden.

Frühmorgens

Samstag, 21. Juni, München

Die Auszeit in Südafrika war ihre Idee gewesen. Sie hatte es sich so gewünscht und drei Monate einmal etwas vollkommen anderes zu machen, ist ideal. Seit einer Woche nun Sonnenschein, Strand, Palmen und süßes Nichtstun. Es ist einfach herrlich. Viele Jahre sind ins Land gegangen und wir sind immer noch glücklich. Das ist keine Selbstverständlichkeit nach all der Zeit. Damals hatte ich lange und intensiv um sie kämpfen müssen. Nun sind wir beide Anfang Dreißig und ich immer noch zwei Jahre älter als sie. Kinder haben wir noch keine, aber dafür noch etwas Zeit. Die Jahre haben uns zusammengeschweißt und miteinander verbunden. Unsere Liebe hat uns Kraft gegeben und stark gemacht. Sie ist in letzter Zeit noch schöner geworden als vor zehn Jahren. Ihre großen Augen sind stets hellwach und ich kann das Feuer in ihnen sehen. Alles leuchtet. Nun sitzen wir am Strand, irgendwo in der Nähe von Kapstadt, aber das ist icht wichtig. Ich halte ihre Hand und sie meine. Mit der anderen fährt sie sich kurz durch die Haare. Dieses natürliche rot habe ich immer schon geliebt. Der Sand unter uns ist herrlich warm, ich genieße ihre Nähe und den Duft ihrer weichen Haut. Um uns zu verstehen brauchen wir keine Worte. Mit der Zeit ist zwischen uns etwas entstanden, was nonverbale Kommunikation ermöglicht. Blindes Verständnis. Von der Strandbar hinter uns schallt „Love me tender“ zu uns herüber.
Mittlerweile geht die Sonne unter, wir beide sitzen immer noch am Strand und sie ist in meinen Armen eingeschlafen. Ich blicke verträumt und glücklich hinaus aufs Meer in den scheidenden Tag hinein und bin wie betäubt.
Der Wecker schrillt. Es ist acht Uhr morgens und ich reagiere schlaftrunken. Das Radio springt an und spielt „Narcotic“. Wieder einmal habe ich geträumt. In der Realität liege ich in meinem Bett. Der Song ist zu Ende und nun läuft „Patience“ von Take That. Ich taumle verschlafen in die Küche und mache mir Kaffee.

Samstag, 21. Juni 2008

Love Generation

Freitag, 20. Juni, München

Mein letztes Referat für dieses Semester. Ich kann absolut zufrieden sein. Später verlasse ich gutgelaunt die Universität und mache mich auf den Nachhauseweg. Von dort dann rauf aufs Fahrrad und gemütlich in den beginnenden Abend radeln. Die Luft ist herrlich warm und doch nicht zu trocken. Ein schöner Frühlingstag. Morgen ist Sommeranfang. Es ist ganz schön weit bis zum See, aber ich nehme die Strecke gerne unter die Räder.
Der See ist ein Tummelplatz der Kuriositäten. Hübsche Menschen neben weniger hübschen, jung neben alt. Es gibt viel zu sehen. Ich inspiziere die Grillplätze für nächste Woche. Alles Bestens. Bunt gemischt liegen die Leute auf ihren Handtüchern in der Wiese, genießen das schöne Wetter oder plantschen im See. Ein dicker Mann, fast nackt mit zu kleiner Badehose kreuzt meinen Weg…ich drehe mich weg und trete etwas stärker in die Pedale. Hinter mir tollt eine Horde spielender Kinder herum. Eine Frau, äußerst hübsch, hat neben ihrem Handtuch, auf dem sie liegt, eine Hollandfahne plaziert. Weiter vorne flattert die russische Fahne schlaff im Wind und ich überhole eine Gruppe junger Mädchen, die alle schwarz-rot-goldene Schminke im Gesicht tragen. Fußball ist eben überall.
“Feel the rush! Ooooooooohh! Feel it in the air!”
Was ich heute gelernt habe: Frauen veranstalten nach dem Einkaufen “Aftershopping-Partys” und führen sich gegenseitig ihre gekauften Klamotten vor.

Eiserner Vorhang

Donnerstag, 19. Juni, München

Die S-Bahn ist so früh am Morgen wieder recht gut gefüllt, aber wir treffen uns trotzdem wieder…wie verabredet. Irgendwie hat sie heute noch zwei Freundinnen oder Bekannte bei sich sitzen. Denen erzählt sie gerade, wie und warum sie sich vor ein paar Wochen von ihrem Freund getrennt hat, als ich das Abteil betrete. Sie redet sehr viel, allerdings nur über irgendwelche Leute, die ich nicht kenne und sie spricht mich auch nicht an. Die gesamte Fahrzeit stehe ich und starre aus dem Fenster. Der Morgen fliegt vorbei…Menschen steigen aus und ein. Später dann gehen wir nebeneinander, aber dennoch auf Distanz. Eine unsichtbare Mauer scheint zwischen uns gezogen worden zu sein. Sie ist nervös, begründet das später damit, dass sie Referat halten musste. Ich steige aus, ohne mich richtig von ihr verabschiedet zu haben. Dann bis nächste Woche!
An einem stummen Verkäufer lese ich wie immer die Schlagzeile der Bild Zeitung. Die Freundin von Sebastian Schweinsteiger ist darauf in inniger Umarmung mit ihm zu sehen. Neid?! Sarah Brandner, wirklich hübsch. Später unterhalte ich mich mit ein paar Leuten, die sich die Frage stellen, wie der eigentlich zu so einer Freundin kommt. Garantiert nur, weil er so viel Geld hat und sie Freude daran es auszugeben. Saltsam, aber auch Frauen sind dieser Meinung. Man muss aber zugeben, dass er ein gutes Spiel gegen Portugal gemacht hat. Da kann man echt nichts dagegen sagen.
„Denn sie sind gut und deshalb populär.“ – Das wird es sein…ich muss einfach auch populär werden.
Gleich morgen fange ich an…

Freitag, 20. Juni 2008

Nachtagenten

Mittwoch, 18. Juni, München

Ich gleite auf der Rolltreppe aus dem Dunkel des U-Bahnhofs hinauf ins Licht. Man drückt mir eine Tube Senf in die Hand und ich nehme dankend an. Werbekampagne von Hornbacher. Nicht schlecht und Senf kann man wahrlich immer gut gebrauchen. Es ist ein warmer Tag und die Fußballeuphorie scheit keine Grenzen zu kennen. Gegen Portugal wird es dann aber ernst werden. Autokorso? Mal schaun! Bei den Spritpreisen! Das Frankreich-Italien-Spiel in der Kneipe angeschaut. Kurz mit Ribery gelitten…unglaublich.
Nachts ist die U-Bahn nahezu leer und die wenigen Menschen, die darin reisen, kann man gut beobachten. Trotz der harten Polster drohe ich kurz einzuschlafen. Ein Mann, der permanent mit sich selbst spricht, sich irgendetwas zu erzählen scheint, sitzt mir gegenüber und wackelt auch noch permanent mit dem Kopf hin und her. Er hält mich wach. Am anderen Ende des Wagens stehen zwei Punks, trinken Bier und lachen dabei. In ihrer Nähe sitzt eine alte Frau mit Krückstock, gegenüber schläft ein Mann. Der Fahrkartenkontrolleur katapultiert alle zurück ins Leben, prüft Tickets und wedelt dabei mit dem Ausweis, der ihn berechtigt, die Fahrkarten zu prüfen. Sie alle sind Nachtschwärmer, Kinder der Finsternis, mit verschiedensten Zielen. Und nur sie wissen, wohin…wohin will ich eigentlich. Eigentlich weiß ich es, aber ich bin mir nun nicht mehr sicher. Und so streife auch ich durch die Dunkelheit und drohe dabei das Ziel aus dem Blickfeld zu verlieren. Schnell drehe ich mich um und starre aus dem Fenster auf die vorbeihuschenden Häuser und die dahin gleitende Landschaft.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Und täglich grüßt...

Dienstag, 17. Juni, München

Funkstille. Meine Vermutung war leider richtig. Ich sollte lange Zeit nichts mehr von ihr hören. Keine Nachricht von Sophie, weder per Email, noch per Sms. Irgendwie scheint sie untergetaucht zu sein, verschwunden im Nichts. Sophies Welt ist zu einer fernen, abgelegenen Galaxie geworden…Lichtjahre von mir entfernt. Es wird sehr lange dauern, sie zu erreichen. Wahrscheinlich wird es unmöglich sein. Ich vernehme nur ein bloßes Rauschen. Frequenzstörung.
Der Tag verläuft monoton, beinahe so wie die vorherigen. Es passiert viel, aber der große Knall fehlt. Ich bin im Stress, wegen meinem letzten Referat am Freitag. Es gibt noch viel zu tun. Ich stehe auf, fahre zur Uni und fahre spät nachmittags wieder nach Hause. Und täglich grüßt das Murmeltier. Zwischendrin Texte lesen, Kaffeetrinken und Fußball…ENDLOSSCHLEIFE. Gefangen im Rausch der permanenten Wiederholung. An ein Durchbrechen ist nicht zu denken. Auf dem Nachhauseweg dann beinahe von einem Auto überfahren worden. Nach dem Schock bekomme ich mit, wie ein junger Mann mit einer älteren, nicht besonders hübsch aussehenden Frau streitet. „Du willst mich doch nur für den Sex und zum Kinderkriegen. Das verstehe ich nicht!“, wirft sie ihm vor. Ein Passant bleibt im Vorübergehen kurz stehen, mustert die Frau und sagt dann mehr zu sich selbst als zu den beiden Streitenden: „Das verstehe ich auch nicht!“. Wie gesagt, die Frau ist nicht besonders hübsch oder sexy. Brettharte Realität. Die zwei Streitenden gehen schimpfend weiter, der Passant schüttelt den Kopf und da auch ich weiter eile, sind sie schon bald aus meiner Hörweite verschwunden.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Umfragewert

Montag, 16. Juni, München

Der Montagmorgen fühlt sich stumpf und abgegriffen an. Ich weiß, dass eine Woche harter Arbeit vor mir liegt, wobei ich nicht weiß, wann ich dieses Referat eigentlich vorbereiten soll. Fußball ist zudem ja auch noch. Regen fällt vom Himmel, auf meinen Kopf. Ich habe keinen Schirm…so ein Pech. Ich sehe sie schon von weitem…erkenne die weißen Klemmbretter mit den schwarzen Rändern…es ist immer die gleiche Prozedur. Diese Menschen haben den miesesten Job der Welt…mit großem Abstand. Sie tun mir leid, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ein toller Job sein kann, in der Fußgängerzone Leute dazu zu bewegen an irgendwelchen Umfragen oder Produktstudien teilzunehmen. Wahrlich nicht. Unzählige Versuche haben sie schon unternommen, um mich zu kriegen, aber ich kenn ihre Taktik und die Art, wie sie bei der Pirsch auf der Lauer nach Beute liegen. Ganz schnell und mit einer abweisenden Handbewegung schleiche ich an ihnen vorüber. Das mag nicht immer höflich sein, aber zumindest ist es sehr effektiv. Ich habe einfach keine Lust mich mit ihnen zu unterhalten. Einmal erwischt, kommt man nicht mehr so schnell los.
Doch heute ist es anderes. Ich beobachte aus dem Augenwinkel im Vorbeigehen, wie ein Klemmbrettträger und ein Passant sich unterhalten. Doch die Rollen sind vertauscht. Der Passant spricht wild gestikulierend auf den Klemmbrett-Heini, der nur verdutzt schaut und nichts erwidern kann, ein. Ihm fehlen die Worte. Der Redeschwall seines Gegenübers droht ihn fortzuspülen, aber er kann ihn auch nicht loswerden. Da muss er nun durch. Als ich schon weit weg bin, drehe ich mich noch einmal um und sehe in der Ferne immer noch die wild winkenden Arme des geschwätzigen Passanten. Vertauschte Rollen eben.

Montag, 16. Juni 2008

Martial 10, 47/Lebensglück

Sonntag, 15. Juni, München

Ich bin mir sicher, dass sich die Fragen des Lebens jedem von uns stellen, früher oder später und manchmal an Orten, wo er eigentlich überhaupt nicht damit rechnet. Bei mir passiert das besonders häufig an Sonntagen, denn da habe ich am meisten Zeit nachzudenken.
Vieles wirkt festgefahren, unbeweglich und unveränderlich. Dilemmastrukturen offenbaren sich und es scheint, als würde es keinen Ausweg aus ihnen geben. Ich drehe mich im Kreis um mich selbst, immer schneller und unkontrollierbar, bis ich schließlich das Zentrum verlasse. Es ist ein sehr weiter Weg bis zur Erkenntnis. Auf die wichtigsten Fragen findet man zumeist keine Antwort. Unverstandenes bleibt offen, Probleme ungelöst. Wenn ich erkenne, dass ich zu lange gewartet habe, ist es meist längst zu spät. Manifeste Blockaden in meinem Kopf behindern mein Handeln. Sie scheinen unüberwindbar. Nur ab und an blitzt die Herrlichkeit des Lebens durch und ich erkenne, wie gut alles ist, so wie es gerade ist. Doch das geschieht selten. Wie viel von dem, was kommen wird, darf ich dem Schicksal überlassen? Was kann ich überhaupt aktiv beeinflussen? Ich habe Angst gewisse Dinge zu verändern, weil ich denke, dass sie gut so sind, wie sie sind und wenn ich etwas ändere, kann es nur schlechter werden.
Besser suboptimal als gänzlich zerstört. So ist die Beziehung zu ihr.
In der Schule haben wir einmal ein Epigramm von Martial gelesen, in dem er die Dinge aufzählt, die das Leben lebenswert machen. Das hat mich damals sehr beeindruckt und ich habe es abgeschrieben, jedoch ist der Zettel mittlerweile verloren gegangen. Den Schluss habe ich mir aber bis heute gemerkt:
„Einen Schlaf, der die Dunkelheit verkürzt. Sein wollen, was man ist, und nicht mehr. Den letzten Tag weder fürchten, noch wünschen.“

Blau, weiß, rot

Samstag, 14. Juni, München

Es ist ein Rauschen zu vernehmen, im Blätterwald des Boulevardjournalismus, das sich bald zu einem gewaltigen Sturm entwickeln könnte. Die Niederlage der Deutschen vom Donnerstag sitzt tief und plötzlich wird alles in Frage gestellt. Die Österreicher machen Stunk und nerven die Nation mit „Cordoba“. Wenn nach einem schlechten Spiel die gute Arbeit der letzten Jahre angezweifelt und bestritten wird, bin auch ich frustriert. Ein Endspiel gegen Österreich wollte keiner, aber die Franzosen und Italiener sind noch schlimmer dran. Irgendwie wird sich das schon alles fügen. Zu unterschätzen sind die Österreicher aber wahrlich nicht.
Ich erhole mit bei einem Spaziergang von dem gestrigen Abend, höre Musik und denke nach. Glücklicherweise scheint wenigstens die Sonne. Ein kleiner Franzose mit Baskenmütze kreuzt, wild vor sich hin schimpfend, meinen Weg. Ein Taschentuch in den Farben der Trikolore baumelt lose aus seiner hinteren Hosentasche. Der blaue Zipfel ist von braunen Erdresten ganz verkrustet. Er spricht mich auf Deutsch an, erzählt irgendetwas von „scheiß Schiedsrichterentscheidung“ und „eindeutig Elfmeter“. Auch sie haben nächste Woche ein Endspiel, nur eben gegen Italien. Österreich sollte doch ein Klacks sein. Wir reichen uns die Hände, seine sind ein wenig nass geschwitzt, und ich versichere ihm, dass alles gut werden würde und Rumänien sicher nicht gewinnen könne. Dann trennen sich unsere Weg und ich beschließe, dass es auch noch etwas anderes außer Fußball geben müsse, worüber es sich nachzudenken lohnt.

Sonntag, 15. Juni 2008

Partyalarm

Freitag, 13. Juni, München

Abends ist die Party. Es schaut nach Regen aus, weshalb ich nicht mit dem Fahrrad fahre. Ich begnüge mich also mit der Trambahn. Ich kenne nur den Gastgeber. Wir beide haben einmal vor drei Jahren gemeinsam begonnen, Geschichte zu studieren. Seitdem sehen wir uns zwei Mal im Jahr. Zu seiner Geburtstagsparty bin ich aber zum ersten Mal eingeladen. Die Runde hat relativ schnell viel Spaß zusammen, obwohl sich die Mädchen aufregen, da wir Jungs noch das Hollandspiel schauen. Nette Gespräche entwickeln sich schnell, auch wenn sie sich bei den Gästen meistens um Gaby drehen, eines der anwesenden Mädchen. Dabei fällt unter anderem der Begriff „Anal-Gaby“. Zudem fällt mir auf, dass irgendwie jeder der anwesenden Typen scharf auf diese Gaby ist. Sie sieht auch verdammt gut aus: Groß, schwarze Haare, hübsche Augen und eine große Oberweite. Der Alkoholkonsum nimmt zu, wobei man sie sich wahrlich nicht schön trinken muss. Es wird eine ausgelassene Feier und um Mitternacht beschließt Gaby zu gehen. Mit ihrer besten Freundin, die, wie es fast immer ist, überhaupt nicht hübsch ist, verlässt sie die illustere Runde. Ich hatte keine Gelegenheit, mich mit Gaby zu unterhalten.
Mittlerweile ist es beinahe ein Uhr und der Gastgeber, der Gaby sehr gut kennt, gibt ein paar intimere Details von ihr preis. Sie steht anscheinend nur auf Verrückte…willkommen im Club.
Holland besiegt Frankreich mit 4:1. Was für eine Fußballgala.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6742 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren