Montag, 16. Juni 2008

Martial 10, 47/Lebensglück

Sonntag, 15. Juni, München

Ich bin mir sicher, dass sich die Fragen des Lebens jedem von uns stellen, früher oder später und manchmal an Orten, wo er eigentlich überhaupt nicht damit rechnet. Bei mir passiert das besonders häufig an Sonntagen, denn da habe ich am meisten Zeit nachzudenken.
Vieles wirkt festgefahren, unbeweglich und unveränderlich. Dilemmastrukturen offenbaren sich und es scheint, als würde es keinen Ausweg aus ihnen geben. Ich drehe mich im Kreis um mich selbst, immer schneller und unkontrollierbar, bis ich schließlich das Zentrum verlasse. Es ist ein sehr weiter Weg bis zur Erkenntnis. Auf die wichtigsten Fragen findet man zumeist keine Antwort. Unverstandenes bleibt offen, Probleme ungelöst. Wenn ich erkenne, dass ich zu lange gewartet habe, ist es meist längst zu spät. Manifeste Blockaden in meinem Kopf behindern mein Handeln. Sie scheinen unüberwindbar. Nur ab und an blitzt die Herrlichkeit des Lebens durch und ich erkenne, wie gut alles ist, so wie es gerade ist. Doch das geschieht selten. Wie viel von dem, was kommen wird, darf ich dem Schicksal überlassen? Was kann ich überhaupt aktiv beeinflussen? Ich habe Angst gewisse Dinge zu verändern, weil ich denke, dass sie gut so sind, wie sie sind und wenn ich etwas ändere, kann es nur schlechter werden.
Besser suboptimal als gänzlich zerstört. So ist die Beziehung zu ihr.
In der Schule haben wir einmal ein Epigramm von Martial gelesen, in dem er die Dinge aufzählt, die das Leben lebenswert machen. Das hat mich damals sehr beeindruckt und ich habe es abgeschrieben, jedoch ist der Zettel mittlerweile verloren gegangen. Den Schluss habe ich mir aber bis heute gemerkt:
„Einen Schlaf, der die Dunkelheit verkürzt. Sein wollen, was man ist, und nicht mehr. Den letzten Tag weder fürchten, noch wünschen.“

Blau, weiß, rot

Samstag, 14. Juni, München

Es ist ein Rauschen zu vernehmen, im Blätterwald des Boulevardjournalismus, das sich bald zu einem gewaltigen Sturm entwickeln könnte. Die Niederlage der Deutschen vom Donnerstag sitzt tief und plötzlich wird alles in Frage gestellt. Die Österreicher machen Stunk und nerven die Nation mit „Cordoba“. Wenn nach einem schlechten Spiel die gute Arbeit der letzten Jahre angezweifelt und bestritten wird, bin auch ich frustriert. Ein Endspiel gegen Österreich wollte keiner, aber die Franzosen und Italiener sind noch schlimmer dran. Irgendwie wird sich das schon alles fügen. Zu unterschätzen sind die Österreicher aber wahrlich nicht.
Ich erhole mit bei einem Spaziergang von dem gestrigen Abend, höre Musik und denke nach. Glücklicherweise scheint wenigstens die Sonne. Ein kleiner Franzose mit Baskenmütze kreuzt, wild vor sich hin schimpfend, meinen Weg. Ein Taschentuch in den Farben der Trikolore baumelt lose aus seiner hinteren Hosentasche. Der blaue Zipfel ist von braunen Erdresten ganz verkrustet. Er spricht mich auf Deutsch an, erzählt irgendetwas von „scheiß Schiedsrichterentscheidung“ und „eindeutig Elfmeter“. Auch sie haben nächste Woche ein Endspiel, nur eben gegen Italien. Österreich sollte doch ein Klacks sein. Wir reichen uns die Hände, seine sind ein wenig nass geschwitzt, und ich versichere ihm, dass alles gut werden würde und Rumänien sicher nicht gewinnen könne. Dann trennen sich unsere Weg und ich beschließe, dass es auch noch etwas anderes außer Fußball geben müsse, worüber es sich nachzudenken lohnt.

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