Dienstag, 24. Juni 2008

Eine Abhandlung über Geld

Dienstag, 24. Juni, München

Ich betrete die Bank mit der Gewissheit, dass ich, wenn ich wieder rauskomme, einen Haufen Geld in der Tasche haben werde. Es ist ein heißer Tag. Die Kontoauflösung ist fällig. Ich will die Kohle, die ich vor zwei Jahren während der Weltmeisterschaft zu Sonderkonditionen angelegt habe. 170 Euro Gewinn konnte ich damit machen. Nicht schlecht. Die Funktion die Geld in unserer postmodernen Gesellschaft hat, wird allgemein stark überbewertet. Wieder auf der Straße halte ich nichts als zwanzig, mit bunten Zahlen bedruckte Streifen Papier in den Händen. Ich verstaue alles in meinem Rucksack und gehe die Fußgängerzone entlang. Es ist ein seltsames Gefühl…eigentlich fühle ich nichts. Ich dachte, ich würde Freiheit in mir spüren, bei dem Batzen Geld…die Welt würde mir offen stehen. Doch irgendwie…komisch. Alle jagen hinter Geld her und es ist sicher gut, eine ordentliche Menge davon zu besitzen. PATHETISCH…“Das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Ich bin immer äußerst sparsam, doch sollte ich meine Einstellung zu Geld grundsätzlich überdenken. Etwas mehr Offenheit. Ein rationaler Umgang damit. Sonst belastet es unnötig…mein Schatz! mein Schatz!
“So I must leave, I'll have to go, to Las Vegas or Monaco and win a fortune in a game, my life will never be the same.”
Ab welchem Betrag ist die kritische Masse erreicht? Kann man zu viel haben?
Ich gehe weiter und es fühlt sich so seltsam an...ich habe keine Angst, dass es weg sein könnte. Fühle eher Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich, weil man die wirklich wichtigen Dinge im Leben sowieso nicht kaufen kann (siehe Martial 10, 47). Das mag abgedroschen klingen, aber es ist so. Die alte Krux der Geschichte. Wahrscheinlich ist es meine aktuelle Bedürfnislosigkeit, die mich so denken lässt. Wozu Geld, wenn man niemanden hat, mit dem man es ausgeben kann. Natürlich nicht sinnlos verprassen, sondern gemeinsam das Leben genießen. Zusammen Essen gehen, Theater, Kino…Lebenslust. Aber so?
“It's a rich man's world…It's a rich man's world.”
Furcht- und lustlos komme ich zu Hause an. Das Kuvert mit dem Geld lege ich zunächst unbeachtet in eine Ecke. Ich vergesse es, denke nicht mehr daran und verstaue es erst später endgültig in meiner Geldkassette.

Magnetismus

Montag, 23. Juni, München

„Bist du neu hier?“ - „Ja, ich bin erst seit zwei Tagen in der Stadt.“ – „Cool!“
Der Typ in der U-Bahn ist ein lebendes Kunstwerk. So etwas Krasses habe ich noch nie gesehen. Er hat nahezu jeden freien Zentimeter an seinem Körper tätowieren lassen. Zwei Piercings durch die Brustwarzen trägt er auch.
„Ick kenn nen guten Maler aus Berlin. Der pinselt dir alles was du willst auf die Haut. Och nackte Frauen und so. Ick geb dir mal seine Karte. Da rufst du an und ruck zuck hast du n` Kunstwerk am Körper. Dat letzte bei mir hat drei Stunden gedauert. Voll geschmeidig schnell eigentlich.“ - „Ähm…ja danke…ich ruf dann da morgen gleich mal an.“
Ich starre auf die hellgelbe Visitenkarte in meiner Hand „Joy of painting“ steht drauf. Ich stecke die Karte in meine Gesäßtasche und bin weg. - „Ick freu mir!“, schallt es hinter meinem Rücken mir nach. Ich gehe nun gemächlich zum Ausgang.
"Ich bin der Dieter!" - „Ähm...ja...was machst du hier in der Stadt?“ – „Arbeiten?“ – „Wo denn?“ – „In der Fertigung von BMW.“ – „Nicht schlecht.“ – „Verdient man denn da was?“ – „Ich kann davon leben….muss reichen.“
Ich weiß nicht, warum ich mich immer von Fremden in einen Dialog verstricken lasse. Sie haben scheinbar Spaß, sich mit mir zu unterhalten. BMW ist ja auch cool. Für mir unbekannte Leute scheine ich ein Händchen zu haben…nur bei den mir vertrauten, klappt nichts. Vier lange Minuten Neuigkeiten über Autos und elektronische Zündkerzenregler. Davon verstehe ich nichts. Im Kopf dreht sich alle…Wirrnis. Was mir fehlt ist ihre Nähe…ich bin stumpf, abgestoßen und gebrochen. – Rainald Goetz hat Recht:
„Wobei ich glaube, er wollte sie nur ganz leicht berühren.“
„Oder vielleicht noch nicht mal das, und er wollte sie nur bei sich, in seiner Nähe fühlen.“
„Sie sieht ja auch wirklich zauberhaft aus.“

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