Freitag, 04. Juli, München
Jemand musste versucht haben K. zu täuschen...ICH…hätte es wissen müssen. Mein Spiel mit Fakt und Fiktion…gebrochen. Wer bin ich, wer sind die anderen? Wer spricht? Assoziationen waren möglich, sodass K. einfach nur eins und eins zusammenzählen musste. Das hat er getan.
Ich bin zunächst irritiert, etwas verwirrt und verwundert. Für einen kurzen Moment muss ich mich demaskieren, die selbst gewählte Larve ablegen und mich zeigen. Eigentlich ist nur das eingetreten, was ich immer wollte: den Leser…meinen Leser. Question and response. Ich hatte gedacht, dass im Internet alles weitgehend anonym sei…dem ist jedoch nicht so und auch hier hatte ich mich getäuscht. K. darf man einfach nicht unterschätzen.
Ich packe die Tüte mit meinem Buch und verlasse den Laden...wieder draußen auf der Straße. Ich schlüpfe zurück in meine Rolle, setze die abgelegte Maske wieder auf und das Spiel kann weitergehen. Es hat gerade erst begonnen:
„Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen.“ – Auf die nächsten Runden.
Unmöglich noch eine Karte im Vorverkauf für das Sommerfest am Abend zu bekommen. Mein Fehler, denn lange genug war Zeit eine zu besorgen. PECH gehabt. Der Vorverkaufsstand schließt, das Kontingent ist erschöpft. Im Kopierladen ein paar Straßen weiter könnte es noch welche geben…wir also hin. Zwei Leute, ich bin dabei. Gleichzeitig erreichen wir den Laden und stürmen vor zur Theke. Eine Karte ist noch da…na toll. Fair-Play beschleißen wir, weshalb eine Münze geworfen wird. Er nimmt Kopf, mir beleibt also Zahl. Die Aushilfskraft schleudert die rotierende Münze durch die Luft und fängt sie mit der flachen Hand auf dem Handrücken…Mozart erscheint. Ich habe verloren…GLÜCKSSPIEL. Geknickt verlasse ich den Laden…“Pech im Spiel, Glück in der Liebe?!“
bflo - 5. Jul, 19:47
Donnerstag, 03. Juli, München
Der gestrige Tag wirkt nach. Abends hat es dann wie verrückt zu regnen begonnen. Ein richtiger Wolkenbruch. Doch es war warm, weshalb wir unter dem riesigen Sonnenschirm trotzdem draußen im Biergarten sitzen konnten. Bei Kracht war mir gestern noch aufgefallen, dass „New Wave“ noch original verpackt war. Er musste es zuvor gekauft haben…oder am Flughafen. Sein Hemd hatte hinten zwei Löcher, die wie Einschusslöcher aussahen, waren sie doch an den Rändern leicht dunkel ausgefranst…nur kleiner. Eben ein Dandy.
Nachmittags, vor dem großen regen, sitze ich wieder einmal auf dem Rad. Dabei denke ich an Andrea, die ich in Budapest kennen gelernt hatte. Wenn ich versuche den Kopf frei zu machen und alles auszublenden, dann kommen mir immer die seltsamsten Dinge in den Sinn. Das ist eben so. Andrea war plötzlich einfach da…sie hat an diesem Abend ihr erstes Bier getrunken, was man auch schnell gemerkt hat. Sie war zum Studieren in Budapest, kommt ursprünglich aber aus Sankt Petersburg. Ihr Deutsch war sehr gut, allerdings war sie nicht immer gut zu verstehen, da es in der Studentenkneipe irrsinnig laut war. Konversation gab es trotzdem. Sie mochte die Jungs aus Deutschland. Es gab noch einen weiteren Abend, an dem wir uns gesehen haben. Sie hat mir da dann sogar eine ihrer Freibier-Getränkemarken gegeben. Das war sehr nett von ihr. Dann kam der Abschied leider sehr plötzlich und ich registrierte, dass ich sie niemals wieder sehen würde. Eigentlich schade…Die Kneipe, in der unsere letzte Begegnung stattfand, war übrigens dieselbe, in der ich später auch den Leuchtfinger-Verkäufer getroffen habe. Glow in the dark. Tja, so was fällt mir eben immer dann ein, wenn ich Rad fahre. Es ist, als würde ich in einer anderen Welt auf einer anderen Bewusststeinsebene schweben.
bflo - 3. Jul, 15:39
Mittwoch, 02. Juli, München
Frühmorgens klingelt das Telefon meines Dozenten. Kracht ist dran…höchstpersönlich. Wir rechnen alle noch mit einer Absage, doch der Autor wünscht nur eine Kanne Kaffee…schwarz, ohne Zucker. Dreißig Minuten später betritt er unseren Seminarraum. In der Hand trägt er eine braune Papiertüte mit zwei Trageschlafen, sein eigenes Buch „New Wave“ und ein gebundenes Manuskript von „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, aus dem er gleich lesen wird.
Vor mir sitzt ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters. Seine Gesichtszüge sind scharf, die Haut selbst allerdings matt und eingefallen. Er wirkt leicht ausgezehrt, müde und verbraucht. Im Verlauf der Lesung wird Kracht munterer, er leert die Kaffeekanne, liest aufmerksam und wirkt jetzt hellwach. Sein Blick streift unsere Runde, von acht Studenten. Er sei nervös, habe so etwas noch nie zuvor gemacht, sagt er. Ich weiß, dass es Simulation sein könnte. Ich hatte ja meine Bedenken, kannte ihn nur aus den Medien, seinen Büchern und aus der Zeitung. Vor mir sitzt ein intelligenter, grundsympathischer Mann, ohne Starallüren. Er ist einfach nett. Später gehen wir mit ihm in ein Cafe um eine kleine Stärkung zu uns zu nehmen. Leider ruft ein Freund an, teilt ihm mit, dass er den Flieger um zwölf Uhr nach Frankfurt nehmen müsse. Kracht muss leider gleich los…schade eigentlich. Was bleibt ist ein Gruppenfoto des Seminars mit ihm, die Erinnerung an einen einmaligen Vormittag und ein paar signierte Bücher. Ich habe den „Gelben Bleistift“ dabei, den ich mir von Sophie geliehen habe. Ich lasse es für sie signieren…Kracht kritzelt tatsächlich „Für die liebe Sophie“ auf eine der ersten Seiten. „Faserland“ signiert er für mich. Seine Schrift sieht aus wie die eines Kindes. Ich bin beinahe gerührt. Dann steht Christian Kracht auf, verbeugt sich noch einmal vor uns und verschwindet schließlich. Ganz natürlich und unspektakulär. Ein großer Künstler eben. Wir sitzen noch etwas zusammen und diskutieren das Geschehene. Am Abend blättere ich noch einmal in beiden Büchern und die Unterschriften sind tatsächlich noch da…alles war real.
bflo - 3. Jul, 15:10
Dienstag, 01. Juli, München
Morgen soll Kracht kommen…ich bin gespannt. Er wird lesen, signieren, aber keine Fragen beantworten…soviel schon im Vorfeld. Mein Gott, das ist seine Sache. Um mich heute schon einzustimmen kaufe ich mir frühmorgens bereits drei Balisto-Riegel und zwei Ehrmann-Joghurts. Da kommt dann so ein ganz spezielles Feeling auf, so eine Art Grundstimmung…“Faserland“ einfach. Von Sophie habe ich mir ja Kracht Buch ausgeliehen…sie liest ihn eigentlich auch ganz gern, weshalb ich versuchen werde ihn dazu zu bewegen, seine Unterschrift reinzukritzeln.
Sie war verschwunden, ist aber mittlerweile wieder aufgetaucht. Sie war wohl nie ganz weg, aber trotzdem irgendwie nicht da. Durch die Wasserobverfläche bohrt sie sich schließlich nach oben und schaut ans Ufer. Dort stehe, ganz in der Ferne, ich. Zumindest liest und beantwortet sie wieder E-Mails. Nächste Woche möglicherweise ein Treffen…mal sehen. Bei mir geht es erstmals seit Tagen etwas ruhiger zu. Ich genieße das Wetter, die Sonne und das angenehm leichte „so-soll-es-sein“-Gefühl. Am Nachmittag war viel zu erledigen…mit meinen Joghurts und Balistos saß ich gemütlich draußen in der Sonne.
Die letzten Tage versuche ich vieles auszublenden. Das muss einfach sein…ich muss gelassener werden. Radfahren alleine kann da nicht helfen…ich suche nach etwas Neuem…im Bereich Sport. Die Kondition ist steigerungsfähig. Ich komme besser und schneller die Treppen hoch, als viele Leute, die ich kenne, aber das kann noch besser werden.
Im Moment allerdings: Abschalten!
"Doch da meine Liebe wasserdicht und meine Seele kugelsicher, macht ihr Stricher bei mir keinen Stich mehr!"…ZAPPED!
bflo - 1. Jul, 18:40
Montag, 30. Juni, München
Es hatte sich abgezeichnet…pomadig gespielt…so kann man nicht gewinnen. Glücklicherweise siegt dann doch auch die bessere Mannschaft. Es wäre einfach nicht verdient gewesen. Trotzdem hat es riesigen Spaß gemacht…drei tolle Wochen.
Morgens regnet es seltsamerweise; das hatte ich nicht erwartet. Die nächsten Tage werden einfacher, weniger Stress, weniger zu tun. Anfang August dann wieder Vollgas.
Ich bin das Geld wieder los geworden…es ist eine Erleichterung. Die Kolleginnen hinter dem Bankschalter giften sich gegenseitig an…MONTAGMORGEN…und ich irgendwie mittendrin, statt nur dabei. Mein Schatz! Ich bin ihn los…das Geld arbeitet ab heute auf meinem Super-Spar-Konto irgendwo auf der Welt für mich. Ich hoffe nur, davon werden keine Waffen gekauft, die dann wieder gewinnbringend exportiert werden…mit denen dann wiederum irgendwo auf der Welt sinnlos Menschen niedergemäht werden. Man liest ja schließlich so viel Schlimmes.
Ein lästiger Behördengang steht noch an. „Die Kollegin ist noch im Gespräch!“…dumm nur, dass ich gar niemanden sehe und das, bevor ich eintrete, auch niemand das Büro der „Kollegin“ verlassen hat. TELEFONATE...Wohl Kaffeepause morgens um neun. Nach fünfzehn Minuten darf ich eintreten. Die Flure sind lang, eng und an den Wänden hängen nur wenige grau-in-grau-gemalte Bilder. TRISTESSE…Ich beginne zu verstehen, was Kafka meinte…so eine Behörde ist ein dumpf-monotones Etwas. Die Menschen auf den Fluren wuseln herum, wirken dabei aber platziert und irgendwie in die Szenerie hineinkonstruiert. Auch ich schwebe irgendwie unwirklich über den mehlig-weißen Laminatboden hinein in das, immerhin farbenfroh gestaltete, Büro. Später endlich wieder draußen...der Regen hat nachgelassen, die Sonne zeigt sich langsam. Den großen Büro-Beton-Komplex lasse ich rasch hinter mir. Die konstruiert anmutende Realität beginnt langsam zu verschwimmen.
bflo - 30. Jun, 12:49
Sonntag, 29. Juni, München
Es ist heiß in Deutschland…nur noch wenige Stunden bis zum Anpfiff. Das wichtigste Spiel der letzten Jahre. Auf der Couch bekomme ich plötzlich einen Krampf…es könnte die Wade sein, fühlt sich aber irgendwie seltsam an. Möglicherweise doch weiter oben…es zwickt und zieht. Wahnsinn, wie bei Ballack. In den Nachrichten scheint es nur noch ein Thema zu geben: EM-Finale. Da wird Obamas geplanter Deutschlandbesuch im Sommer glatt zur Nebensache. Es ist so ein Tag, an dem irgendwie nicht viel läuft. Der Fußball scheint alle zu lähmen…unglaublich. Man sitzt einfach zu Hause, die Sonne brennt, und bereitet sich auf das Spiel vor. Public Viewing muss heute nicht unbedingt sein. Hat mir Mitte der Woche schon gereicht.
Am Morgen noch schnell eine Mail an Sophie geschrieben. Sie scheint untergetaucht, ja förmlich verschwunden zu sein…die Verbindung scheint gestört, womöglich bereits gänzlich unterbrochen. GEDANKENSPRUNG: auch sie, die vor beinahe drei Monaten noch in Südafrika war, werde ich nun wohl länger nicht sehen. Promotion am Flughafen für Bacardi…WOW…toll. Irgendwie läuft das alles nicht so, wie ich es mir vorstelle. Der Fehler scheint im Detail zu stecken. Ich versuche es locker zu sehen und ruhig zu bleiben…es wird sich schon alles fügen.
Wenn wenigstens Deutschland heute gewinnt...
bflo - 29. Jun, 20:22
Samstag, 28. Juni, München
Morgens wache ich auf, bin eigentlich absolut fertig und habe die Gewissheit, dass ich am Abend sicher nicht auf diese Party kann. Dumm nur, dass ich sie selbst initiiert habe. Es ist ja im eigentlichen Sinne gar keine Party, denn wir treffen uns nur mit ein paar Leuten aus unserem Abijahrgang 2004 am See…seit Monaten ist das bereits geplant. Während des Tages steigt dann aber meine Motivation und ich bekomme doch Lust die ganze Sache durchzuziehen.
Wir fahren zu zweit hin, laden Getränke, Grills und Kohle aus und machen es uns gemütlich. Es beginnt plötzlich nach altem Aquarium zu stinken und wir entdecken im Wasser einen riesigen toten Fisch…hier im Baggersee…unglaublich. Wir ziehen ohne zu zögern mit dem Krempel um und bauen alles hundert Meter weiter vorne wieder auf. Geht ja gut los.
Es kommen dann doch einige Leute, was uns sehr freut. Etliche Leute sieht man ja auch heute privat noch ab und an regelmäßig...das ist auch gut so. Doch einige habe ich echt seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Viele Mädchen sind noch hübscher geworden (es sind eigentlich sowieso nur die hübschen gekommen, wie ich zufrieden feststelle). Die Jungs sind zum größten Teil noch so wie damals. Die Abifeier 2004 fiel benahe exakt auf den heutigen Tag (und umgekehrt)…wiederum nahezu vier Jahre nach dem EM-Endspiel…morgen Finale. Das Wetter bleibt schön, die Leute unterhalten sich, stehen am Grill und haben Spaß…ich bin froh dabei zu sein.
Gegen zwei Uhr löst sich alles auf…wir müssen noch mit dem ganzen Krempel zum Auto zurück…ich bin betrunken…der Fahrer nicht….ein Glück. Schnell noch ein paar Umarmungen eingesackt und dann geht’s nach Hause.
Zuvor saß ich unten am Wasser und habe hinaus auf den See geblickt. Es war ganz still und nur ein Plätschern drang an mein Ohr. Die Sonne war längst untergegangen. Neben mir spürte ich den Körper der Frau, in die ich einmal verliebt war. Ihr Freund kam dazu, sie taumelte etwas und drohte zu fallen. Er sah das…“Schatz!“, meinte er „du bist ja betrunken.“ Und sie sagte: „Ja Schatz, das stimmt.“
bflo - 28. Jun, 17:48
Freitag, 27. Juni, München
Morgens in der S-Bahn...diese Kinder. Unglaublich…Dummerweise hat heute ja Hinz und Kunz einen MP3-Player. Früher gab es das nicht…ich hatte nicht einmal einen eigenen Gameboy und eigentlich hat mir dadurch auch nichts gefehlt. NERVEN AM LIMIT!
Der Kaffee ist lecker und weckt neue Lebensgeister in mir. Das tut gut, so verschlafen wie ich bin. Vorgestern das Hammerspiel gegen die Türken, gestern dann Public-Viewing im Olympiastadion. Das ist anstrengend.
Mitten rein in den russischen Fanblock…die Atmosphäre aufsaugen. Leider ist nicht so viel Stimmung und der Ansturm hält sich zunächst auch noch in Grenzen. Dann aber die hübschen Russinnen bewundert. Nice. Alles im flow. Eine davon trägt eine alte Militärmütze, die der Großvater 1942 aus Stalingrad mitgebracht haben könnte. Lauter Anstecknadeln und Orden sind daran befestigt. Die, die die trägt, drängt sich einmal an mir vorbei. Ich sollte die den ganzen Abend immer wieder mal sehen…leider wird es aber später dunkel, so dass Trägerin und Mütze nur noch schwer zu erkennen sind. SCHWARZE SCHATTEN. Das Spiel reißt einen leider nicht so mit, aber zumindest regnet es nicht. Nach dem Abpfiff dann mit dem Fahrrad hinein in die Nacht und nach Hause. Es ist angenehm warm, trocken und die Grillen zirpen im Gras. Erst an der großen Hauptstraße ist allmählich der nächtliche Durchfahrtsverkehr zu hören.
bflo - 27. Jun, 16:39
Donnerstag, 26. Juni, München
Der Tag nach der großen Party. Was da gestern bzw. heute Nacht los war, war einfach unglaublich. Unbeschreiblich. Tausende schwitzende Leiber haben sich durch die große Straße gekämpft…dicht an dicht. Heute Morgen kehrt wieder die Realität ein. In der S-Bahn werfe ich zufällig einen Blick in die Zeitung…der U-Bahnschläger und daneben seine Freundin. „Ja, wir wollen heiraten“. Ich begreife wieder einmal, dass ich anscheinend irgendetwas grundsätzlich falsch mache. Das Mädchen ist echt hübsch und ihr Typ ein brutaler Schläger. Verkehrte Welt. Ich bekomme wieder dieses Gefühl, bei dem mir klar wird: „Öffentlichkeit macht sexy!“ Anders kann ich das schon gar nicht mehr erklären. Auf dem Weg zum Burger King überlege ich, ob ich nicht auch mal jemanden in der U-Bahn verprügeln sollte…einfach mal so und dann schauen, was passiert. Ich lasse das natürlich sein. Im Schnellrestaurant scheint vor mir jemand ein Haus zu kaufen…zumindest kann der Erwerb einer eigenen Immobilie auch nicht länger dauern. Meine Mutter hat mich beauftragt bei Tchibo eine Spieluhr für das in zwei Monaten erwartete Kind meiner Cousine zu kaufen. Die ist drei Jahre jünger als ich und bekommt nun ein Kind. Ich erinnere mich, wie ich ihr damals Lesen beigebracht habe und wir gemeinsam gespielt haben. Nun wird sie selbst Mutter…die Zeit vergeht…ich werde alt.
„Darf man schon zur Vaterschaft gratulieren?“, fragt die Verkäuferin hinter der Theke frech. Ich verneine, sage ihr, dass die Spieluhr ein Geschenk sei, packe sie hektisch in meinen Rucksack und verlasse den Laden. Draußen auf der Straße bin ich zunächst etwas verwirrt. Es beginnt auch noch zu regnen.
bflo - 26. Jun, 16:31
Mittwoch, 25. Juni, München
Deutschland spielt…ich habe Karten fürs Kabarett…Georg Schramm. Unglaublich. Verfallen lassen will ich das Ticket auch nicht, war zu teuer…also hin. Schon auf dem Weg ist die Leopoldstraße brechend voll...Menschen, Leinwände, Flaggen. Krass…später bricht hier die sogenannte Hölle auf uns herein. Der Abend ist nett, wir haben Radio und sind immer wieder akustisch mit dem Spielgeschehen verbunden. In der Pause kurz nach draußen. Die Leute kleben vor den Flat-Screens. „Weltweite Bildstörung“… nur in der Schweiz nicht. Großartig. Béla Réthy ist am Zug…er könnte eine Legende werden, doch das kann oder will er scheinbar nicht. Es ist schrecklich, die Fans pfeifen, fluchen und schimpfen wie verrückt. Was für ein Abend. Das Spiel ist vorbei. Um halb zwölf rein ins Getümmel. „Was geht?“ – „Da geht einiges!“. Vom Lustspielhaus bis zur Leo – das dauert heute gefühlte zwei Stunden. Dort noch einen Trinken gehen, kann man knicken…alles überfüllt. Ein Fahnenmeer…Frauen, auch türkische, tanzen auf den Bänken. Was für eine Sommernacht. Es dauert ewig, sich durchzukämpfen und auf dem Weg zu irgendeiner U-Bahn, irgendwo in der Stadt noch drei Freunde getroffen…vom Olympiastadion zu Fuß bis nach Schwabing…Respekt. „Ausm Kabarett? Heute Abend?“ – „Ja, was hätt ich denn machen sollen?“ – „Wie bitter!“ – „Dankeschön!“ Den Typ, der auf die Ampel geklettert ist und nun nicht mehr runterkommt, hätte man fotografieren müssen. Unter ihm ist beim Aufstieg die halbe Ampelanlage abgebrochen, aber er hat eben den besten Ausblick. Überall höre ich das Geräusch von splitterndem Glas. Kaum vorstellbar, dass in wenigen Stunden hier wieder Autos fahren sollen.
Am Morgen danach ist die Leopoldstraße wieder befahrbar. Die Scherben sind, von winzigen Splittern einmal abgesehen, nahezu vollständig beseitigt worden. Gute Arbeit. Ab und an stehen noch leere Bierflaschen in der Gegend herum. An ihnen perlen die letzten Tropfen des großen Regens, der in der Nacht noch kam, langsam ab und glitzern dabei in der Sonne. Der Typ auf der Ampel ist verschwunden…hat es wohl doch geschafft. Was bleibt ist die demolierte Verkehrsregelanlage. Was für ein Fußballfest…bis Sonntag dann. Als ich die Uni betrete, habe ich vergessen, was heute eigentlich für ein Tag ist.
bflo - 26. Jun, 09:53