Samstag, 22. März 2008

Zwischen den Feiertagen

Samstag, 22. März, München

Einzeln versprengte Tage zwischen kirchlichen Feiertagen mag ich nicht so gerne. Einige Sonnenstrahlen haben mich am Vormittag ins Freie getrieben. Radfahren und Nachdenken. Beides funktioniert gleichzeitig und problemlos, worüber ich sehr froh bin. Der Wind weht kühl und aus allen Richtungen, aber zum Glück regnet nicht.
Ich denke wieder über „Soloalbum“ nach…wie so oft in den letzten Tagen. Ein Buch, das einfach nur den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer ganzen Generation widerspiegelt. So leben wir, so fühlen wir…wir sind frei. So zu leben muss nicht unbedingt das Beste sein, aber es ist sicherlich auch nicht völlig verkehrt. Meine Gedanken kreisen mal wieder um alle möglichen Themen, ohne sich irgendwo festzusetzen. Der Wind scheint sie in die verschiedensten Richtungen zu trieben. Wieder zu Hause verschicke ich vereinzelt Ostergrüße per Email, oder surfe einfach ein wenig im Netz rum. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und es sieht nun doch nach Regen aus, der aber nicht kommt.
Innerlich bin ich voller Vorfreude auf meine Woche in Budapest. Gestern habe ich mit Jochen telefoniert, da der im Moment grad in München ist. In Ungarn haben sie eine Woche Osterferien. Die hat er genützt um heimzufahren. Mit ihm ist alles abgesprochen. In diesem Nachtzug bekommt man nicht viel Schlaf, meint er, weshalb ich mich am morgen meiner Ankunft gerne in seiner WG hinlegen kann, wenn ich müde bin. Wir werden sehen….hab eigentlich nicht vor so viel zu schlafen, wenn ich schon mal Urlaub hab. An einen Schlafsack müsse ich denken und eventuell eine Isomatte. Hab ich alles hier, gar kein Problem. Nach dreißig Minuten lege ich auf. In elf Tagen geht mein Zug.

Freitag, 21. März 2008

Good Friday

Freitag, 21. März, München

Gestern im Saturn diese CD angehört…hab mich intensivst damit beschäftigt, echt lange. In jeden Track reingehört. „Good Friday“ habe ich sogar zweimal angehört. Wieder zu Hause habe ich „Soloalbum“ fertig gelesen. Wie konnten Blur und Oasis nahezu spurlos an mir vorbeigehen. Das gibt mir Rätsel auf. Unglaublich.
Wenn mich jemand fragen würde warum ich protestierend Tibeter pathetisch finde, dafür aber ein Hochglanzmagazin mit einer Dalai Lama Biographie kaufe, müsste ich ihm sagen: „Ich kann es nicht erklären!“ – Es ist einfach so ein Moment, so ein Gefühl. Vielleicht habe ich die Situation falsch eingeschätzt, einfach nicht richtig beurteilt. Man muss beides trennen. Die Tibeter vom Marienplatz und der Dalai Lama aus der „Vanity Fair“ haben nichts gemeinsam. Letzterer manifestiert sich in Bildern auf buntem Papier. Womöglich liegt alles daran, dass sie Szenerie mit den Tibetern grotesk war. Im Nachhinein glaube ich, dass es ganz normale Europäer waren…ich stand wohl zu weit weg. Das war eben keine richtige Demonstration…nicht einmal eine Kundgebung. Ich möchte es als Versammlung bezeichnen, auf der irgendjemand irgendetwas in die Menge der Anwesenden nuschelt. Der Dalai Lama kam, trotz nur auf Papier gedruckt, irgendwie echter, wirklicher rüber. That´s it. Das würde ich sagen.
Ostern, Fest der Süßigkeiten und bunten Eier. Ich habe heute Eier gefärbt…mit der Familie, eben ganz traditionell. Dabei ging mir diese Schokoladensache noch einmal durch den Kopf. Ich sehe qualitativ keinen Unterschied zwischen Sarottischokolade und der von Lindt. Letztere hat mit 2,70 Euro pro Tafel einen stolzen Preis. Das ist mir zu teuer. Sarotti ist mindestens genau so gut, wenn nicht noch besser. Natürlich darf Gutes auch etwas kosten, keine Frage, nur im Rahmen muss es bleiben. Aber es ist ja Karfreitag. Da habe ich sowieso ein wenig gefastet…ein ganz kleines bisschen. Zumindest gab es kein Fleisch.

Donnerstag, 20. März 2008

Dalai Lama

Donnerstag, 20. März, München

Ich kaufe also eine Tafel Schokolade für sie. Das ist gar nicht so einfach, denn die Auswahl ist riesig. Ich tendiere zunächst zu einem in goldene Alufolie verpackten Lind-Schokohasen. Der kostet aber ein Vermögen, also entscheide ich mich für eine Zartbittertafel von Sarotti…die ist schon teuer genug. Warum muss alles, was ein bisschen hochwertiger Qualität ist gleich ein Vermögen kosten? Da ich Sarottischokolade gerne mag, komme ich zu dem Entschluss, dass sie sie einfach auch gerne mag…gerne zu mögen hat. Basta!
Dann gehe ich noch in diesen Laden, in dem es nur lauter Kleinkram und Dekorationszeug gibt. Meine Mutter hat mich gebeten da irgendetwas zu kaufen. Mit einer undefinierbar und geschmacklos aussehenden Plastikstatue verlasse ich das Geschäft. Mit meinem Rucksack bepackt war ich zuvor durch die engen Gänge gestolpert und habe mehrmals nur mit Mühe und ganz knapp die hoch aufgetürmten Tische mit Glasvasen verfehlt. Glück gehabt!
Mittagspause mit Sandra. Es hat wie blöd zu schneien begonnen, doch kaum sind wir raus aus dem Hugendubel, hört es auf (göttliche Füchung würde der Franke sagen). Leider kann man sich draußen nirgends hinsetzten…alles nass. Zudem ist es kalt. Mich friert ja nicht, aber Frauen ist es fast immer zu kalt. Also wieder rein in den Hugendubel, rauf in den fünften Stock ins Cafe. Ich bestelle eine kleine Tasse Kaffee und bekomme eine Mittlere. Sandra isst Kuchen. Später kauft sie einen Budapest-Reiseführer für mich, da sie zwanzig Prozent Rabatt bekommt. Ich will ihn bezahlen, hab aber nur fünfzig Euro…sie gibt mir ihre Kontonummer und später überweise ich das Geld…ich mache ungern Schulden. Wir umarmen uns, wünschen uns Frohe Ostern und gehen auseinander. Zuvor überreiche ich die Schokolade. Auf dem Marienplatz demonstrieren Tibeter (die wie Chinesen aussehen) gegen China (also müssen es doch Tibeter sein). Mit farbigen Hula-Hoop-Reifen bilden sie die fünf olympischen Ringe. Die Szene wirkt pathetisch.
Auf dem Weg durch die Kaufingerstraße begegne ich meinem Vater, der irgendwo rumsteht und auf irgendwas wartet. Was, habe ich vergessen.
Im Hauptbahnhof kaufe ich am Zeitungskiosk eine „Vanity Fair“. Ich kaufe sonst nie die „Vanity Fair“ aber ein Heftchen mit Auszügen aus der Biographie des Dalai Lama liegt bei und sie kostet nur einen Euro.
Darum ist es meine gottverdammte Pflicht sie zu kaufen.

Mittwoch, 19. März 2008

Vergangenes

Mittwoch, 19. März, München

Gestern war dann endlich mal wieder was los! Lange ist es her, dass sie uns besucht hatte. Dabei ist Stuttgart gar nicht so weit weg. Trotzdem…jeder macht halt so sein Ding, was bedeutet, dass jeder gerade immer zu einer anderen Zeit gerade kann, was eine präzise Abstimmung zumeist sehr schwierig macht.
Sie sieht mal wieder extrem gut aus, wenn sie in de Raum geschwebt kommt. Eigentlich sah sie auch früher immer schon sehr gut aus, aber heute irgendwie noch besser. Hat sich auch ganz bestimmt extra hübsch gemacht, nur für uns.
Dann wurde es ein extrem lustiger Abend, mit drei Weißbier meinerseits und zwei Apfelsaftschorlen ihrerseits (ein paar andere Leute waren auch noch dabei). Wir mögen uns eigentlich recht gerne, werden sehen, was die Zukunft so bringt und wie alles weitergeht. Jetzt ist sie dann erst mal wieder weg. „Denn sie ist weg weg…und ich bin wieder allein allein.“
Ich habe mein Lied gefunden. „Good Friday – von Why?“ Leider gibt es auf youtube.com nur einen Remix von Boards of Canada (kenn die Band oder was auch immer das ist nicht). Aber der Song ist echt cool. Ich muss morgen mal beim Saturn reinschauen und dort das neue Album von Why? anhören und mir ein Bild davon machen. Das wars dann für heute. Morgen Mittagspause mit Sandra. Bin gespannt.

Dienstag, 18. März 2008

Die Frauen und ich

Dienstag, 18. März, München

Morgens zur Uni gequält. Ich hatte mir vorgenommen, durch den Englischen Garten zu spazieren. Das habe ich dann auch gemacht. Die Sonne kam sogar raus, das war prima. Auf dem Weg zur Münchner Freiheit kaufe ich einen Apfel. Dummerweise habe ich nur einen 20 Euroschein in der Tasche…kann der Typ am Obststand natürlich nicht wechseln. Er sagt einfach, ich soll ihm das Geld irgendwann mal geben…wie cool. Ich also mit dem Apfel weiter, rein in den Woolworth und einen Kinderriegel für 29 Cent gekauft. „Nein ich habe es leider nicht kleiner!“. Mit schönen neuen Münzen zurück zum Obststand. Ich bezahle meine Schulden immer und die nächsten Tage komme ich gewiss nicht mehr in diese Gegend. Der Ostverkäufer bedankt sich und wirkt glücklich. Ob er das erwartet hatte? Ich bin auch glücklich und beiße genüsslich in meinen Apfel. Gut, dass es noch solche Menschen gibt.
Ich also rein in den Englischen Garten und dann erstmal zu Fuß durch. Irgendwo entdecke ich einen schönen Biergarten. Also gleich mal ein Bier gekauft und „Soloalbum“ weiter gelesen. Hinter mir diskutieren rüstige Rentner über das Wetter, die Politik und alles, worüber rüstige Rentner halt so diskutieren. Sie mustern mich, mein Bier und mein Buch mit kritischen Blicken.
Eigentlich wollte ich mit Sandra ihre Mittagspause verbringen, aber sie hat keine Zeit. Jetzt ruft sie an. Sie hätte nun doch Zeit, denn ihre Mutter kommt etwas später. Na toll. „Ich bin gerade Lichtjahre vom Marienplatz entfernt, sorry.“ – „Na dann am Donnerstag!“ – „In Ordnung!“ Warum melden sich Frauen immer dann, wenn man selbst gerade keine Zeit hat? Egal. Gemütlich trinke ich mein Bier, lese weiter und gehe irgendwann zu Fuß zum Marienplatz (doch ganz schön weit). Bei diesem Wetter aber kein Problem. Der Hugendubel ist brechendvoll. Da ist die Hölle los. Ab morgen gibt es wohl keine Bücher mehr. Ich nehme mir den erstbesten Budapestreisführer, lese darin und irgendwann taucht Sandra auf. Wir wechseln ein paar Worte, denn sie hat wenig Zeit (der Laden ist ja voll) und sind für Donnerstag verabredet. Immerhin.
Heute habe ich gemerkt, wie krass ich auf rote Jacken konditioniert bin. Jede rote Jacke verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Sophie trägt auch immer so eine rote Jacke. Ich kann mich gar nicht erinnern, sie in letzter Zeit nicht in einer roten Jacke gesehen zu haben. Gut, so oft habe ich sie in letzter Zeit auch nicht gesehen, aber egal. Schlimm ist das. Gegen mich ist Pavlov`s Hund ein saudummer Köter.

Montag, 17. März 2008

Ohrwurm

Montag, 17. März, München

Morgens schon ist die Welt grau. Es regnet. Es sollte den ganzen Tag weiterregnen, mit kurzen Pausen, in denen ein heftiger Wind weht. Trotzdem drehe ich meine Runde mit Regenschirm und gutem Schuhwerk. Ein dunkler Tag im März, so gar nicht frühlingshaft. Ich hasse diese Tage, an denen eigentlich überhaupt nichts passiert. Ich muss Briefmarken kaufen und der Automat funktioniert mal wieder nicht, obwohl ich das Geld passend und abgezählt in den Händen halte. Also rein und an den Schalter…mit Rumstehen in der Warteschlange kann man den Vormittag auch verbringen.
Ich interessiere mich nun einmal absolut nicht für Autos. Ich fahre auch nicht extra nach Genf, um mir dort irgendwelche neuen Protzschlitten anzuschauen, die ich sowieso nie fahren werde und nie fahren will. Ich würde mir Genf anschauen, das schon. Ansonsten bin ich auch schon sehr lange nicht mehr mit dem Auto gefahren. Ich besitze selbst sowieso kein eigenes, sondern muss immer das meiner Eltern leihen, wenn ich will. Ich will aber nicht. Ich habe nun beinahe sechs Jahre den Führerschein und bin dabei maximal 500 Kilometer gefahren. Wenn überhaupt. Ich wohne in der Großstadt und kann alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen, oder mit dem Rad. Das geht schneller, ich muss nie einen Parkplatz suchen und bei den Spritpreisen im Moment ist es auch billiger.
Hab grad eben im Radio dieses Lied gehört…leider wieder nur die Hälfte des Titels mitbekommen…den Interpreten total überhört…kennt man ja. Werde die Nacht wohl googlen, denn der Refrain hat sich schon fest in meine Gehörgänge gebrannt.

Imaginationen aus der Wirklichkeit

Sonntag, 16. März, München

Stell dir vor, dein Zug rauscht durch die pechschwarze Nacht, die Räder rattern auf den Schienen unter dir. Stell dir vor, du fliehst aus deinem Alltag hinein ins Ungewisse, ohne zu wissen, was dich genau erwartet. Sich auf die Zukunft einlassen heißt immer auch Veränderungen suchen und Neues entdecken.
Stell dir weiter vor, da draußen irgendwo in Deutschland oder der weiten Welt gibt es jemanden, der dich versteht, der dich zu kennen scheint, obwohl du ihm noch nie begegnet bist. Er scheint zu wissen, was und wie du fühlst, gibt dir Ratschläge, die dir helfen sollen anders, leichter zu leben. Stell dir vor, es gibt jemanden, der hat vor Jahren ein Buch geschrieben, das dein Leben widerspiegeln könnte. Du erkennst dich darin teilweise wieder und es ist oft erschreckend zu erkennen, wie ähnlich der Protagonist des Buches dir ist, beziehungsweise wie ähnlich du dem Protagonisten des Buches bist.
Das Werk gibt es wirklich: Es heißt „Soloalbum“ und abzüglich Koks und Frauen, könnte es mein Leben sein. Na ja der Ich-Erzähler hat bis Seite 120 auch keine Frau…zumindest nicht so richtig.
Stell dir vor, du musst dir das alles nicht mehr vorstellen, weißt du doch, dass es draußen jemanden gibt, der dir zuhört und dir Ratschläge gibt, sein es auch nur kurze Kommentare.
Ich weiß es, das ist gut so und ich brauche es mir nicht vorzustellen. Zumindest nicht bis in absehbare Zeit.

Samstag, 15. März 2008

Sophies Welt II

Samstag, 15. März, München

Sophies Welt ist extrem komplex. Ich bewundere sie einfach…einfach nur sie und die Welt, in der sie lebt, in der sie leben kann. Wir sind uns ähnlich und gleichzeitig doch so völlig verschieden. Unsere Welten schieben sich wie zwei Kreise übereinander, sodass beide Schnittpunkte eine Ellipse bilden. Ich bin froh, dass es diese Fläche an Gemeinsamkeiten gibt, doch leider ist sie sehr klein.
Dabei ist sie mit Sicherheit zu cool für mich.
"Telefon, Gas, Elektrik , unbezahlt, und das geht auch!" - Genau so ist sie.
Nach fast drei Wochen Funkstille zwischen uns taucht sie auf. Ich wusste das, denn sie hat ja Prüfung. Ihr Internet hat nicht funktioniert und sie hat ihr Handyladegerät bei den Eltern liegengelassen. Auf die Idee es auf dem Festnetzanschluß zu versuchen, hätte ich auch kommen können. Der ging nämlich. Dreizehn Minuten vor Prüfungsbeginn steht sie dann plötzlich vor mir. Ich hatte gehofft, sie noch zu sehen, aber hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt. Sie sieht phantastisch aus, wie immer…und das morgens um kurz vor zehn. Sie wirkt ruhig, abgeklärt, ganz entspannt und das vor der wichtigen Prüfung, auf die sie, wie sie sagt, nur wenig gelernt hat. Unfassbar! Andere hätten vorher einen Fünfziger zu einem schmalen Röhrchen gerollt, Koks gestreut, klein gehackt, eine Line gezogen und wären nicht halb so cool wie sie jetzt. Das ist Sophies Welt.
„Zwar lieg ich nachts stundenlang wach und denk an dich,
doch in Wirklichkeit lieb' ich dich nicht.
Zwar gibt es keine schönere Frau auf der ganzen Welt für mich,
doch in Wirklichkeit lieb' ich dich nicht.“
So zu leben wie sie, könnte ich überhaupt gar nicht. Da steckt zu wenig Plan dahinter. Auf der anderen Seite möchte ich gerne auch so leben wie sie, mit ihr leben. Leben teilen. Teil ihres Lebens werden. Sie wird nun erstmal wieder weniger an der Uni sein, gibt mir Bescheid, wenn doch. Hat ja zwei gute Arbeiten in sehr kurzer Zeit geschrieben und abgegeben. Ich saß drei Wochen an einer und hab immer noch kein Ergebnis und auch kein so gutes Gefühl.
Wer weiß, wann ich sie wieder sehen werde. Ich weiß es: Spätestens am 11. April, denn da ist das Eishockeyspiel. Wenn sie es nicht vergisst, denn sie ist ja eher der Bauchmensch. Ich habe den Termin schon minutiös durchgeplant.
„Shit, das ist zu emotional ich bin ganz ruhig rational .Ich geh back zu dem Anfang und sag es dir noch einmal.“ – Ich brauche dich!

Freitag, 14. März 2008

Die Begegnung II

Freitag, 14. März, München

Im Untergrund angekommen wehte uns „Beethovens Neunte“ entgegen. Ich sollte die Melodie lange Zeit nicht loswerden. Ein Luftzug kündigte die einfahrende Bahn an und wir stiegen ein. Zwei Stationen später, sagte sie, müsse sie umsteigen.
Die Farben an den Wänden der Station waren dunkel, irgendwie drückend. Ein kühler Windhauch wehte uns entgegen und es war keine Musik zu hören.
Wir sprachen nur kurz miteinander, sahen uns aber tief in die Augen. Sie könne bei einer Freundin übernachten, raunte sie und nannte einen Straßennamen. Ich erspähte den Umgebungsplan, schlurfte hin und las. Ich fand, was ich suchte und drehte ich mich um.
Doch sie hatte sich in Luft aufgelöst, war wie weggebeamt in eine ferne Galaxie. Hektisch rannte ich kreuz und quer durch den Untergrund, doch von ihr keine Spur. Zwei Besoffene schliefen auf grünen Metallbänken und ein Obdachloser lehnte an einer der Säulen. Ich habe noch eine Stunde wie versteinert im Untergrund verbracht, bevor ich in einen der letzten Züge gestiegen und nach Hause gefahren bin. Mein Kopf und mein Herz fühlten sich leer an, denn meine Gedanken kreisten um sie. An diesem Tag hatte ich verlernt zu Lieben und es schien, als ob mit dem fremden Mädchen ein Teil von mir für immer verschwunden wäre.
Die letzten Worte spreche ich sehr leise, aber der Fremde hat mich verstanden. Wir schweigen ehe der Alte dem Kellner winkt und seine Rechnung verlangt.
„Im Nachhinein, sage ich, fühle ich mich so, wie einem Fußballer zumute sein muss, wenn er in den letzten Spielminuten durch ein Eigentor die Partie zu Gunsten des Gegners entscheidet. Nach dem Schlusspfiff ist das, was davor war nichts mehr wert. Vielleicht habe ich damals das wichtigste Spiel meines Lebens verloren.“
Ohne zu antworten und noch bevor der Kellner kommt steht mein Gesprächspartner auf, lässt klappernd Münzen auf den Tisch fallen und hebt die Hand zum Gruß. Dann verschwindet er. Der Kellner kommt und sammelte grummelnd das Kleingeld vom Tisch. Erschöpft blicke ich auf meine Armbanduhr. Es war nun auf den Schlag genau Mitternacht. Seit Erscheinen und Verschwinden des geheimnisvollen Mannes waren erst knapp fünfzehn Minuten vergangen und dass, obwohl ich meine ausführliche Geschichte vorgetragen hatte.
Ich nippe an meinem Bier und finde unter dem Glas ein gefaltetes Stück Papier, das ich zuvor nicht bemerkt habe. Ich lese:
„Dopplungen regieren unser Leben; Liebe und Hass, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Freude und Trauer. Mal stehen wir auf der einen, mal auf der anderen Seite. Und darum sieht man sich im Leben auch stets zweimal. Dies soll uns Trost sein in schwerer Zeit!“
Ich verharre kurz, falte den Zettel auf die Hälfte und verstaue ihn in der Tasche. Gedankenverloren zahle ich, stehe auf und verlasse das Lokal. Das Radio intoniert „Bridge over troubled water“. Es hat zu Regnen aufgehört und die Luft ist herrlich klar. So gehe ich die Straße entlang, die Hände in den Taschen vergraben, ab und zu mit einem Blick in den Himmel, an dem die Sterne funkeln. Am Ende der Straße, ganz in der Ferne, aber doch nahe, leuchtet etwas in der Dunkelheit und ich weiß, dass ich es erreichen kann.

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