Sonntag, 30. März, München
Trotz der Zeitumstellung bin ich erstaunlich fit. Min-Jet-Leg stand in den Zeitungen. Bei mir keine Spur...kann aber noch kommen.
Mir ist heute klar geworden, dass der schlimmste Satz den eine Frau zu einem Mann sagen kann wohl „Ich meld mich bei dir!“ sein muss. Fünf Worte aneinander gereiht. Das Ganze ergibt dann eine klare Aussage mit scheinbar nachvollziehbarem Inhalt. Von wegen. In Wahrheit meinen diese fünf Worte „Vergiss es! That is it. Über manche Sätze muss man ein bisschen länger nachdenken, bevor man sie in ihrer Ganzheit und Komplexität begreifen kann.
Alles scheint so simpel zu sein und ist dabei doch so kompliziert. Sophie hat besagten Satz zu mir gesagt, vor zwei Wochen. Die Erkenntnis traf mich heute wie ein Schlag ins Gesicht…natürlich beim Radfahren. Das Wetter war ja grandios. Frühling, Sonne, Wärme. Vor zwei Wochen verließ der Satz Sophies zarte Lippen, seitdem kam kein weiterer mehr. Die Quelle ihrer Rede zu mir scheint versiegt. Wieder einmal. Alte Quellen versiegen plötzlich. Ich erschließe eine neue, labe mich an flüchtigen Worten, ehe auch diese scheinbar für immer im Nirgendwo versickert. Ein nie enden wollender Kreislauf. Die Katze liegt auf der Lauer, harrt auf Beute, beißt sich dabei aber immer wieder selbst in den Schwanz.
bflo - 30. Mär, 23:47
Samstag, 29. März, München
Ich habe mich von der Clique entfernt. Eigentlich habe ich auch früher nie zu einhundert Prozent dazugehört, aber wenigstens zu siebzig Prozent war ich immer dabei. Das ist jetzt anders. Ich bin antriebslos, müde und sehe kaum noch eine Perspektive…in der Clique versteht sich. Im Moment suche ich überall im Leben meinen Standpunkt, warum sollten Freunde dabei eine Ausnahme bilden?
Ich mühe mich zu evaluieren, wie viel diese Freunde eigentlich noch wert sind. Manche sind mir lieb und teuer, die möchte ich nicht missen. Andererseits fühle ich mich manchmal kaum anerkannt…in der Clique versteht sich. Also breche ich auf zu neuen Zielen, suche nach neuen Menschen in meinem Leben. Ich habe meine Mitte noch nicht gefunden. Was will ich? Ich drehe mich im Kreis, um mich selbst und werde dabei immer schneller.
„Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.“
Ich mache eine Bestandsaufnahme, eine Inventur des Herzens. Ich muss lange nachdenken und nach und nach all das rauswerfen, was mir nichts mehr bedeutet. Es ist schwierig loszulassen, aber ich muss den nächsten Schritt in meinem Leben gehen. Ich muss loslassen können…Verbindungen kappen und alte Bande verwerfen. Auch nach der Inventur bleibt noch genug übrig.
Ich nehme mir vor, noch mehr aufzuschreiben, alles Mögliche zu notieren und daraus Geschichten zu entwerfen. Geschichten meines Lebens, Geschichten aus (m)einem Leben.
„Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.“
Ich achte die unglaubliche Macht des geschriebenen Wortes. Niemand sollte sie unterschätzen.
Durch meine Bestandsaufnahme werde ich wieder mehr Platz schaffen…mehr Platz für meine Freunde und für die Musik. Ich höre den halben Tag lang diesen Oldie „Sugar, sugar“. Wahrlich ein Song für die Ewigkeit. Wie viele dieser Inventuren mag er schon „überlebt“ haben? Er wird auch aus meiner unbeschadet hervorgehen…und mich stärker gemacht haben.
Die suche nach meinem „Candy Girl“ geht weiter, denn eigentlich hat sie gerade erst richtig begonnen.
bflo - 29. Mär, 19:46
Freitag, 28. März, München
Die Tage werden freundlicher, heller und wieder länger. Morgen wird die Uhr umgestellt. Abends wieder länger hell…endlich. Im Moment langweile ich mich, stehe auf einer imaginären Stufe zwischen „Hiersein“ und „ImUrlaubsein“. Ich bin froh, dass ich gestern im Kino war. Ich bin froh, dass wir trotz vieler schlechter Kritiken „Die Welle“ angeschaut haben. Ich bin froh, dass es noch solche Filme gibt. Das Ganze hat mich auch aus psychologischer Sicht interessiert. Schließlich studiere ich das ja auch. „Das Experiment“ fand ich damals auch faszinierend. Gute Filme aus Deutschland…es gibt sie, aber sie sind selten.
Auf der Welle treiben wir nach Hause. Gehen durch die Straßen…weite, sehr weite Wege. Wir lassen uns die pulsierenden Straßen entlang tragen…durch die Nacht.
Sandra ist immer äußerst ruhig und gelassen. Die kann nichts aus der Ruhe bringen. Da ist sie ganz cool. Das ist bewundernswert. Ein krasser Gegensatz zu mir. Ich werde sie erst in zwei Wochen wieder sehen. Der Nachmittag heute war aber wieder äußerst angenehm. Augenblicke.
bflo - 28. Mär, 20:13
Donnerstag, 27. März, München
Ein guter Tag. Manchmal begegne ich Menschen, die ich nicht kenne und die mir trotzdem den Tag versüßen. Ich war wieder bei diesem Arzt um ein Rezept abzuholen. Heute habe ich ihre Fingernägel nicht gesehen, dazu war mein Besuch zu kurz. Aber trotzdem schenkt sie mir ein herzliches Lächeln, wünscht mir einen schönen Tag und ist einfach nur nett. Danach kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Wenn ich demnächst wieder ein Lächeln brauche, komm ich einfach bei ihr vorbei.
Die Stadt ist wieder megavoll und Menschen drücken sich durch die Straßen. Aufgeregte Frauen gestikulieren wild vor dem H&M und zeigen sich gegenseitig ihre „Beutestücke“. Stiefel, Tops und Nachthemden. Manchmal ist es einfach unglaublich.
Später sitzen wir im einmal wieder in der News Bar, trinken Kaffee und sie isst zusätzlich noch einen Apfelstrudel. Wenn man sich längere Zeit nicht sieht, sind diese gemeinsamen Treffen einfach herrlich. Zuvor habe ich etwas Geld für den Urlaub bei der Bank gewechselt. Europa einig Euroland. In Ungarn leider nicht. Und nun ist es wieder da, das Gefühl, wenn man vor dem Urlaub ein bisschen ausländische Währung abholt und die freie Zeit quasi mit dem Gang zum Bankschalter bereits beginnt. Das alte, beinahe vergessene Gefühl ist zurückgekehrt. Ein rundum gelungener Tag.
bflo - 27. Mär, 23:57
Mittwoch, 26. März, München
Der Winter ist endgültig noch einmal zurückgekehrt. Darüber bin ich ein bisschen froh. Schneeflocken, nasse Straßen und Eisblumen am Fenster, das alles gab es diesen Winter kaum. Wattige Flocken haben sich auf meinem Fensterbrett gesammelt und bilden früh morgens um sieben Uhr eine niedrige, aber dennoch vorhandene Schneedecke. Doch bereits nach drei Stunden ist alles vorbei, die letzte Flocke geschmolzen und die weiße Decke ist zu tau geworden.
Trotzdem bin ich traurig, obwohl ich mich wegen des bevorstehenden Urlaubs eigentlich freuen sollte.
Sie hat sich nicht mehr gemeldet. Morgen werden es zwei Wochen seit unserem letzten Kontakt. Ich hatte ihr noch eine Nachricht geschickt, die unbeantwortet blieb. Sie anzurufen finde ich zu aufdringlich. Es muss auch so gehen. Was genau mit ihr los ist, weiß ich auch nicht.
Meine Trauer rührt aus dem Bewusstsein der vielen verpassten Chancen der letzten Monate und Jahre. In Beziehungsfragen habe ich einfach zu viel falsch und zu wenig richtig gemacht. Eigentlich fast gar nichts. Ich habe mir vorgenommen in Budapest viel nachzudenken und einfach die zeit zu genießen. Ich kann es kaum mehr erwarten. Ich will meinen Standort finden und versuchen mein Leben ein bisschen zu ordnen, in erster Linie aber nachzudenken.
Und ich muss Budapest bei Nacht sehen und die Eindrücke aufsaugen. Wer weiß, was dann alles passieren kann.
bflo - 26. Mär, 23:58
Dienstag, 25. März, München
Früh morgens schon fällt Schnee. Endlich kommt der Winter, obwohl ja alle schon auf Frühling gepolt sind. Draußen ist die Luft herrlich klar und die Vögel zwitschern. Sie singen nicht, wie sonst um diese Jahreszeit, sondern schimpfen laut und unmelodisch auf das Wetter. Der Wetterumsturz scheint auch sie zu grämen. Ich bin draußen und dann wieder mal bei Gericht…natürlich nur rein interessehalber. Im Ernst. Ich gehe die paar Meter vom Hauptbahnhof zu Fuß und es beginnt wieder zu schneien. Dicke, schwere Flocken.
Den Gerichtssaal kenne ich noch vom letzten Mal, nur der Richter ist ein anderer. Die Wände voller grauer Tapete aus den Siebzigern, der Richter nicht. Frisch, jung und dynamisch sein Auftreten. Eine Polizistin sieht ziemlich gut aus, kaut gelangweilt Kaugummi während die Angeklagte vernommen wird. Ihr Kollege bearbeitet mit den Zähnen mürrisch seine Fingernägeln und manikürt diese anschließend mit einer Nagelfeile…während der Verhandlung, unglaublich. Die Polizistin ist jung, sicher nicht viel älter als ich, und cool. Die gefällt mir und ich frage mich, warum ich nicht auch zur Polizei gegangen bin...so schwer kann das doch gar nicht sein. Na ja, hübsche Mitarbeiterinnen gibt es überall. Nichtsdestoweniger finde ich sie saucool.
Mit dem Bewusstsein, wie leicht man heutzutage straffällig werden kann, verlasse ich am Nachmittag das Gerichtsgebäude. Da müssen nur ein paar unglückliche Umstände, ein paar uneindeutige Situationen zusammenkommen und schon: ZACK! Da kann man manchmal gar nichts machen. Schließlich ist Leben das, was passiert, während man etwas anderes geplant hat.
bflo - 25. Mär, 23:51
Montag, 24. März, München
Ich bin wirklich froh, dass die Feiertage fast rum sind. Da die Welt um einen herum zu schlafen scheint und man gar nichts machen kann, muss man sich eben in den eigenen vier Wänden irgendwie beschäftigen. Zum Spazierengehen ist es dann fast auch ein bisschen zu kalt. Also beleibe ich drin. Gespannt schaue ich auf den Stapel Bücher neben meinem Schreibtisch und entscheide mich dann wahllos für eines. „Tod eines Kritikers“ – Martin Walser…warum nicht, ich habe es ja sowieso aus der Bibliothek, weshalb ich mich später nicht ärgern muss, teures Geld ausgegeben zu haben, auch wenn es mir nicht gefällt. Ich beginne zu lesen. Gar nicht so schlecht, aber ich habe auch schon bessere Bücher gelesen. Also entschließe ich mich, Musik zu hören.
Hier meine Top 10, die mir schon so manchen langweiligen Nachmittag ein wenig versüßt haben.
10. Cappuccino - Regenbögen
9. Coldplay – Yellow
8. Spice Girls - Wannabe
7. Die Fantastischen Vier – Sie ist weg
6. Nightwish - Amaranth
5. Fools Garden – Lemon Tree
4. Samy Deluxe - Weck Mich Auf
3. Members of Mayday - Sonic Empire
2. Travis – Driftwood
1. The Byrds - Turn! Turn! Turn!
Der Nachmittag ist gerettet. Morgen geht es wieder nach draußen.
bflo - 24. Mär, 19:58
Sonntag, 23. März, München
Frauen sind wie Platten. Der Satz ist nicht neu und schon gar nicht von mir. Ich kann nicht mehr genau sagen, von wem ich ihn zum ersten Mal gehört hab. Auf jeden Fall ist er absolut wahr…zu 100 Prozent. Jede Frau eine Single…jede Beziehung die Zeit, die du damit in den Charts bist. Ich hab es in den letzten Jahren sicher nicht unter die „Top Fünfzig“ geschafft. Ich glaube ich habe davon schon einmal bei Nick Hornby gelesen. Entscheidend für unser Leben ist die Angst vor dem Alleinsein. Darum sind wir hungrig nach Beziehungen und Partnerschaft. Frauen sind wie Platten. Meistens stellst du erst am Ende einer Beziehung fest, ob und wie lange du mit deiner Platte erfolgreich auf Tour warst. Was dann zählt sind eigentlich nur die Verkaufszahlen. Umsatz, Kommerz und Gewinn gemessen an wunderbaren gemeinsamen Augenblicken und magischen Momenten voller Liebesglück. Unterm Strich ist es wohl das, was beleibt. Frauen sind wie Platten.
Ich suche längst nach dem ganz großen Wurf. Einer Platte, die die Welt verändert, etwa vergleichbar mit „Thriller“ oder „The Rolling Stones“. Bei meinen Tourneen bin ich bisher nicht über die Vororte Münchens hinausgekommen. Dabei denke ich an eine der ersten Scheiben von Oasis, die unser ganzes Leben wohl am treffendsten beschreibt, und das macht Mut. „Definitely Maybe“. Alles ist immer und ganz bestimmt möglich. Vielleicht!
bflo - 23. Mär, 23:37