Freitag, 14. März 2008

Die Begegnung II

Freitag, 14. März, München

Im Untergrund angekommen wehte uns „Beethovens Neunte“ entgegen. Ich sollte die Melodie lange Zeit nicht loswerden. Ein Luftzug kündigte die einfahrende Bahn an und wir stiegen ein. Zwei Stationen später, sagte sie, müsse sie umsteigen.
Die Farben an den Wänden der Station waren dunkel, irgendwie drückend. Ein kühler Windhauch wehte uns entgegen und es war keine Musik zu hören.
Wir sprachen nur kurz miteinander, sahen uns aber tief in die Augen. Sie könne bei einer Freundin übernachten, raunte sie und nannte einen Straßennamen. Ich erspähte den Umgebungsplan, schlurfte hin und las. Ich fand, was ich suchte und drehte ich mich um.
Doch sie hatte sich in Luft aufgelöst, war wie weggebeamt in eine ferne Galaxie. Hektisch rannte ich kreuz und quer durch den Untergrund, doch von ihr keine Spur. Zwei Besoffene schliefen auf grünen Metallbänken und ein Obdachloser lehnte an einer der Säulen. Ich habe noch eine Stunde wie versteinert im Untergrund verbracht, bevor ich in einen der letzten Züge gestiegen und nach Hause gefahren bin. Mein Kopf und mein Herz fühlten sich leer an, denn meine Gedanken kreisten um sie. An diesem Tag hatte ich verlernt zu Lieben und es schien, als ob mit dem fremden Mädchen ein Teil von mir für immer verschwunden wäre.
Die letzten Worte spreche ich sehr leise, aber der Fremde hat mich verstanden. Wir schweigen ehe der Alte dem Kellner winkt und seine Rechnung verlangt.
„Im Nachhinein, sage ich, fühle ich mich so, wie einem Fußballer zumute sein muss, wenn er in den letzten Spielminuten durch ein Eigentor die Partie zu Gunsten des Gegners entscheidet. Nach dem Schlusspfiff ist das, was davor war nichts mehr wert. Vielleicht habe ich damals das wichtigste Spiel meines Lebens verloren.“
Ohne zu antworten und noch bevor der Kellner kommt steht mein Gesprächspartner auf, lässt klappernd Münzen auf den Tisch fallen und hebt die Hand zum Gruß. Dann verschwindet er. Der Kellner kommt und sammelte grummelnd das Kleingeld vom Tisch. Erschöpft blicke ich auf meine Armbanduhr. Es war nun auf den Schlag genau Mitternacht. Seit Erscheinen und Verschwinden des geheimnisvollen Mannes waren erst knapp fünfzehn Minuten vergangen und dass, obwohl ich meine ausführliche Geschichte vorgetragen hatte.
Ich nippe an meinem Bier und finde unter dem Glas ein gefaltetes Stück Papier, das ich zuvor nicht bemerkt habe. Ich lese:
„Dopplungen regieren unser Leben; Liebe und Hass, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Freude und Trauer. Mal stehen wir auf der einen, mal auf der anderen Seite. Und darum sieht man sich im Leben auch stets zweimal. Dies soll uns Trost sein in schwerer Zeit!“
Ich verharre kurz, falte den Zettel auf die Hälfte und verstaue ihn in der Tasche. Gedankenverloren zahle ich, stehe auf und verlasse das Lokal. Das Radio intoniert „Bridge over troubled water“. Es hat zu Regnen aufgehört und die Luft ist herrlich klar. So gehe ich die Straße entlang, die Hände in den Taschen vergraben, ab und zu mit einem Blick in den Himmel, an dem die Sterne funkeln. Am Ende der Straße, ganz in der Ferne, aber doch nahe, leuchtet etwas in der Dunkelheit und ich weiß, dass ich es erreichen kann.

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