Samstag, 3. Januar 2009

Epilog/Das Jahr beginnt mit Kälte

Donnerstag, 01. Januar, München

Der Neujahrsmorgen beginnt mit Kälte. Nachts hatte ich noch einmal die von Dunst und Pulvernebel durchsetzte Luft eingeatmet und dabei wohl vergessen, das Fenster zu schließen. Zähneputzen mit Zähneklappern. Es ist kein besonderer Morgen, in keinem besonderen Jahr. Ich könnte nicht sagen, ob 2009, 2000, oder 1998 ist. Es ist der gleiche Morgen wie jedes Jahr. Über Nacht hatte sich eben nichts verändert. Schnee fällt in dicken Flocken, als ich hinunter auf die Straße gehe...Schritte hallen über das Pflaster. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und gehe einfach los. Es wurde bei uns relativ wenig geböllert. Nur an einigen Stellen liegen ausgebranntes Feuerwerk, Knallfrösche und Fetzen von Krachern unter einer weißen Schneedecke vergraben. An ihnen kleben die Reste des vergangenen Jahres wie stumme Zeugen der Geschichte. Ich weiß, dass es nun vorbei ist. Ich werde die letzten Einträge ins Netz stellen, später an meinem Computer. Ich werde Texte vom Anfang des letzten Jahres so lesen, als wäre es gestern gewesen. Ich werde nicht glauben können, dass dies alles ein Jahr her ist. So viel ist passiert und ich habe wie durch eine Kamera den Zoom darauf gerichtet. Es waren nicht die großen Dinge, die mich interessierten, nicht die medienwirksamen Ereignisse. Es waren die kleinen Augenblicke, seltsame und interessante Leute, einmalige Begebenheiten, auf die ich den Fokus gelenkt habe. Ich kicke unterm Gehen nachdenklich gegen die Hülle einer leeren Feuerwerksbatterieverpackung. Die Folie rutscht langsam über den Schnee. Wie eine leere Hülle, so habe ich mich des Öfteren im letzten Jahr gefühlt. Wenn man das hier so liest, könnte man meinen, dass alles schlecht war, aber das stimmt natürlich nicht. Noch mehr Schnee fällt und ich ziehe die Kapuze fest über beide Ohren. Was als Experiment begann, wurde immer größer und immer wichtiger...trotzdem geht es zu Ende. Ich habe keine Vorstellung davon, wie lange meine Texte durchs Internet geistern werden. Im IT-Zeitalter geht nichts verloren, hat mir einmal jemand gesagt und ich glaube, dass es stimmt. Mir bleiben die Erinnerungen an 2008, meine Texte und die Gewissheit, jeden Tag etwas geschaffen zu haben, was so womöglich nie mehr wiederholbar ist. Meine Geschichten scheinen vorerst alle erzählt. Habt als Dank für euer Interesse. Wenn ich da draußen jemanden erreicht haben sollte, einen Leser, MEINEN Leser, dann bin ich zufrieden. Auch wenn alles gleich erscheint, ist jeder Tag doch individuell und etwas Besonderes. Jeden Tag geht eine neue Sonne auf. Ich bin wieder zu Hause, stehe mit meinen schweren Schuhen im Treppenhaus und gehe dann hinauf in den dritten Stock. Ein Zitat von Konfuzius fällt mir ein und ich beschließe das vergangen Jahr unter folgendes Motto zu stellen:
“Leuchtende Tage.
Nicht weinen, dass sie vorüber.
Lächeln, dass sie gewesen.”
Wo Schatten ist, ist eben immer auch Licht.

Freitag, 2. Januar 2009

Ein Herz am Himmel

Mittwoch, 31. Dezember, München

In der letzten Nacht des Jahres ist es eiskalt. Am Vormittag des Silvestertages werden die letzten Dinge des Jahres erledigt. Eilig hasten die Menschen durch die Stadt. Der Abend kommt früh.
Am Ufer des Sees zieht leichter Nebel auf. Sektflaschen werden geköpft, prickelnder Schaumwein läuft in die Gläser. Kurz vor Mitternacht. Eigentlich gibt es nichts zu feiern, zumindest für mich nicht. Wo sie jetzt wohl ist? Ich blicke in den Himmel, suche die Sterne, aber es ist zu bedeckt um sie richtig erkennen zu können. Was für ein Jahr geht nun zu Ende? Ich könnte morgen aufwachen und es dürfte wieder 2008 sein und nicht 2009. Ein Jahr, das nur auf dem Papier existiert, nicht aber in meinem Kopf...nur auf dem Papier. Natürlich gab es großartige Momente, bezaubernde Augenblicke und schöne Stunden.
Ich stehe einfach nur da, der Sekt im Glas schäumt in der Kälte mühsam vor sich hin. Noch ist alles ganz still, nur irgendwo in der Ferne heulen ein paar Knaller auf und einige Böller brummen durch die Nacht. Dann schlägt es Mittenacht und das Feuerwerk geht los. Glückliche Menschen liegen sich in den Armen, stoßen gemeinsam an. Ich stehe etwas abseits, ab und an kommt jemand und wünscht mir ein frohes neues Jahr. Ich bin alleine. In der Stadt wäre es noch schlimmer. Ich proste dem Himmel zu und trinke Sekt. Bunte Raketen knallen durch die Luft, es wird laut. Kinder rennen hektisch hin und her. Leere Flaschen werden in den Boden gerammt...Startrampen. Silberne Sterne verteilen sich in der Luft, werden für Sekundenbruchteile sichtbar, ehe sie in der Dunkelheit der Nacht wieder jäh verrauchen. Goldene Fontänen illuminieren die Finsternis, rote Vulkaneffekte werden sichtbar. Eine Feuerwerksbatterie gibt fünfzig Schuss in einhundert Sekunden ab. Die Raketen gefallen mir am Besten. Das war es also schon wieder, das alte Jahr. Ein Neues steht schon bereit, will abgeholt werden. Will ich das? Vielleicht! Ganz weit draußen fahren zwei Autos vorüber. Das Geräusch der Motoren verliert sich im Lärm der Raketen und Böller. Mein Blick hängt in den Wolken; die Anzahl der abgefeuerten Raketen wird schon weniger. Das Jahr einer großen, unerfüllten Liebe. Ich alleine hier. Stark sein, immer stark sein. Meine Augen werden ganz feucht und eine Träne läuft mir über die linke Wange. Traurigkeit umfängt mich und während um mich herum alles feiert, vergesse ich für Sekunden die Welt. Aber 2009 ist schon da...es gab kein Entkommen, zu keiner Zeit. Ich starre noch einmal in den Himmel. Es mag pathetisch, schnulzig und abgedroschen klingen, aber für wenige Sekunden habe ich es gesehen: Eine dunkelrote Rakete steigt auf und bildet in der Luft ein Herz, in dem für Sekundenbruchteile ihre Initialen aufleuchten: “C” und “K”. Dann ist alles dunkel. Ich drehe mich um und gehe mit festen Schritten wieder ins Haus zurück. Der See hinter mir verschwindet unter den dicken Rauchschwaden des abgebrannten Feuerwerks, die immer noch durch die Luft ziehen. Ich nippe an meinem Sekt . Er schmeckt abgestanden und irgenwie nach kalter Asche. Es riecht nach verbranntem Schwarzpulver und nach den Resten des alten, verbrauchten Jahres.

----- ENDE-----

Donnerstag, 1. Januar 2009

Waffenbrüder

Dienstag, 30. Dezember, München

Ein Zimmer im Halbdunkel. Er sitzt auf seinem Bett, die Hand an der Waffe. Das Geräusch beim Laden löst tiefe Befriedigung bei ihm auf. Behutsam schiebt er Patronen in die metallene Trommel, lässt sie sachte zurück schnappen und prüft schließlich noch einmal alles. Passt. Er sah, dass es gut war. Den Revolver packt er in eine blaue Sporttasche und packt noch zwei Pistolen dazu, die vorher neben ihm auf dem Bett gelegen haben. Es klappert. Dann zieht er den Reißverschluss der Tasche zu, schlüpft in seine Jacke und rennt runter auf die Straße. Die Tür knallt laut hinter ihm ins Schloss. Draußen.
“Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.”
Fünf Menschen machen sich aus den verschiedensten Ecken der Stadt auf den Weg. Schwere Schritte dröhnen über das Pflaster. Die blaue Sporttasche steigt in eine Straßenbahn, fährt fünf Stationen und nimmt für den Rest der Strecke den Bus. Andere kommen mit dem Auto. Man trifft sich in einem kleinen Wäldchen am Rande der großen Stadt.
“Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern.”
Drinnen an einem kleinen Teich ist der vereinbarte Treffpunkt. Man legt die Taschen ab, aus einem Auto lädt einer kugelsichere Westen aus. Über dem Wasser liegen Holzplanken, bilden einen schmalen Steg. Zwei legen die Westen an, stellen sich in zwanzig Meter Entfernung auf. Jemand zählt bis fünf; dann fallen Schüsse. Das Duell, eine Mutprobe...verletzt soll niemand werden. Sich überwinden, auf Menschen schießen, Hemmschwellen abbauen. Nichts weiter.
“Er erquickt meine Seele; er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.”
Heute hat er einen guten Tag, bleibt Sieger in seinen drei Duellen und geht gelassen nach Hause. Die anderen sind ähnlich entspannt. Er steigt wieder in den Bus und in die Straßenbahn. Daheim schmeißt er die Tasche in eine Ecke, legt sich aufs Bett und schläft sofort ein.
Der neue Tag beginnt bereits um sechs Uhr. Er muss vorbereitet sein, stets wachsam, alles bedenkend. Der Direktor kommt immer schon einige Minuten vor den Angestellten. Ihm bleibt wenig Zeit. Das Bankgebäude schimmert im trüben Morgenlicht, als er mit dem Bankdirektor eintritt. Der spürt den Lauf eines silbern glänzenden Revolvers auf der Stirn.
“Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.”
Geld wird in die blaue Tasche gepackt. Dann fällt ein Schuss...eiskalt, skrupellos. Der Direktor sinkt zu Boden, Blut sickert aus seiner Schläfe. Der Täter steckt den Revolver ein und rennt aus dem Bankgebäude. Sicherheit. Menschen schauen ihn an, aber wenden sich rasch ab und gehen weiter. Drei Wochen später wird er man mit dem Revolver verhaftet. Zeugen hatten sich sein Gesicht gemerkt.

Glücksbote

Montag, 29. Dezember, München

Er nimmt seine dicke Winterjacke vom Haken, zieht sich an und tritt hinaus ins Treppenhaus. Vom vierten Stock runter auf die Straße. In seiner Tasche stecken eine Schere und eine Rolle dunkelrotes Geschenkband. Sein Weg führt ihn an diesem Morgen geradewegs zur Sparkasse. In der langen Schlange vor dem Bankschalter muss er einige Minuten warten. Die Leute erledigen am Ende des Jahres noch schnell ihre Geldgeschäfte. Endlich hat die nette Dame hinter dem Schalter für ihn Zeit. 50 Euro in 5 Euro-Scheinen...mit einer kleinen Geldrolle verlässt er die Filiale wieder. Auf dem Weg in den Stadtpark kommt er an einem großen Supermarkt vorbei. Der Parkplatz ist mit Autos überfüllt. Menschen schleppen Tütenweise Silvesterknaller zu ihren Fahrzeugen. Raketen und Knaller...bunt, teuer und laut. Das ist nicht seine Welt. Das Feuerwerk zum Jahreswechsel liebt er irgendwie, aber selbst Geld dafür auszugeben käme nie in Frage. Früher in seiner Teenagerzeit hat er ab und an mit seinen Freunden ein paar Böller und Raketen in die Luft gejagt, aber heute...nein. Lächelnd geht er an den mit Tüten bepackten Menschen, die gehetzt umher hasten, vorbei in den kleinen Park. Der Boden ist hart gefroren und mit Schnee bedeckt. Mit seinen Handschuhen wischt er eine der grünen Bänke sauber und setzt sich. Er rollt jeden der zehn 5 Euro-Scheine klein zusammen und bindet Geschenkpapier drum herum. Die zehn Röllchen steckt er in seine Jackentasche. Mit der Bahn in die Stadt. Menschen hasten auch hier, ruhelos, hektisch und scheinbar ohne konkretes Ziel. Er hingegen geht auf einem festen Weg, auf sicherer Bahn, auf einem vorgegebenen Gleis. Der Straßenverkäufer preist seine Zeitung an. “Trotz” prangt in dicken roten Lettern auf dem Titel. Es ist kalt, Mütze und Handschuhe wärmen nur kurzzeitig. Um in der Kälte bestehen zu können, muss der Verkäufer immer wieder auf und ab gehen. 5 Euro, einfach so als Geschenk im alten Jahr. Das Röllchen fühlt sich gut an in seiner Hand.
Der Fremde hatte es ihm mit den besten Wünschen zugesteckt. Auch in der U-Bahnstation im Untergeschoss steht einer, verkauft “Trotz” und bekommt 5 Euro. So geht das immer weiter, den ganzen Vormittag lang, bis alle Scheine verteilt sind. Keine Böller sondern Spenden. Seine Tasche ist leer, er hat die Menschen glücklich gemacht und sie bedankten sich bei ihm. Es wird immer kälter draußen. Er betritt das kleine Cafe, gönnt sich eine heiße Schokolade. Draußen geht der Tag zu Ende. Er und zehn andere Menschen sind äußerst glücklich. Mit der Unterseite seiner Tasse hinterlässt er einen runden Kreis aus schwarzem Kakao auf der weißen Tischdecke.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Nostalgie klebt überall

Sonntag, 28. Dezember, München

“Komm erzähl mir was, plaudere auf mich ein. Ich will mich an dir satthör`n immer mit dir sein.”
Es ist kalt geworden. Tagsüber klettert das Quecksilber nicht mehr über den Gefrierpunkt. Ich gehe vorbei an Bäumen, die keine Blätter mehr haben, trostlos und einsam wirken. Meinen Kopf verstecke ich unter der dicken Kapuze meiner Jacke. Ich stehe in der Mitte meines ehemaligen Schulhofes und drehe mich um mich selbst. Die Schulzeit...es hat sich viel verändert, aber irgendwie doch auch fast nichts. Die Lehrerschaft wurde drastisch ausgedünnt und verjüngt. Die Alten sind in Pension, die Jungen sollen nun das Ruder übernehmen und den Kahn an sichere Ufer steuern. Ein neuer Teerbelag im Schulhof hat den alten ersetzt. Im Grunde wechseln doch nur die einzelnen Schüler, die Schule bleibt immer dieselbe. Über vier Jahre ist das nun schon wieder her. Ich blicke mich um. Da haben wir gestanden, in einer dunklen Ecke und...nun scheint etwas Licht hinein, der Tag ist noch jung. Das war eine herrliche Zeit. Man möchte melancholisch und wehmütig werden...und tut es. Der Gang zu den Umkleidekabinen, der Geruch nach Sport, nach verschwitzten Leibern, nach Anstrengung und Marter. Alles gleich geblieben. Treppen nach oben zu den Turnhallen. Wie oft gegangen. Ein Übergang mit breiter Glasfront trennt das Hauptgebäude von den Nebengebäuden. Ich erkenne alles wieder, alles ist noch da. Nur die Schüler sind mir fremd. Man kennt ja auch ein paar Jahre nach seinem eignen Ausscheiden aus der Schule noch ein oder zwei Jahrgänge, die unter einem sind. Später dann aber nicht mehr. Ich bin keiner mehr von ihnen, nur noch einer von Vielen. Wände, Mauern, Klassenzimmer, alles gleich geblieben. K 7; da hat alles angefangen. Neun Jahre pauken, leiden und lernen. Auf den Stühlen, auf denen ich gesessen habe, nehmen nun Tag für Tag Andere Platz. In den Büchern, in denen ich gelesen und mit denen ich gelernt habe, suchen andere nach Weisheit. Viele wurden jedoch entsorgt, gelten als überholt oder zu intensiv gebraucht. Mein Gott hatte ich Bücher: Einmal anfassen und man musste befürchten, dass sie zerfallen. Ich dreh mich noch einmal im Kreis bevor ich den Ort aus rotem Backstein wieder verlasse. Einiges hat sich geändert, vieles nicht. Nostalgie klebt an jedem einzelnen Stein dieses Gebäudes. Ich stand damals noch in einer anderen Ecke und...Jeder Fleck eine Erinnerung an Schulpartys und Paukerstress. Langsam gehe ich nach Hause, während meine alte Schule hinter mir in der eisigen Kälte verschwindet. “Wenn die Wurzeln tief sind, braucht man den Wind nicht zu fürchten.”

Dienstag, 30. Dezember 2008

Eine gute Fee/Drei Wünsche frei

Samstag, 27. Dezember, München

Der Motor in meinem Kopf beginnt zu rattern. Er spielt den Film des vergangenen Jahres ab. Ich liege einfach nur da, auf meinem Bett und lasse es geschehen. Unsichtbare Kräfte drehen an einer gewaltigen Kurbel in meinem Kopf...der Vorspann läuft. Was war das für ein Jahr? In erster Linie ging es zu schnell vorüber...ein trauriges Jahr, aber teilweise doch auch ein schönes Jahr. 366 Tage, die mit Sophie begonnen haben und nicht mit ihr aufhören. Ich habe seit Wochen nichts mehr von ihr gehört. Da war die Lesung an der Uni, von der ich schon gar nicht mehr weiß, ob sie 2008 oder schon 2007 war. Da waren das Referat und die gemeinsame Vorbereitung darauf. Das waren glückliche Stunden. Die Suppe im “Atzinger”. Da waren Budapest, Jana und Andrea. Die Stadt, die Menschen...alles was dazugehört. Da war was los. Ein merkwürdiger Sommer, geprägt von Freizeit im Park, Spaziergängen alleine durch den Englischen Garten. Einen Tag vor Weihnachten war ich wieder dort. Der Monopteros im fahlen Wintersonnenschein, der Weihnachtsmarkt am China-Turm. Im Juli und August die Menschen, die über die Wiesen streiften, Hunde die herumtollten und Studenten wie ich, die faul in der Sonne lagen und in ihren Büchern lasen. Mein weiter Weg von der Münchner Freiheit bis zum Hofgarten. Eigentlich war es schön. Aufstieg auf den Monopteros, dort eine Buttermilch trinken und ein Stückchen über die belebte Stadt hinwegblicken. München ist nicht Berlin, da schöner. Aber Rock `n` Roll sieht trotzdem anders aus. Eigentlich waren das schon fast die Highlights aus 2008. Da kommt nichts mehr. Abschalten! Gut, der ein oder andere Abend, so manche Party. Salzburg darf nicht vergessen werden. Drei herrliche Tage...erholsam, doch dann kam eine schwere Zeit, die durch den Tod geprägt wurde und bis heute keinen eigentlichen Abschluss gefunden hat. Würde mir eine Fee heute sagen, dass ich drei Wünsche frei hätte, müsste ich zunächst überlegen. Nichts falsch machen. Eine Frau? Für immer? Das will wohl überlegt sein. Wer nicht mehr an Wunder glaubt hat aufgehört zu leben. Plötzlich steht sie da, an der Straßenecke...meine gute Fee und wartet auf den Bus. Kann ja passieren. Womöglich ist sie menschlicher, als ich denke. Nur wer glaubt, kann erkennen, ich glaube und glaube, dass ich öfter Bus fahren sollte. Hier endet der Film...vorerst. Ohne fixes Ende katapultiert es mich in die Realität. Warum haben Träume keinen Abspann? Die Kurbel steht still...alles steht still. Wie in Trance setze ich mich in meinem Bett auf und gehe ins Bad. Kaltes Wasser im Gesicht umspült meine trüben Gedanken.

Montag, 29. Dezember 2008

Das Leben schreibt

Freitag, 26. Dezember, München

Er sitzt auf seinem schwarzen Ledersofa, das Buch in seinem Schoß. Gerade erst hatte er mit dem Lesen begonnen, aber das Geschriebene hatte ihn stutzig gemacht. Es war seine Geschichte. Gierig überfliegt er die ersten Seiten, aber kein Zweifel. Die Liebesgeschichte, eigentlich schwach erzählt, ohne Stärke und Tiefgang, gleicht der, die er selbst erlebt hat. Er schlägt das Buch zu und beginnt nachzudenken. Der heiße Sommer vor fünfundzwanzig Jahren. Der Asphalt auf den Straßen begann unter der sengenden Hitze zu schmelzen und die Schulkinder durften früher nach Hause. Er fuhr mit Manuela an den See. Die Austauschschülerin aus Valencia liebte diese Radtouren hin zu dem kleinen Gewässer vor den Toren der Stadt. In einem kleinen Wäldchen am Ufer des Sees zogen sie sich um. Heimlich hat er immer wieder zu Manuela geschaut, aber die war geschickt, sodass es ihm unmöglich blieb sie nackt zu sehen. Beide sprangen ins Wasser, planschten einige Minuten und legten sich dann völlig verausgabt ins weiche Gras. Sie lag einfach nur da, hatte die Augen geschlossen und träumte wohl einen wundervollen Tagtraum. Er nahm all seinen Mut zusammen, beugte sich über sie und küsste sie sanft auf den Mund. Sie ließ es geschehen, erwiderte kurzzeitig seine Zärtlichkeit. Später hatten sie nie wieder ein Wort über diesen Kuss verloren. Sie stand lächelnd auf, sagte etwas auf Spanisch, was er nicht verstand. Beide sprachen und verstanden sie die Sprache des anderen nur sehr schlecht. Doch die Liebe sagt mehr als tausend Worte. Ein Seufzen kommt von seinen Lippen. Er ist wieder im Jetzt, sitzt auf seiner Couch und nimmt das Buch wieder zur Hand. “Seine Liebe konnte und wollte sie nicht erwidern.” Der Satz, den er da liest, macht ihn sehr traurig. Beide verbrachten sie noch den restlichen Sommer zusammen in seiner kleinen Heimatstadt, aber es sollte nie mehr so werden, wie an diesem Tag. Alles schien herrlich leicht zu sein, ein unbeschwertes Leben. Er und Manuela haben einfach so in den Tag hinein gelebt, ohne sich groß Gedanken über den Nächsten zu machen. Dann ging Manuelas Flug. Er hatte sie nicht zum Flughafen begleitet. Warum wusste er nicht mehr. Adressen hatten sie auch keine getauscht. So blieb diese Sommerliebe einmalig. Das Gute kehrt nicht wieder. Er hatte immer an Sprüche wie “Man sieht sich immer zweimal” geglaubt. Hinfällig. Er hatte sie wirklich geliebt. Seitdem war er alleine geblieben. Roman Schwarz...woher kennt dieser Autor seine Geschichte. Er lebt das Buch zur Seite, als es an der Tür klingelt. Er öffnet und im fahlen Treppenhauslicht erkennt er eine hübsche junge Frau. Es ist Manuela. Darf ich hereinkommen? Die Dame tritt ein und er schließt die Türe hinter sich. Im Hausflur erlischt das Licht.

Sonntag, 28. Dezember 2008

Alles festhalten

Donnerstag, 25. Dezember, München

Ich sitze auf meinem Bett und blättere mich durch Alben voller alter Kinderbilder von mir. Mit den Seiten kommt manchmal auch die Erinnerung wieder zurück. Ich sehe mich auf einer Lokomotive stehen, beim Kindergeburtstag oder gemeinsam mit meinen Eltern im Schwimmbad. Eigentlich hasse ich es, alte Fotos von mir zu sehen, aber heute macht es mir irgendwie nichts aus. Bilder, die mich als Kleinkind zeigen, sehen aus wie aus einer anderen Welt, von einem anderen Universum, einer anderen Galaxie. Möbel und Menschen aus den 80er Jahren. Ich erkenne einige Gegenstände, von denen ich weiß, dass sie immer noch auf dem Speicher in irgendwelchen Kisten lagern und darauf warten, reanimiert zu werden. Eigentlich unfassbar. Bilder, aus dem letzten Jahrhundert, ja sogar aus dem letzten Jahrtausend. Ich sehe mich völlig nackt auf einer hellblauen Wickelkommode liegen, frech grinsend, absolut sorgenfrei. So ein Säugling hat es irgendwie gut. Keine Ahnung von der Welt und dennoch irgendwie glücklich. Ich war ein hübsches Kind, das wurde mir immer wieder bestätigt...auch von Frauen. Nur im Jetzt scheint es seltsamerweise nicht mehr zu klappen. Demnächst klebe ich ein Babyfoto von mir auf mein Sweatshirt und gucke, was passiert. Vielleicht hilft das ja. Wie süß! Ich blättere weiter, bin mittlerweile beim dritten Album angekommen. Der erste Schultag. Ich sehe fürchterlich aus. Warum dürfen Mütter so etwas tun? Gibt es da keine Aufsichtsbehörde, die Kinder davor schützt, dass ihre Mütter sie für die Schule anziehen? Den Häschenpullover in der dritten Klasse nehme ich ihr besonders übel. Ich fliege weiter über die Seiten. Der erste Tag auf dem Gymnasium...die letzten Fotos, die Abi-Feier. Wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Allein dieses Jahr ist schon wieder vorbei. Wenn man da dann so zurückblickt. Darum hasse ich es. Was habe ich bisher aus meinem Leben gemacht? Irgendwie recht wenig. Aber es kann ja alles noch kommen. Der Sprung vom 10 Meter Turm als nächste große Herausforderung. Sich einmal überwinden. Ich klappe die Fotoalben zu und räume sie weg. Ein paar der Bilder sind an den Seiten schon leicht angegilbt, oder der Kleber, mit dem sie fixiert wurden klebt nicht mehr richtig. Ich verliere ein Bild auf dem Rückweg zum Regal. Meine Kindergarten-Freundin und ich. Neunzehn Jahre ist dieses Bild alt...es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Lächelnd packe ich das Foto zurück und stelle die Alben wieder ins Regal. Feiertage bieten immer Zeit um nachzudenken...über sich, über andere und über die Welt. Weihnachten kam so schnell und ist auch genauso schnell wieder vorbei. Nächstes Jahr wieder...hoffentlich. Man sollte jeden Augenblick, jede Stunde, jede Minute absolut genießen. Wer weiß, wann das Schöne wiederkommt. Ich denke an die gemeinsamen Momente mit ihr. Sie, die nach Südafrika ging und zurückkam. Das war dieses Jahr. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht...Glück.

Samstag, 27. Dezember 2008

Ja, liebe Virginia...

Mittwoch, 24. Dezember, München

Zwei Tage vor Heiligabend erreicht ihn am Vormittag ein Brief in einem hellblauen Umschlag, dessen Anschrift fein säuberlich mit roter Tinte geschrieben wurde. Neben dem Absender in Kinderschrift, einer gewissen Virginia, kleben drei silberne Weihnachtssterne. Er beachtet den Brief nicht weiter, legt ihn zunächst unbeachtet auf den Stapel mit der vorsortierten Tagespost. Erst am frühen Abend, kurz bevor er die Redaktion seiner Tageszeitung verlässt, erinnert er sich an den Brief, fischt ihn aus dem Stapel, öffnet und liest ihn:
“Liebe Redaktion der „Times“. Meine Freunde haben gestern behauptet, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Sie sagen, dass das, was man nicht mit eigenen Augen sehen kann auf dieser Welt auch nicht existiert. Ich bin sehr traurig, glaube ich doch so fest an ihn. Natürlich weiß ich, dass mir meine Eltern die Geschenke bringen, aber dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass es den Weihnachtsmann gibt und er bei uns durch den Schornstein kommen wird. Mein Onkel sagt immer, was in der „Times“ steht ist stets wahr, darum schreibe ich euch diese Zeilen, mit der Frage, ob es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt. Könnt ihr mir weiterhelfen? Mit besten Grüßen Virginia”
Draußen beginnt es zu schneien und eigentlich will er schnell nach Hause. Doch nun setzt er sich, nimmt einen Bogen Papier aus seiner Schreibtischschublade und beginnt zu schreiben. Die Familie muss eben noch eine halbe Stunde warten. Dazu war ihm dies hier einfach zu wichtig. Langsam wandert sein Stift über das blütenweiße Papier.
“Liebe Virginia! Danke für deinen Brief; ich habe mich sehr gefreut. Deine kleinen Freunde haben nicht Recht. Es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn, wie es die Liebe und die Hoffnung unter den Menschen gibt. Es muss ihn sogar geben, damit wir an ihn glauben können. Es wird ihn immer geben; noch in zehn, in zwanzig, ja sogar noch in tausend Jahren wird es ihn geben, damit Kinder wie du an ihn glauben. Die Existenz des Weihnachtsmanns lässt sich nicht danach bemessen, ob man ihn sehen kann, oder nicht. Wir müssen ihn uns vorstellen und es gibt ihn, auch wenn wir ihn nicht sehen. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen, in der Hoffnung darin all die bunten Bilder, Figuren und Mosaike zu entdecken. Wenn du das aber tust, wirst du nichts weiter als einen kleinen Haufen verschiedenfarbiger Glassteine vorfinden. Du kannst nicht immer alles sehen, alles anfassen und greifen...trotzdem ist es da. In deiner Phantasie, in deinem Kopf...dein inneres Bild. Den Weihnachtsmann gibt es also solange du Virginia, solange wir alle an ihn glauben...auch, wenn wir ihn nicht sehen können. Beste Grüße von der „Times“”
Er wartet einen Augenblick, bis die Tinte trocken ist, frankiert und beschriftet den Umschlag und verlässt sein Büro. Am nächsten Tag steht die Konversation zwischen ihm und Virginia groß auf der Titelseite der “Times”. Virginias Brief hat er an seinen Schreibtisch geklebt und da blieb er für viele Jahre. Bis zur Einstellung der „Times“ wurde Virginias Brief jedes Jahr zu Weihnachten auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt. Das Mädchen selbst hat von da an immer an den Weihnachtsmann geglaubt...ihr ganzes Leben lang.

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