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Montag, 29. Dezember 2008

Das Leben schreibt

Freitag, 26. Dezember, München

Er sitzt auf seinem schwarzen Ledersofa, das Buch in seinem Schoß. Gerade erst hatte er mit dem Lesen begonnen, aber das Geschriebene hatte ihn stutzig gemacht. Es war seine Geschichte. Gierig überfliegt er die ersten Seiten, aber kein Zweifel. Die Liebesgeschichte, eigentlich schwach erzählt, ohne Stärke und Tiefgang, gleicht der, die er selbst erlebt hat. Er schlägt das Buch zu und beginnt nachzudenken. Der heiße Sommer vor fünfundzwanzig Jahren. Der Asphalt auf den Straßen begann unter der sengenden Hitze zu schmelzen und die Schulkinder durften früher nach Hause. Er fuhr mit Manuela an den See. Die Austauschschülerin aus Valencia liebte diese Radtouren hin zu dem kleinen Gewässer vor den Toren der Stadt. In einem kleinen Wäldchen am Ufer des Sees zogen sie sich um. Heimlich hat er immer wieder zu Manuela geschaut, aber die war geschickt, sodass es ihm unmöglich blieb sie nackt zu sehen. Beide sprangen ins Wasser, planschten einige Minuten und legten sich dann völlig verausgabt ins weiche Gras. Sie lag einfach nur da, hatte die Augen geschlossen und träumte wohl einen wundervollen Tagtraum. Er nahm all seinen Mut zusammen, beugte sich über sie und küsste sie sanft auf den Mund. Sie ließ es geschehen, erwiderte kurzzeitig seine Zärtlichkeit. Später hatten sie nie wieder ein Wort über diesen Kuss verloren. Sie stand lächelnd auf, sagte etwas auf Spanisch, was er nicht verstand. Beide sprachen und verstanden sie die Sprache des anderen nur sehr schlecht. Doch die Liebe sagt mehr als tausend Worte. Ein Seufzen kommt von seinen Lippen. Er ist wieder im Jetzt, sitzt auf seiner Couch und nimmt das Buch wieder zur Hand. “Seine Liebe konnte und wollte sie nicht erwidern.” Der Satz, den er da liest, macht ihn sehr traurig. Beide verbrachten sie noch den restlichen Sommer zusammen in seiner kleinen Heimatstadt, aber es sollte nie mehr so werden, wie an diesem Tag. Alles schien herrlich leicht zu sein, ein unbeschwertes Leben. Er und Manuela haben einfach so in den Tag hinein gelebt, ohne sich groß Gedanken über den Nächsten zu machen. Dann ging Manuelas Flug. Er hatte sie nicht zum Flughafen begleitet. Warum wusste er nicht mehr. Adressen hatten sie auch keine getauscht. So blieb diese Sommerliebe einmalig. Das Gute kehrt nicht wieder. Er hatte immer an Sprüche wie “Man sieht sich immer zweimal” geglaubt. Hinfällig. Er hatte sie wirklich geliebt. Seitdem war er alleine geblieben. Roman Schwarz...woher kennt dieser Autor seine Geschichte. Er lebt das Buch zur Seite, als es an der Tür klingelt. Er öffnet und im fahlen Treppenhauslicht erkennt er eine hübsche junge Frau. Es ist Manuela. Darf ich hereinkommen? Die Dame tritt ein und er schließt die Türe hinter sich. Im Hausflur erlischt das Licht.

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