Freitag, 26. Dezember 2008

Ein angenehmes Gespräch

Dienstag, 23. Dezember, München

Hellrotes Wachs tropft langsam aber stetig von der großen Weihnachtskerze runter auf den silbernen Teller mit Weihnachtsmännern drauf. Ich sitze einfach da und Blicke in die Flamme. Davon kann man mit der Zeit blind werden, hatte mir einmal jemand erzählt, aber ich habe es nie geglaubt. Ich schaue einfach nur zu, wie sich das Wachs seinen Weg die Kerze hinunter bahnt, wie Lava die aus einem Vulkan hervor schießt. Den heiligen Abend wird er auf der Intensivstation verbringen. Herzinfarkt. Ich habe den alten Mann auf dem Weihnachtsmarkt getroffen. Sein schneeweißer Bart ist mir dabei sofort aufgefallen. Die hagere Gestalt lehnte an einer der Holzbuden und trank Glühwein. Ich ging also hin, bestellte eine Tasse des alkoholhaltigen Heißgetränkes und gesellte mich zu dem Alten. Er hatte nichts dagegen, so dass wir beide schnell ins Gespräch kamen. Krebs...beinahe schon im Endstadium. Er wolle die letzten Tage, die ihm noch bleiben gerne draußen bei den Menschen verbringen. Es war kalt und meine Tasse schnell leer. “Geht auf mich!”, meinte der alte Mann. Geld sei kein Problem...Gesundheit könne er sich davon sowieso nicht mehr kaufen. Da nütze ihm all sein blödes Geld nichts. So ist das im Leben eben. Auf jeden Fall standen wir einfach nur auf diesem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand und haben uns ein bisschen aus unserem Leben erzählt. Unglücklich verliebt, einen guten Freund verloren...das Übliche. Ich konnte mich dem Alten gegenüber seltsamerweise leicht und ohne Probleme öffnen. Plötzlich fasste er sich an die Brust, ziemlich genau zwischen die beiden Lungenflügel, da wo das Herz sitzt. Er atmete schwer, lehnte seinen Kopf an meine Schulter und sackte einfach weg. Der Notarzt kam, lud ihn ein und nahm ihn mit. Verschiedene Linien zucken jetzt über das LCD-Display neben seinem Bett. Das Schnaufen einer großen Herz-Lungen-Maschine ist bis weit in den kahlen Krankenhausgang hinein zu hören. Grüne, rote und goldene Linien werden sichtbar. Ich kenne diesen Menschen eigentlich gar nicht und trotzdem sitze ich hier im Krankenhaus an seinem Bett und sorge mich um ihn. Sonst scheint er niemanden mehr zu haben. Sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam im Rhythmus der unzähligen medizinischen Gerätschaften um ihn herum. Länger kann ich nicht bleiben, ich muss wieder los, ohne zu wissen, was passieren wird. Wird er durchkommen?
Eine Woche später hat man ihn entlassen. Ich sollte nie wieder etwas von ihm hören. Er hat sich ein Taxi rufen lassen und ist am Tag seiner Entlassung einfach gegangen. Keiner weiß wohin...mit ihm selbst hatte ich nie darüber geredet. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Wer war wer? Trotzdem waren die Tassen Glühwein, die ich mit ihm getrunken habe die leckersten seit langer Zeit. Und nicht nur, weil ich nichts zahlen musste.

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Frei sein

Montag, 22. Dezember, München

Die schweren Metallflügeltüren öffnen sich langsam und gewähren ihm den Blick nach draußen. Er hält einen fleckigen Reisekoffer in der rechten Hand und trägt einen prall gefüllten Seesack über der Schulter. In der hinteren Tasche seiner Jeans steckt einen kleine Geldbörse, gefüllt mit knapp zweihundert Euro. Der Lohn für den letzten Monat. Vorsichtig setzt er sich in Bewegung. Es ist kein Traum...die schweren Flügeltüren bleiben offen. Der Wärter gibt ihm die besten Wünsche mit auf den Weg und murmelt ihm “Wiedersehen sage ich jetzt lieber nicht zu ihnen!” hinterher. Dabei lächelt er sanft.
Dann ist er draußen in Freiheit und die Türen hinter ihm schließen sich. Er geht weiter und das rote Backsteingebäude verschwindet hinter seinen schnellen Schritten. Jahre lang hatte er nichts gesehen als diese roten Backsteine. Tagein, tagaus nichts als Backsteine, Wände aus Backsteinen. Nachts hat er sogar manchmal von ihnen geträumt. Und jetzt drei Tage vor Weihnachten war er frei. Acht Jahre Gefängnis sind eine lange Zeit. Warum war er eingesperrt? Eine lange Geschichte, die nicht lohnt, erzählt zu werden. Mörder war er zumindest keiner. Seine schweren Schritte hallen über das Pflaster. Er weiß nicht wohin. Geworfen in die Welt, trotz Freiheit. Das Gefängnis macht einen zunächst unfähig in der normalen Welt zu leben. Man verlernt jedes soziale Agieren. Er torkelt in Richtung Bushaltestelle. Im Gefängnis hat man ihm einen Fahrplan gegeben, an dem er nun grob versucht sich zu orientieren. Es klappt...mehr schlecht als recht. Er wartet also auf den Bus. Die Erkenntnis, dass er nach acht Jahren nun zum ersten mal wieder frei war, schießt in seinen Kopf und benebelt seine Gedanken. Alle Menschen wollen frei sein. Er hingegen war jahrelang in Unfreiheit gewesen. Er musste sich um nichts kümmern, er hatte nichts und brauchte nichts. Nun galt es das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Keine Arbeit, keine Wohnung, keine Freundin. Was sollte er tun? Stefan, einen guten Freund von ihm, kürt er zu seiner ersten Anlaufstelle. Niemand da! Gibt es nicht! Von einer Nachbarin erfährt er, dass Herr Redlich hier schon seit drei Jahren nicht mehr wohnt. Wohin verzogen? Weiß keiner. Danke! Es beginnt zu schneien. Er stapft durch die Straßen, immer noch mit Koffer und Tasche bepackt. Kein Zuhause und das so kurz vor Weihnachten. Schöne Scheiße. Er wäre lieber wieder eingesperrt...da wäre es warm, trocken und er wäre zu Hause. Er biegt um die nächste Hauserecke und rennt dabei beinahe einen jungen Mann samt Freundin über den Haufen. Er braucht fünf Minuten, um von seiner Situation zu erzählen. Der Junge Mann nimmt den Haftentlassenen bei der Hand und alle drei gehen gemeinsam hinein in den heraufziehenden Abend. Weihnachten in Freiheit...irgendwo in Deutschland.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Einsamer Nikolaus

Sonntag, 21. Dezember, München

Ich wusste, dass ich Jana nicht mehr wieder sehen würde, in dem Moment als sie diagonal über die große Straße nach Hause ging. Das war in Budapest, vor über acht Monaten. Ich wusste, dass ich Andrea nicht mehr wieder sehen würde, in dem Moment als sie sich von mir verabschiedet hat und aus dem Club ging. Auch das war in Budapest, vor über acht Monaten.
Jana und Andrea gibt es auch hier in Deutschland, aber das ist etwas ganz anderes. Andrea war echt richtig süß. Aber was soll das? Hier, das ist die Realität, da ist man immer, ich bin immer da. Ungarn, das war fast wie eine andere Welt, ein anderes Universum. Parallelwelt. Wenn etwas gut war in diesem Jahr, dann die Tage in Ungarns Hauptstadt. Ich gehe durch die Fußgängerzone und es ist schon dunkel. Nur noch vereinzelt sind Menschen unterwegs. Ich blicke hinauf zu den Sternen und mir wird wieder bewusst, wie weit die doch weg sind. So hoch oben am Himmel. Dort ist eine andere Welt. Ich spüre Freiheit und Gelassenheit. Ein Weihnachtsmann kommt mir entgegen. Er zieht einen Schlitten hinter sich her und hat die rote Zipfelmütze schief im Gesicht sitzen. Er sieht etwas mitgenommen aus. Sein weißer Rauschebart wirkt zerzaust und seine rechte Hand scheint zu zittern. In den Kisten, die er hinten in seinem Schlitten gestapelt hat, liegen noch vereinzelt rote und grüne Äpfel herum. Als der heilige Mann an mir vorbeigeht, grüße ich und er bleibt stehen. Ich sehe mir den alten Mann genau an. Falten zieren sein Gesicht, die Nase ist etwas zu groß, die Ohren stehen leicht zur Seite ab. Er sagt mir dass er sehr einsam sei. Er sei derjenige, der den Kindern eine Freude macht, aber dennoch sei er ein einsamer, alter Mann. Das sagt er mir einfach so, während wir in der Fußgängerzone stehen und die Menschen hastig an uns vorbeieilen. Gibt es einen Weihnachtsmann? Der Gesichtsausdruck des Alten wirkt wie versteinert und kein Lächeln ist darin zu erkennen. Ich bleibe noch für ein paar Minuten neben ihm stehen, schaue ihn an und er erzählt mir noch ein bisschen aus seinem Leben. Bin ich der Weihnachtsmann? Immerhin höre ich ihm zu. Denn beugt er sich über den kleinen Schlitten, greift hinein und drückt mir drei Äpfel in die Hand. Ich bedanke mich, er dreht sich um und verschwindet zwischen den anderen Menschen. Was für eine Begegnung. Ich reibe einen Apfel ein wenig an meiner Jeans blank und beiße hinein. Er schmeckt wirklich sehr gut. Dann gehe auch ich weiter, die Fußgängerzone entlang, bis zum Stachus. Den Weihnachtsmann kann ich nicht vergessen. Beinahe habe ich die feste Überzeugung, dass es der Echte war.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Hauptsache Arbeit

Samstag, 20. Dezember, München

Morgens ist die Welt noch stockfinster. Er steht auf, geht ins Bad um sich die Zähne zu putzen. Dann zieht er sich an, isst noch im Gehen schnell eine Semmel und verlässt das Haus. Er wohnt weit draußen. An kalten Tagen liegen manchmal die Hochspannungsleitungen an denen er vorbeigeht unter einer erstarrten Eisschicht und die Straßen sind glatt. Die Fahrt mit der Bahn dauert sehr lange, aber sie gibt ihm Gelegenheit noch ein wenig zu schlafen. Er setzt sich auf einen der freien Plätze, lehnt sich zurück und schließt langsam die Augen. Noch fünfzehn Minuten ist er dann aber zumeist wieder wach. Auch wenn er auf dem großen Friedhof am Ende der Stadt ankommt, ist es im Winter noch stockdunkel. Er ist der erste hier, schließt vorne die Türe auf und beginnt mit seiner Arbeit. Wege überprüfen und wenn nötig streuen. Das ist eine der ersten Aufgaben mit denen sein Arbeitstag beginnt. Irgendwann erwacht der Tagt, es wird hell und die Sonne zeigt sich. Seit drei Jahren geht der dieser Tätigkeit auf dem städtischen Friedhof schon nach und sie macht ihm immer noch Spaß. Es ist eine Alternative zu Hartz IV und Arbeitslosigkeit. Vor fünf Jahren hatte er seine Arbeit verloren, die gut bezahlte Stelle als Industrieschweißer. Er war krank geworden, beinahe erwerbsunfähig, aber eben nicht ganz. Für die kleineren Arbeiten hier reicht es noch. Er liebt diesen Job, hat nahezu freie Hand, ist sein eigener Chef. Die Dinge laufen gut hier. Die Arbeit lässt ihn die weite Anfahrt und das frühe Aufstehen schnell vergessen. Er kommt unter die Leute, hat Kontakt zu Menschen. Das liebt er. Früher, da sass er von morgens bis abends auf der Couch, sah fern, aß Chips und trank Bier. Sein Leben hatte nun endlich wieder einen Sinn bekommen, auch wenn der darin bestand im Sommer Unkraut zu jäten und Wege zu harken und im Winter Schnee zu räumen und Split zu streuen. Aber Hauptsache Arbeit. Geld gibt es, auch wenn es nicht viel ist. Er kann davon gut leben, ist sparsam und bescheiden. Ein Bier nach Feierabend, einmal in der Woche Essen gehen. Das sind die Dinge, die er nicht missen möchte und auch nicht missen muss. Ein neuer Tag legt sich über den Friedhof. Die ersten Besucher kommen. Manche von ihnen sind hier wegen anstehenden Trauerfeiern, manche wollen einfach nur ihre Lieben besuchen. Alle unterhalten sich gerne mit ihm, haben ein paar Worte übrig, wenn sie diesen Ort wieder verlassen. Das “Untermenschensein” ist es, was er so mag. Zudem kann er sich nicht vorstellen in irgendeinem modrigen Büro zu sitzen, während draußen die Natur auf ihn wartet. Neugierig blinzelt er in die aufgehende Sonne, als er sich auf den Weg zum Krematorium macht. Der große Schlüsselbund klappert in seiner Hand...Verantwortung für alles hier, aber in erster Linie eben auch gegenüber sich selbst.

Needful things

Freitag, 19. Dezember, München

Der Laden befindet sich mitten in einer kleinen Stadt. Wenn vorne ein Kunde das Geschäft betritt läutet es und der Inhaber, ein alter Mann um die Siebzig, weiß, dass etwas verlangt wird. Der Laden ist als Fundgrube für allerlei Dinge bis über die Grenzen der kleinen Stadt hinaus bekannt. Unscheinbar und ein wenig versteckt liegt er eingebettet zwischen zwei großen Häuserblocks. Jeden Tag acht Stunden lang hütet Herr Bell, denn so heißt der Ladenbesitzer, seine Schätze und Kostbarkeiten. Seine faltigen Hände gleiten durch die Regalreihen und er weiß ganz genau, was seine Kunden verlangen. Das Geheimnis seiner Geschäftes ist die Tatsache, dass niemand etwas kauft, was er auch wirklich braucht, sondern dass das gekauft wird, was man unbedingt möchte. Bells Laden ist einer, in dem alle Wünsche und Träume in Erfüllung gehen. Man betritt den Laden und lässt seine Blicke über das Angebotene fliegen. Schneekugeln, Murmel, allerlei Tierzähne, diverse Knochenreste und sämtliche nur denkbaren Bilderrahmen mit und ohne Fotos. Das ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Artikel, die es hier zu kaufen gibt. Jeder liebt den niedlichen Laden in einer kleinen Stadt. Doch irgendwo lauert das Böse. Es fing damit an, dass eine alte Frau plötzlich eine Lungenentzündung bekam und verstarb, nachdem sie bei Bell einen leeren Bilderahmen gekauft hatte. Das alleine war noch nicht verwunderlich, aber beispielsweise wurde drei Tage, nachdem sie eine kleine Schneekugel bei Bell gekauft hatte, ein kleines Mädchen von einem Auto erfasst und getötet. Es gibt noch mehr Fälle. Obwohl einige Menschen Zusammenhänge zu erkennen glauben, bleiben die Kunden nicht aus. Bei Bell gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Ein jeder möchte sich einen Traum erfüllen, sein Stückchen Kindheit zurückholen oder einfach etwas haben, was er sich schon lange gewünscht hat. Bei Bell wird dies alles wahr. Keiner kommt hinter das Geheimnis des alten Mannes, der jeden Tag verschmitzt in seinem Laden steht und Kunden bedient. Woher er seine Waren bezieht, wer sie liefert, das weiß keiner. Ein wohlgehütetes Geheimnis in einer kleinen Stadt. Jeder ist zufrieden und zwischen Bells Laden und den unheimlichen Todesfällen wurden keinerlei Verbindungen mehr offensichtlich. Erst als Bell starb und sich keiner mehr fand, der den Laden übernehmen wollte, tauchte ein handgeschriebener Brief im Nachlass des Toten auf. Er enthielt folgende Zeilen:
“Wenn ihr dies lest, bin ich schon lange tot. Viele Menschen haben sich in den letzten Jahren für das Geheimnis meines Ladens interessiert. Doch es gibt keines. Man hat mir Zauberei, schwarze Magie und Hexenkunst unterstell, aber ich vermag nichts dergleichen zu vollbringen. Mein Erfolg lag darin, dass ich den Menschen versucht habe, ein Stückchen Kindheit und Jugend zurückzugeben. Ich habe mit ihnen geredet und sie davon überzeugt, dass sie gewisse Dinge unbedingt brauchen. Das war meine Kunst. Nicht mehr. Keiner wird meinen Laden fortführen, keiner wird mehr Kind sein dürfen. Meine letzte Bitte ist, dass ihr mir eine der goldenen Schneekugeln auf mein Grab stellt. Als ewige Erinnerung für die, die mich kannten. Das ist alles.” Und so geschah es...in einer kleinen Stadt.

Montag, 22. Dezember 2008

Besuch aus dem Regen

Donnerstag, 18. Dezember, München

Im Zimmer ist es ziemlich dunkel. Ein kleiner Raum mit nur einem Fenster, in dem überall Kerzen brennen. Bald ist Weihnachten. Aus der Küche riecht es angenehm nach Glühwein und aromatischen Gewürzen. Die Tische sind mit Tannenzweigen, Teelichtern und Walnüssen dekoriert. Die Gäste sind da. Eine gemütliche Runde, einfach etwas zusammensitzen und Weihnachten feiern. Nur draußen ist es dummerweise überhaupt nicht festlich anmutend, denn es hat wieder zu regnen begonnen. Dicke Tropfen klatschen an die Fensterscheibe und wirklich winterlich kalt ist es auch nicht.
In dicken Tropfen fließt brennender Zucker in den großen Kessel mit Rotwein, schwarzem Tee und Orangenscheiben. Blau leuchtend tanzt der verbrennende Alkohol noch etwas darin umher. Die Feuerzangenbowle, das Highlight des Jahres. Der gute aber preiswerte Rotwein von Aldi riecht jetzt aromatisch und würzig. Eine Flache echter Übersee-Rum tut das Übrige. Die haut ganz schön rein. Stark! Irgendwie gehört so eine Feuerzange einfach zu jedem guten Weihnachten mit dazu. Mir jedenfalls würde etwas fehlen ohne. Kleine Grüppchen haben sich gebildet, man lacht, trinkt, unterhält sich und genießt den Abend. Ich setze mich etwas abseits und schaue aus dem Fenster. Ich denke an Sophie und daran, wie lange ich nun schon nichts mehr von ihr gehört hatte. Sehr lange. Keine Ahnung, was da wohl los ist. Vor einigen Wochen hatte sie mir einmal eine Mail geschickt, aber das war dann auch alles. Auf meine Mail keine Antworten. Ich weiß es doch auch nicht! Gesehen habe ich sie wohl im Sommer zum letzten Mal. Aber so genau weiß ich es nicht mehr. Nein, stimmt nicht, denn ich bin ihr ja zwischendrin einmal in der Bibliothek begegnet. Da war die Sache mit ihrem Ausweis. Wie das Leben so spielt. Mit dieser Weihnachtsfeier hier geht für mich eigentlich das Jahr zu Ende. Das hat hier Tradition, das muss so sein. Bald ist Weihnachten und ich habe noch keine Geschenke. Nachdenklich nippe ich an meiner Bowle, stelle die Tasse ab und strecke mich kurz. Ich bin müde. Draußen hat es stärker zu Regnen begonnen. Die Autos hüpfen durch die Nacht, wirbeln Gischt auf, die von den Scheibenwischern nur schwer verdrängt werden kann. Vielleicht ist alles gut, so wie es ist. 366 Tage sind gleich vorbei, gehen wieder einmal zu Ende. Was bringt das nächste Jahr? Ich trinke den letzen Schluck Bowle und hole mir eine frischgefüllte Tasse. “Life for the moment!” - Mitnehmen, was gerade kommt und nicht immer nur wehmütig zurückschauen. Ein neues Jahr mit neuen Herausforderungen steht an. Nehmen wir sie an.
Ein Unbekannter betritt das kleine Zimmer, er kommt von draußen und ist etwas nass. Er faltet seinen Regenschirm zusammen und tritt dann zu uns herein ins Zimmer. Die schweren Stiefel dröhnen übers Parkett. Keiner von uns kennt ihn.

Freitag, 19. Dezember 2008

Kein schöner Ort/Abschied

Mittwoch, 17. Dezember, München

Um diese frühe Uhrzeit liegt der Münchner Ostfriedhof unter einer dicken Nebeldecke. Ich bin viel zu zeitig von zu Hause losgefahren, aus Angst zu spät zu kommen. Es ist erst kurz vor acht und noch keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen. Mir bleibt also noch etwas Zeit. Ich gehe die Reihe der Gräber entlang, bleibe ab und an kurz stehen und lese einige der Inschriften. Bei einem Kindergrab hält es mich etwas länger und obwohl ich nicht besonders gläubig bin, bete ich. Dan gehe ich langsam zurück zum Krematorium. Der kleine Warteraum ist wahnsinnig überheizt. Insgesamt sind mit mir noch sechs andere Menschen gekommen, um den Toten zu verabschieden. Die Urne wird anschließend nicht beigesetzt. Man versucht immer noch eine Tochter des Verstorbenen in Griechenland ausfindig zu machen. Darum kommt die Urne am Ende des Jahres in ein Sammellager im Keller, wo sie dann erst einmal bleibt, bis klar ist, wer die Kosten trägt. Ob persönliche Grabstelle oder anonymes Begräbnis wird sich dann im Sommer raustellen. Ja, Sterben muss man sich leisten können. Ein Mitarbeiter bittet mich zuerst in die kleine Kapelle des Krematoriums. Ich war die Person, die dem Toten am nächsten stand, also darf ich vor der kleinen Trauerfeier noch einmal persönlich von ihr Abschied nehmen.
Eine kupferfarbene Urne steht auf einem schwarzen Podest, das wiederum auf einer Art Bühne steht. Über das Podest ist ein schwarzes Tuch mit einem weißen Kreuz vorne drauf gelegt. Ein paar mitgebrachte Blumen liegen daneben. Die Urne ist relativ groß, was mich wundert, aber ich kann nicht einschätzen, wie viel Asche von einem Menschen übrig bleibt, wenn er verbrannt ist. Auf dem Deckel des Gefäßes sind Geburtsdatum, Geburtsort, Sterbedatum, Sterbeort und das Datum der Einäscherung (05.12.2008) eingraviert. Ich stehe mit gefalteten Händen vor der Urne. Sie steht mir nun gegenüber, wie mir die Person vor wenigen Wochen selbst noch gegenüber gesessen hat. Wir hatten noch gelacht und Witze gerissen. So schnell kann das im Leben gehen. Nun bleibt nichts als eine Urne voll Asche. Ich bete erneut. Das ist mein persönlicher Abschied. Nicht in Worte zu fassen. Der Mann von der Friedhofsverwaltung kommt, ich gehe ab und alle Trauernden setzen sich auf die Bänke. Dann folgt eine kleine Trauerfeier. Ein Seelsorger spricht ein paar Worte. Wirklich nicht schlecht und äußerst würdevoll. Dann ertönt Musik und der Vorhang der Bühne schließt sich langsam, wie sich auch der Vorhang der Bühne des Lebens schließt. Ich glaube Shakespeare hat einmal gesagt: “Das Leben ist eine Bühne, auf der der Mensch sein Bestes gibt!” Wie wahr. Ich trete hinaus in den erwachenden Tag, der Nebel hat sich verzogen und die ersten Friedhofsbesucher treffen ein. Mit festen Schritten gehe ich Richtung S-Bahn. Das war er also nun mein persönlicher Abschied...für immer.

Der Klavierspieler

Dienstag, 16. Dezember, München

Auf dem Bürgersteig liegt Streusand. Kleine Steinchen klemmen in meiner Gummisohle. Tagsüber hatte es zuerst leicht geregnet und dann zu schneien begonnen. Minusgrade...es friert. Die Tür zu der kleinen Kneipe am Ende der hellerleuchteten Straße lässt sich nur schwer öffnen. Es ist eine mächtige Glastür, deren Scharniere nur schwer nachgeben. Ich stehe davor, mit Mütze, Handschuhen und einem dicken Schal. Bevor ich eintrete, schaue ich noch einmal zurück. Die Straße ist menschenleer, obwohl es noch gar nicht so spät ist. Nur ganz in der Ferne erkenne ich eine Gestalt die wohl ihren Hund spazieren führt. Zumindest sieht es so aus. Ich stehe also in der Kneipe und schaue mich neugierig um. Schwaches Licht, leise Musik, wenig Menschen. Ein großer, schlanker Mann steht hinter dem Tresen und zapft Bier. Davor sitzt einer und wartet. In der Ecke stehen ein paar heruntergekommene Sofas. Ansonsten gibt es noch Barhocker und drei Tische mit jeweils vier Stuhlen. Wirklich keine große Kneipe. Das Blau, das von den Neonröhren abstrahlt, verleiht der Inneneinrichtung etwas Geheimnissvolles. Ich beschließe mich direkt an die Bar zu setzen, ziehe einen der Hocker näher zu mir heran und lege meine Winterutensilien ab. Hier ist es ganz schön warm sage ich, aber der Mann hinterm Tresen reagiert nicht. Aus einem der Laussprecher dudelt “Driving home for Christmas” von Chris Rea.
“Oh, I can`t wait to see those faces...I sing this song to pass the time away.”
Weihnachten verfolgt einen scheinbar überall. Aber das ist ein schönes Lied. Ich mag es. Ich bestelle ein Bier, muss nur kurz warten und kann gleich einige tiefe Schlucke nehmen. Herrlich. Dann hört die Musik plötzlich auf. Neben mir fällt Licht aus einem großen Scheinwerfer auf einen pechschwarzen Steinway-Flügel. Den hatte ich zuvor überhaupt nicht bemerkt. Ich bin überrascht. Zudem realisiere ich, dass sie kleine Kneipe nun menschenleer ist. Hinter den Tasten sitzt einer und schiebt seinen schwarzen Frack zurecht. Es ist der Kerl hinter der Bar. Wie kommt der denn hierher? Ich schaue Richtung Tresen und tatsächlich ist er Mann verschwunden. Statt dessen steht dort jetzt eine junge Frau. Ich trinke schnell einen Schluck Bier. Dann beginnt der Mann im Frack zu spielen. Melodien, die ich nicht kenne, aber so schön, dass ich fast weinen muss. Es ist herrlich. Mindestens eine Stunde lang lausche ich wie verzaubert den herrlichen Klängen. Dann kommt die junge Frau und stellt wortlos ein Glas Whisky vor mir ab. Ich will abwehren, aber sie ist schon wieder verschwunden. Ich blicke zum Flügel und auch der Klavierspieler hat ein Glas in der Hand und prostet mir zu. Wir trinken. Als die Gläser leer sind, verschwindet der Flügel wieder in der Dunkelheit, ich bezahle mein Bier und trete hinaus auf die Straße. Die Frau hinterm Tresen lächelt mir freundlich zu. Also ich schon beinahe eine ganze Straße entfernt bin, blicke ich mich noch einmal um: Die kleine Kneipe sehe ich nicht mehr. Sie scheint einfach verschwunden.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Vom Irrsinn des Krieges

Montag, 15. Dezember, München

Heiligabend weit in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der seit einigen Monaten andauernde Krieg hat alle Beteiligten gebrochen. Es ist kalt, überall liegt Schnee. Durch dieses Irgendwo verläuft ein Schützengraben auf einer Länge von einigen Kilometern, der die beiden verfeindeten Seiten voneinander trennt. Hier Deutsche, dort Franzosen. Die vergangenen Tage und Wochen ließen etliche Opfer beklagen. Auf beiden Seiten. Selbst der Weihnachtsabend verspricht keine Besserung. In den Schützengräben belagert man sich auch heute, versucht den Gegner aus der Reserve zu locken, sich selbst dabei aber keine Blöße zu geben. Wachsamkeit sichert hier das Überleben. In der Ferne grollen Panzer, von weit her ist der Knall einer Explosion zu vernehmen. Hier im Schützengraben ist man allerdings meist sicher. An diesem Weihnachtsmorgen fiel bereits sehr früh Schnee. Dicke Flocken regnen auf die Erde und lassen das Warten im Graben unerträglich werden. Es ist eiskalt. Seit wenigen Minuten wird nicht mehr gekämpft, was eigentlich komisch ist, denn heftig und erbarmungslos waren die Grabenkämpfe bis dahin gewesen.
Plötzlich steht er da. Eine hagere Gestalt schält sich zwischen den Schützengräben, die die verfeindeten Seiten trennen, hervor. Später sollte sich nicht mehr rekonstruieren lassen, von wo genau der Unbekannte herkam. Er war einfach da. Unter der einsetzenden Dämmerung kann man sein Gesicht nicht erkennen. Nur ein großer, schwerer Mantel und mächtige Stiefel funkeln im letzten Licht dieses Tages. Doch in der Hand hält er einen kleinen Tannenbaum, geschmückt mit etwas Lametta und einigen Kugeln. Langsam schiebt sich die Gestalt vorwärts, befindet sich nun mitten im schwer umkämpften Gebiet. Lebensgefahr. Die ersten Kugeln und Granaten drohen zu fliegen. Doch nichts passiert, keiner schießt. Der Fremde befindet sich nun genau zwischen den verfeindeten Schützengräben, stellt den Christbaum ab und setzte sich daneben auf den Boden. Verstörte Gesichter erheben sich rings um ihn herum, spähen langsam aus den Gräben, irritiert durch die ausbleibenden Gefechte. Irgendwann nimmt irgendeiner allen Mut zusammen, steigt aus einem der Gräben empor und geht auf den Fremden zu. Jener sitzt immer noch regungslos da. Was dann passiert scheint kaum fassbar: Gut drei Dutzend Männer, Franzosen wie Deutsche, scharen sich um den Tannenbaum, bilden einen Kreis und trotzen der Kälte. Ein Feuer wird entfacht, man holt zu Essen und zu Trinken. Die Waffen schweigen. Und dann feiern die verfeindeten Soldaten miteinander Weihnachten, wie unzählige Haushalte zu jenem Zeitpunkt in der ganzen Welt. Man lacht, unterhält sich und zeigt Familienbilder her. Der Heilige Abend, mitten im Krieg. Der Fremde ist plötzlich verschwunden, keiner hat ihn mehr gesehen. Nur der Baum, ja der war ihnen geblieben. Spät am Abend erst gehen alle auseinander, ein jeder auf seine Seite, in seinen Graben. Alle legen sie sich schlafen. Morgen, am ersten Feiertag, geht der Krieg weiter. Dann heißt es wieder Mann gegen Mann, alle gegen den Feind. Aber diesen Abend wird keiner vergessen.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Gewackelt, aber nicht gefallen

Sonntag, 14. Dezember, München

Erst am Abend kam das Fieber. Ich glaube es liegt an der Grippe- und Erkältungswelle, die derzeit gerade hier in München kursiert. Ich stehe also da, im Substanz in München und irgendwie geht es mir elend. Mir ist eigentlich weder heiß noch kalt, aber meinen Beine fühlen sich bleischwer an. Ich stehe also da, irgendwo ganz weit vorne, wie immer. Dran sein, dicht am Geschehen sein, den Beat fühlen. Ich trinke den letzen Schluck Bier. War ein Fehler? Vielleicht! Plötzlich verschwimmt alles vor mir, es reißt mir beinahe den Boden unter den Füßen weg. Nichts ist da, was mich noch hält. Ich drehe mich also im und tanke mich wie ein Irrer durch die dichtgestapelte Menschenmenge hinter mir. WC, 00, Toilette. Dieser Weg...Rettung. Mir ist nicht schlecht, ich will einfach nur kurz irgendwo sitzen, ausruhen, zu Kräften kommen. Von innen versperre ich die Türe, klappe schnell den WC-Sitz herunter und dann sitze ich auch schon. Es wird besser. Es ist schon komisch, dass mir so gar nichts weh tut, sondern einfach nur meine Beine schmerzen. Aber aufgeben ist nicht, nicht mit mir Leute. Da muss man schon früher aufstehen, um mich in die Knie zu zwingen. Also Türe auf und wieder nach oben. Ich bleibe vorsorglich weiter hinten stehen und kaufe mir kein Bier mehr. Sicherheitshalber. Zweimal führt mich der Weg noch nach unten, um zu rasten. Dann ist Pause. Ich hoffe, dass es danach besser wird. Wie erwähnt: Aufgeben ist nicht. Ich stehe kurz draußen bei den Rauschern, schnappe frische Luft, aber kann auch dort nicht lange stehen. Wieder drinnen beginnt der zweite Teil. Ich sitze zunächst auf einem ausgedienten Flipperautomaten, ehe ich mich wieder in Richtung der Toiletten orientiere. Die Leute beginnen mich komisch anzuschauen. 60 Minuten und 4 WC-Gänge später, verlasse ich das Substanz wieder und fahre mit einem Kumpel zusammen nach Hause. In der Bahn kontrollieren wieder diese arroganten Möchtegern-Sheriffs von der S-Bahnwache. Von irgendwoher riecht es auf einmal nach Furz. Daheim falle ich todmüde ins Bett. Ich beginne doch leicht zu frieren. Es schüttelt mich. Mist! Fieber!. In der Nacht plagen mich heftige und schreckliche Alpträume. Die wünsche ich keinem. Ich komme kaum zum Schlafen und bin am nächsten Morgen absolut fertig. Fiebermessen, Thermometer in den Arsch. Hoppla. 39,5 Grad. Mächtig Fieber. Also Zäpfchen gekauft und Wadenwickel gemacht. Ich will nur noch schlafen. Die Beine sind immer noch schwer. Nachmittags geht es dann etwas besser, das Fieber ist etwas runter. Fit bin ich jedoch noch lange nicht. So verbringe ich einen kompletten Tag gelangweilt zu Hause im Bett. Ich bin das beinahe nicht mehr gewohnt. Immer auf Achse, immer unterwegs...Sonst. Abends schlafe ich rausch ein, die Nacht bleibt ohne Traum. Wieder genesen! Hoffentlich.

Fremd im eigenen Land

Samstag, 13. Dezember, München

Der Gong beendet die Stunde, Schüler und Schülerinnen packen hastig ihre Sachen zusammen, greifen nach ihren Taschen und hasten in die große Pause. Manuela steht mit ihren beiden besten Freundinnen in der Aula des Gymnasiums. Die drei unterhalten sich. “Hey Manuela können wir später noch kurz mit zu dir kommen? Wie lebst du denn so?” - “Eigentlich gerne, aber Mutter ist doch so krank”, antwortet Manuela. - “Noch immer?” - “Ja, leider immer noch!” - “Dann sag ihr gute Besserung.” Manuela nickt, die Pause ist vorbei und alle drei gehen zurück in ihre Klasse.
Alltag im Leben eines kleinen dreizehnjährigen Mädchens mitten in Deutschland im einundzwanzigsten Jahrhundert. Mit drei Jahren kam sie illegal aus Chile hier her. Ihre Eltern brachten sie heimlich über die Grenze, quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Sie hatte es sich nicht ausgesucht, ihr blieb keine Wahl. Manuela spricht kein Spanisch, versteht nur wenige Brocken und hat keinerlei Beziehung zu ihrem Geburtsland. Sie fühlt sich als Deutsche, hat hier einige Freunde und Bekannte. Trotzdem ist sie illegal hier. Jetzt trottet sie langsam nach Hause, wieder einmal alleine. Freunde zu sich einladen darf sie nicht, zu gefährliche wäre das. Da wird nachgefragt und rumgeschnüffelt, da muss sich die Familie offenbaren. Ihre Leben, das heißt sich verstecken, nur nicht auffallen, verborgen bleiben. Nur die Lehrer kennen ihr Geheimnis, wissen was mit ihr wirklich los ist. Oft hat sie Angst. Ihr Alltag birgt eine Vielzahl von Gefahren. Wenn sie über die Straße geht, prüft sie dreimal, ob ja kein Auto kommt. Sie kann nie zum Arzt gehen, muss immer gesund bleiben, darf nicht hinfallen. Zu viele Fragen würde das nach sich ziehen. Formulare, Papiere, Scherereien. Ihr Leben, heißt sich verstecken. Nun muss die Schule reagieren. Alle Schüler und Schülerinnen müssen registriert werden. Die Schule ist verpflichtet, dies zu tun. 2009 wird rauskommen, dass sie illegal hier ist. Ihre Mutter, die sich mit schlechtbezahlten Reinigungsjobs durchschlägt, ist jetzt schon in Sorge. Wie wird es weitergehen? Wird man sie abschieben? Wahrscheinlich schon. Manuela ist ein fleißiges Mädchen, eine gute Schülerin, neugierig und weltoffen. Sie möchte zur Schule gehen. Wird sie nun am Ende dafür bestraft, dass sie sich bildet? Es sieht ganz so aus. Die Alternative wäre nicht mehr zur Schule gehen, das würde klappen. Dann könnte man das Versteckspiel weiterspielen. Aber das will sie nicht. Jetzt erreicht Manuela das große Hochhaus am Rande der Stadt, sperrt mit dem Schlüssel die Haustüre auf und verschwindet hinter einer milchigen Glasscheibe im Inneren des Mietshauses. Oft wacht sie nachts von Alpträumen geschüttelt auf, sieht sich in einem Auto sitzend auf dem Weg zum Flughafen. Mit drei Taschen schickt man sie zurück nach Chile, in ein fremdes Land, das nicht ihre Heimat ist und auch nie sein wird. Dann ist sie jedesmal froh, wenn sie aufwacht und noch hier ist. Sie ist doch Deutsche...

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