Alles festhalten

Donnerstag, 25. Dezember, München

Ich sitze auf meinem Bett und blättere mich durch Alben voller alter Kinderbilder von mir. Mit den Seiten kommt manchmal auch die Erinnerung wieder zurück. Ich sehe mich auf einer Lokomotive stehen, beim Kindergeburtstag oder gemeinsam mit meinen Eltern im Schwimmbad. Eigentlich hasse ich es, alte Fotos von mir zu sehen, aber heute macht es mir irgendwie nichts aus. Bilder, die mich als Kleinkind zeigen, sehen aus wie aus einer anderen Welt, von einem anderen Universum, einer anderen Galaxie. Möbel und Menschen aus den 80er Jahren. Ich erkenne einige Gegenstände, von denen ich weiß, dass sie immer noch auf dem Speicher in irgendwelchen Kisten lagern und darauf warten, reanimiert zu werden. Eigentlich unfassbar. Bilder, aus dem letzten Jahrhundert, ja sogar aus dem letzten Jahrtausend. Ich sehe mich völlig nackt auf einer hellblauen Wickelkommode liegen, frech grinsend, absolut sorgenfrei. So ein Säugling hat es irgendwie gut. Keine Ahnung von der Welt und dennoch irgendwie glücklich. Ich war ein hübsches Kind, das wurde mir immer wieder bestätigt...auch von Frauen. Nur im Jetzt scheint es seltsamerweise nicht mehr zu klappen. Demnächst klebe ich ein Babyfoto von mir auf mein Sweatshirt und gucke, was passiert. Vielleicht hilft das ja. Wie süß! Ich blättere weiter, bin mittlerweile beim dritten Album angekommen. Der erste Schultag. Ich sehe fürchterlich aus. Warum dürfen Mütter so etwas tun? Gibt es da keine Aufsichtsbehörde, die Kinder davor schützt, dass ihre Mütter sie für die Schule anziehen? Den Häschenpullover in der dritten Klasse nehme ich ihr besonders übel. Ich fliege weiter über die Seiten. Der erste Tag auf dem Gymnasium...die letzten Fotos, die Abi-Feier. Wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Allein dieses Jahr ist schon wieder vorbei. Wenn man da dann so zurückblickt. Darum hasse ich es. Was habe ich bisher aus meinem Leben gemacht? Irgendwie recht wenig. Aber es kann ja alles noch kommen. Der Sprung vom 10 Meter Turm als nächste große Herausforderung. Sich einmal überwinden. Ich klappe die Fotoalben zu und räume sie weg. Ein paar der Bilder sind an den Seiten schon leicht angegilbt, oder der Kleber, mit dem sie fixiert wurden klebt nicht mehr richtig. Ich verliere ein Bild auf dem Rückweg zum Regal. Meine Kindergarten-Freundin und ich. Neunzehn Jahre ist dieses Bild alt...es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Lächelnd packe ich das Foto zurück und stelle die Alben wieder ins Regal. Feiertage bieten immer Zeit um nachzudenken...über sich, über andere und über die Welt. Weihnachten kam so schnell und ist auch genauso schnell wieder vorbei. Nächstes Jahr wieder...hoffentlich. Man sollte jeden Augenblick, jede Stunde, jede Minute absolut genießen. Wer weiß, wann das Schöne wiederkommt. Ich denke an die gemeinsamen Momente mit ihr. Sie, die nach Südafrika ging und zurückkam. Das war dieses Jahr. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht...Glück.

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