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Donnerstag, 1. Januar 2009

Waffenbrüder

Dienstag, 30. Dezember, München

Ein Zimmer im Halbdunkel. Er sitzt auf seinem Bett, die Hand an der Waffe. Das Geräusch beim Laden löst tiefe Befriedigung bei ihm auf. Behutsam schiebt er Patronen in die metallene Trommel, lässt sie sachte zurück schnappen und prüft schließlich noch einmal alles. Passt. Er sah, dass es gut war. Den Revolver packt er in eine blaue Sporttasche und packt noch zwei Pistolen dazu, die vorher neben ihm auf dem Bett gelegen haben. Es klappert. Dann zieht er den Reißverschluss der Tasche zu, schlüpft in seine Jacke und rennt runter auf die Straße. Die Tür knallt laut hinter ihm ins Schloss. Draußen.
“Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.”
Fünf Menschen machen sich aus den verschiedensten Ecken der Stadt auf den Weg. Schwere Schritte dröhnen über das Pflaster. Die blaue Sporttasche steigt in eine Straßenbahn, fährt fünf Stationen und nimmt für den Rest der Strecke den Bus. Andere kommen mit dem Auto. Man trifft sich in einem kleinen Wäldchen am Rande der großen Stadt.
“Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern.”
Drinnen an einem kleinen Teich ist der vereinbarte Treffpunkt. Man legt die Taschen ab, aus einem Auto lädt einer kugelsichere Westen aus. Über dem Wasser liegen Holzplanken, bilden einen schmalen Steg. Zwei legen die Westen an, stellen sich in zwanzig Meter Entfernung auf. Jemand zählt bis fünf; dann fallen Schüsse. Das Duell, eine Mutprobe...verletzt soll niemand werden. Sich überwinden, auf Menschen schießen, Hemmschwellen abbauen. Nichts weiter.
“Er erquickt meine Seele; er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.”
Heute hat er einen guten Tag, bleibt Sieger in seinen drei Duellen und geht gelassen nach Hause. Die anderen sind ähnlich entspannt. Er steigt wieder in den Bus und in die Straßenbahn. Daheim schmeißt er die Tasche in eine Ecke, legt sich aufs Bett und schläft sofort ein.
Der neue Tag beginnt bereits um sechs Uhr. Er muss vorbereitet sein, stets wachsam, alles bedenkend. Der Direktor kommt immer schon einige Minuten vor den Angestellten. Ihm bleibt wenig Zeit. Das Bankgebäude schimmert im trüben Morgenlicht, als er mit dem Bankdirektor eintritt. Der spürt den Lauf eines silbern glänzenden Revolvers auf der Stirn.
“Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.”
Geld wird in die blaue Tasche gepackt. Dann fällt ein Schuss...eiskalt, skrupellos. Der Direktor sinkt zu Boden, Blut sickert aus seiner Schläfe. Der Täter steckt den Revolver ein und rennt aus dem Bankgebäude. Sicherheit. Menschen schauen ihn an, aber wenden sich rasch ab und gehen weiter. Drei Wochen später wird er man mit dem Revolver verhaftet. Zeugen hatten sich sein Gesicht gemerkt.

Glücksbote

Montag, 29. Dezember, München

Er nimmt seine dicke Winterjacke vom Haken, zieht sich an und tritt hinaus ins Treppenhaus. Vom vierten Stock runter auf die Straße. In seiner Tasche stecken eine Schere und eine Rolle dunkelrotes Geschenkband. Sein Weg führt ihn an diesem Morgen geradewegs zur Sparkasse. In der langen Schlange vor dem Bankschalter muss er einige Minuten warten. Die Leute erledigen am Ende des Jahres noch schnell ihre Geldgeschäfte. Endlich hat die nette Dame hinter dem Schalter für ihn Zeit. 50 Euro in 5 Euro-Scheinen...mit einer kleinen Geldrolle verlässt er die Filiale wieder. Auf dem Weg in den Stadtpark kommt er an einem großen Supermarkt vorbei. Der Parkplatz ist mit Autos überfüllt. Menschen schleppen Tütenweise Silvesterknaller zu ihren Fahrzeugen. Raketen und Knaller...bunt, teuer und laut. Das ist nicht seine Welt. Das Feuerwerk zum Jahreswechsel liebt er irgendwie, aber selbst Geld dafür auszugeben käme nie in Frage. Früher in seiner Teenagerzeit hat er ab und an mit seinen Freunden ein paar Böller und Raketen in die Luft gejagt, aber heute...nein. Lächelnd geht er an den mit Tüten bepackten Menschen, die gehetzt umher hasten, vorbei in den kleinen Park. Der Boden ist hart gefroren und mit Schnee bedeckt. Mit seinen Handschuhen wischt er eine der grünen Bänke sauber und setzt sich. Er rollt jeden der zehn 5 Euro-Scheine klein zusammen und bindet Geschenkpapier drum herum. Die zehn Röllchen steckt er in seine Jackentasche. Mit der Bahn in die Stadt. Menschen hasten auch hier, ruhelos, hektisch und scheinbar ohne konkretes Ziel. Er hingegen geht auf einem festen Weg, auf sicherer Bahn, auf einem vorgegebenen Gleis. Der Straßenverkäufer preist seine Zeitung an. “Trotz” prangt in dicken roten Lettern auf dem Titel. Es ist kalt, Mütze und Handschuhe wärmen nur kurzzeitig. Um in der Kälte bestehen zu können, muss der Verkäufer immer wieder auf und ab gehen. 5 Euro, einfach so als Geschenk im alten Jahr. Das Röllchen fühlt sich gut an in seiner Hand.
Der Fremde hatte es ihm mit den besten Wünschen zugesteckt. Auch in der U-Bahnstation im Untergeschoss steht einer, verkauft “Trotz” und bekommt 5 Euro. So geht das immer weiter, den ganzen Vormittag lang, bis alle Scheine verteilt sind. Keine Böller sondern Spenden. Seine Tasche ist leer, er hat die Menschen glücklich gemacht und sie bedankten sich bei ihm. Es wird immer kälter draußen. Er betritt das kleine Cafe, gönnt sich eine heiße Schokolade. Draußen geht der Tag zu Ende. Er und zehn andere Menschen sind äußerst glücklich. Mit der Unterseite seiner Tasse hinterlässt er einen runden Kreis aus schwarzem Kakao auf der weißen Tischdecke.

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