C2H6O

Dienstag, 08. Juli, München

Letzte Abfahrt…Alkohol. Was war passiert? Ich sehe einen Mann auf der Rolltreppe, eine weiße Perlenkette hängt lässig an seinem Hals. Groß, wuchtig und schwer. Mein Blick wandert schon weiter, doch ich schaue trotzdem noch einmal zurück. Es sind keine Perlen, sondern die wuchtigen weißen Verschlüsse der Bierflaschen mit Schnappverschluss…Plop…mindestens dreißig baumeln an seinem Hals. Ich blicke ihm noch etwas länger nach, aber schon bald ist er ganz aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich bin mal wieder auf der Suche nach den Grenzen…Grenzgänger…absolut grenzwertig.
“ALKOHOL IST DEIN SANITÄTER IN NOT“
Wo fängt der normale Konsum an, beleibt normal, ehe er schließlich zur Sucht wird? Ab und zu trink ich ja auch schon mal ganz gerne etwas. Auf meinem Weg durch die City begegnen mir viele von ihnen. Süchtige? Kann ich nicht sagen, zumindest finde ich ein Bier am frühen Morgen recht befremdlich. Möglicherweise ist es auch nicht das erste an diesem Tag.
„ALKOHOL IST DEIN FALLSCHIRM UND DEIN RETTUNGSBOOT“
Den Seelentröster immer in der Hand stehen sie an ihren Plätzen…alleine…zu zweit, aber meistens gebrochen und zerbrochen. In der Ecke schimmert Erbrochenes im fahlen Licht des Untergrunds. Ein Kerl im Blaumann, mit Schaufel und Besen, beseitigt alles. Alkohol als Seelentröster, als Sorgenertränker…aber Sorgen sind gute Schwimmer…steht auf dem Kalenderblatt, dass ich morgens abreiße und in meine Hosentasche schiebe.
„ALKOHOL IST DAS DRAHTSEIL AUF DEM DU STEHST“
Drahtseilakt…der Zettel steckt tief in meiner Tasche…ich habe den Tageseinkauf von heute darauf notiert. Es macht dich kaputt. Am Hauptbahnhof dasselbe Bild...sie stehen und warten, meist ohne Aufgabe, ohne Perspektive…auch junge Menschen, kaum älter als ich, manche jünger. Elitedenken ad absurdum. Dann doch auch härtere Sachen…Wein, Schnaps, Wodka. Es schlägt ein Uhr. Früher Nachmittag.
„ALKOHOL, ALKOHOL, ALKOHOL“
Es geht bergab…Talfahrt und keiner zieht die Notbremse. Hauptsache weit weg, so dass man es nicht sehen muss. Dabei ist es ganz nah. Ich zerreiße meinen Zettel in lauter kleine Schnipsel, werfe sie in die Luft und sie rieseln langsam wie Schnee zu Boden. Eine Taube stürzt sich verwirrt auf die Einzelteile, während ich zielstrebig weitergehe.

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