Donnerstag, 26. Juni 2008

Familienglück/Kindersegen

Donnerstag, 26. Juni, München

Der Tag nach der großen Party. Was da gestern bzw. heute Nacht los war, war einfach unglaublich. Unbeschreiblich. Tausende schwitzende Leiber haben sich durch die große Straße gekämpft…dicht an dicht. Heute Morgen kehrt wieder die Realität ein. In der S-Bahn werfe ich zufällig einen Blick in die Zeitung…der U-Bahnschläger und daneben seine Freundin. „Ja, wir wollen heiraten“. Ich begreife wieder einmal, dass ich anscheinend irgendetwas grundsätzlich falsch mache. Das Mädchen ist echt hübsch und ihr Typ ein brutaler Schläger. Verkehrte Welt. Ich bekomme wieder dieses Gefühl, bei dem mir klar wird: „Öffentlichkeit macht sexy!“ Anders kann ich das schon gar nicht mehr erklären. Auf dem Weg zum Burger King überlege ich, ob ich nicht auch mal jemanden in der U-Bahn verprügeln sollte…einfach mal so und dann schauen, was passiert. Ich lasse das natürlich sein. Im Schnellrestaurant scheint vor mir jemand ein Haus zu kaufen…zumindest kann der Erwerb einer eigenen Immobilie auch nicht länger dauern. Meine Mutter hat mich beauftragt bei Tchibo eine Spieluhr für das in zwei Monaten erwartete Kind meiner Cousine zu kaufen. Die ist drei Jahre jünger als ich und bekommt nun ein Kind. Ich erinnere mich, wie ich ihr damals Lesen beigebracht habe und wir gemeinsam gespielt haben. Nun wird sie selbst Mutter…die Zeit vergeht…ich werde alt.
„Darf man schon zur Vaterschaft gratulieren?“, fragt die Verkäuferin hinter der Theke frech. Ich verneine, sage ihr, dass die Spieluhr ein Geschenk sei, packe sie hektisch in meinen Rucksack und verlasse den Laden. Draußen auf der Straße bin ich zunächst etwas verwirrt. Es beginnt auch noch zu regnen.

Es war eine rauschende Ballnacht

Mittwoch, 25. Juni, München

Deutschland spielt…ich habe Karten fürs Kabarett…Georg Schramm. Unglaublich. Verfallen lassen will ich das Ticket auch nicht, war zu teuer…also hin. Schon auf dem Weg ist die Leopoldstraße brechend voll...Menschen, Leinwände, Flaggen. Krass…später bricht hier die sogenannte Hölle auf uns herein. Der Abend ist nett, wir haben Radio und sind immer wieder akustisch mit dem Spielgeschehen verbunden. In der Pause kurz nach draußen. Die Leute kleben vor den Flat-Screens. „Weltweite Bildstörung“… nur in der Schweiz nicht. Großartig. Béla Réthy ist am Zug…er könnte eine Legende werden, doch das kann oder will er scheinbar nicht. Es ist schrecklich, die Fans pfeifen, fluchen und schimpfen wie verrückt. Was für ein Abend. Das Spiel ist vorbei. Um halb zwölf rein ins Getümmel. „Was geht?“ – „Da geht einiges!“. Vom Lustspielhaus bis zur Leo – das dauert heute gefühlte zwei Stunden. Dort noch einen Trinken gehen, kann man knicken…alles überfüllt. Ein Fahnenmeer…Frauen, auch türkische, tanzen auf den Bänken. Was für eine Sommernacht. Es dauert ewig, sich durchzukämpfen und auf dem Weg zu irgendeiner U-Bahn, irgendwo in der Stadt noch drei Freunde getroffen…vom Olympiastadion zu Fuß bis nach Schwabing…Respekt. „Ausm Kabarett? Heute Abend?“ – „Ja, was hätt ich denn machen sollen?“ – „Wie bitter!“ – „Dankeschön!“ Den Typ, der auf die Ampel geklettert ist und nun nicht mehr runterkommt, hätte man fotografieren müssen. Unter ihm ist beim Aufstieg die halbe Ampelanlage abgebrochen, aber er hat eben den besten Ausblick. Überall höre ich das Geräusch von splitterndem Glas. Kaum vorstellbar, dass in wenigen Stunden hier wieder Autos fahren sollen.
Am Morgen danach ist die Leopoldstraße wieder befahrbar. Die Scherben sind, von winzigen Splittern einmal abgesehen, nahezu vollständig beseitigt worden. Gute Arbeit. Ab und an stehen noch leere Bierflaschen in der Gegend herum. An ihnen perlen die letzten Tropfen des großen Regens, der in der Nacht noch kam, langsam ab und glitzern dabei in der Sonne. Der Typ auf der Ampel ist verschwunden…hat es wohl doch geschafft. Was bleibt ist die demolierte Verkehrsregelanlage. Was für ein Fußballfest…bis Sonntag dann. Als ich die Uni betrete, habe ich vergessen, was heute eigentlich für ein Tag ist.

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