Donnerstag, 3. Juli 2008

Andrea

Donnerstag, 03. Juli, München

Der gestrige Tag wirkt nach. Abends hat es dann wie verrückt zu regnen begonnen. Ein richtiger Wolkenbruch. Doch es war warm, weshalb wir unter dem riesigen Sonnenschirm trotzdem draußen im Biergarten sitzen konnten. Bei Kracht war mir gestern noch aufgefallen, dass „New Wave“ noch original verpackt war. Er musste es zuvor gekauft haben…oder am Flughafen. Sein Hemd hatte hinten zwei Löcher, die wie Einschusslöcher aussahen, waren sie doch an den Rändern leicht dunkel ausgefranst…nur kleiner. Eben ein Dandy.
Nachmittags, vor dem großen regen, sitze ich wieder einmal auf dem Rad. Dabei denke ich an Andrea, die ich in Budapest kennen gelernt hatte. Wenn ich versuche den Kopf frei zu machen und alles auszublenden, dann kommen mir immer die seltsamsten Dinge in den Sinn. Das ist eben so. Andrea war plötzlich einfach da…sie hat an diesem Abend ihr erstes Bier getrunken, was man auch schnell gemerkt hat. Sie war zum Studieren in Budapest, kommt ursprünglich aber aus Sankt Petersburg. Ihr Deutsch war sehr gut, allerdings war sie nicht immer gut zu verstehen, da es in der Studentenkneipe irrsinnig laut war. Konversation gab es trotzdem. Sie mochte die Jungs aus Deutschland. Es gab noch einen weiteren Abend, an dem wir uns gesehen haben. Sie hat mir da dann sogar eine ihrer Freibier-Getränkemarken gegeben. Das war sehr nett von ihr. Dann kam der Abschied leider sehr plötzlich und ich registrierte, dass ich sie niemals wieder sehen würde. Eigentlich schade…Die Kneipe, in der unsere letzte Begegnung stattfand, war übrigens dieselbe, in der ich später auch den Leuchtfinger-Verkäufer getroffen habe. Glow in the dark. Tja, so was fällt mir eben immer dann ein, wenn ich Rad fahre. Es ist, als würde ich in einer anderen Welt auf einer anderen Bewusststeinsebene schweben.

Christian Kracht

Mittwoch, 02. Juli, München

Frühmorgens klingelt das Telefon meines Dozenten. Kracht ist dran…höchstpersönlich. Wir rechnen alle noch mit einer Absage, doch der Autor wünscht nur eine Kanne Kaffee…schwarz, ohne Zucker. Dreißig Minuten später betritt er unseren Seminarraum. In der Hand trägt er eine braune Papiertüte mit zwei Trageschlafen, sein eigenes Buch „New Wave“ und ein gebundenes Manuskript von „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, aus dem er gleich lesen wird.
Vor mir sitzt ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters. Seine Gesichtszüge sind scharf, die Haut selbst allerdings matt und eingefallen. Er wirkt leicht ausgezehrt, müde und verbraucht. Im Verlauf der Lesung wird Kracht munterer, er leert die Kaffeekanne, liest aufmerksam und wirkt jetzt hellwach. Sein Blick streift unsere Runde, von acht Studenten. Er sei nervös, habe so etwas noch nie zuvor gemacht, sagt er. Ich weiß, dass es Simulation sein könnte. Ich hatte ja meine Bedenken, kannte ihn nur aus den Medien, seinen Büchern und aus der Zeitung. Vor mir sitzt ein intelligenter, grundsympathischer Mann, ohne Starallüren. Er ist einfach nett. Später gehen wir mit ihm in ein Cafe um eine kleine Stärkung zu uns zu nehmen. Leider ruft ein Freund an, teilt ihm mit, dass er den Flieger um zwölf Uhr nach Frankfurt nehmen müsse. Kracht muss leider gleich los…schade eigentlich. Was bleibt ist ein Gruppenfoto des Seminars mit ihm, die Erinnerung an einen einmaligen Vormittag und ein paar signierte Bücher. Ich habe den „Gelben Bleistift“ dabei, den ich mir von Sophie geliehen habe. Ich lasse es für sie signieren…Kracht kritzelt tatsächlich „Für die liebe Sophie“ auf eine der ersten Seiten. „Faserland“ signiert er für mich. Seine Schrift sieht aus wie die eines Kindes. Ich bin beinahe gerührt. Dann steht Christian Kracht auf, verbeugt sich noch einmal vor uns und verschwindet schließlich. Ganz natürlich und unspektakulär. Ein großer Künstler eben. Wir sitzen noch etwas zusammen und diskutieren das Geschehene. Am Abend blättere ich noch einmal in beiden Büchern und die Unterschriften sind tatsächlich noch da…alles war real.

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