Donnerstag, 11. Dezember 2008

Knochenkrebs

Dienstag, 09. Dezember, München

Ein kleines Mädchen sitzt auf der Schaukel und schwingt leicht hin und her. Mit beiden Händen hat sie die Stahlketten, die die kleine Plastiksitzschale halten fest umklammert. Die Finger stecken in dunkelroten Handschuhen, der Blick fällt starr zu Boden und Atemluft wird in der Kälte dieses Dezembertages zu aus ihrem Mund aufsteigendem Rausch. Die bunte, von der Mutter selbst gestrickte Wollmütze sitzt ein wenig schief auf dem Kopf. Ein kalter Wind umweht die Gestalt des kleinen Mädchens und legt sich wie Eis auf die Haut ihrer zarten Wangen. Diagnose Leukämie. Sie sieht traurig aus, dürfte eigentlich nicht hier sitzen, sondern müsste drinnen bleiben und sich schonen. Sie will Schnee fühlen. Vor einige Wochen war das Draußen weiß gezuckert, alles Grün winterlich eingepackt.
Da war sie im Krankenhaus, zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Wieder Untersuchungen, wieder Therapie. Als sie dann nach Hause kam, war der ganze Schnee geschmolzen. Dabei liebt sie das weiche, angenehme Schneegefühl, zerreibt gerne Eiskristalle zwischen den Fingern oder hält sich Schneebälle an die Backen. Kalt und weich. Ihre Mutter kommt aus dem Haus, hat die Kleine überall gesucht, denn das Mittagessen steht auf dem Tisch. “Ich warte auf Schnee!”, lautet die leise Antwort des Mädchens. Nach kurzer Diskussion steht sie von ihrer Schaukel auf und trabt langsam ins Haus, wo die Mutter einen großen Teller Spaghetti vorbereitet hat.
Krankenhäuser gehören zu ihrem Alltag und sind für sie beinahe das, was die morgentliche Tasse Kaffee für den Angestellten im Büro ist. So viele Untersuchungen, so viele Diagnosen, so viele Therapien und so wenig Heilung. Stillstand. Im Moment geht es ihr etwas besser. Sie will dann immer nach draußen, die frische Luft atmen, den Wandel der Natur erleben und den Rückzug der Tiere und Pflanzen beobachten. Der Krebs hat sie in ihren jungen Jahren physisch sehr stark gemacht, aber körperlich äußerst geschwächt. Wenn andere Kinder spielen und herumtollen, kann sie nur stumm zusehen, eingesperrt in ihrer eigenen Welt. Die Fensterscheibe markiert die Grenze zum Außen. Trotzdem wirkt sie eigentlich ganz gesund. Das war 2007.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war das Mädchen tot. Der Krebs, gegen den sie so lange gekämpft hatte, war schließlich stärker gewesen. Sie war noch wie im Rausch vom Glanz und Glück des Heiligen Abend und des ersten Feiertages. Am Vormittag dieses 26. Dezember hatte es zu schneien begonnen. Sie raus ins Freie. Mit ihren Stiefeln hinterließ sie einzelne Fußabdrücke, wie zum Zeichen, dass sie draußen war. Abends fühlte sie sich schwach und schwindlig, zitterte am ganzen Körper, bekam Fieber. Die Mutter trug sie in ihr Bett und deckte sie zu. Dann schlief sie langsam ein, ohne wieder zu erwachen. Ihre Eltern saßen spät noch spät mit verweinten Augen auf der Couch. Den ganzen Tag über hatte es stark geschneit und erst aufgehört, als das kleine Mädchen für immer gegangen war. Draußen unter der weißen Pracht sind ihre Fußabdrücke immer noch vorhanden, wenn auch unsichtbar.

Be here now

Montag, 08. Dezember, München

Gerade eben jetzt stehe ich am Bahnhof. Es ist früh, verdammt früh, zu früh. Menschen hasten eilig an mir vorüber, es ist noch dunkel. Gerade eben jetzt fährt auf einem Gleis eine S-Bahn in den Bahnhof ein, auf einem anderen verlässt ein Zug den Bahnhof. Hellblaue Blitze zucken durch den frühen Morgen...es knistert. Der Stromabnehmer verschmilzt mit den Kabeln der Oberleitung, die vor klirrender Kälte starren. Darum sprühen blaue Funden durch die Düsternis des frühen Tages. Gerade eben jetzt steige ich in einen Zug ein, der den Bahnhof auf seinem Gleis verlassen wird und zur nächsten Station fährt. Mein Wagen ist überfüllt, weshalb ich keinen Sitzplatz mehr bekomme. Ich muss stehen...gerade eben jetzt.
“Be here now” ist ein Experiment, womit man die Konzentration verbessern kann. Wenn die Gedanken sich auf die Reise machen, man selbst abdriftet irgendwohin, dann sagt man sich einfach “Be here now” und findet zu sich selbst zurück. Funktioniert das wirklich? Schulterzucken.
Ich gehe nach drinnen, um mich aufzuwärmen nach dem Schneeräumen. Kalt war es geworden, Schnee war gefallen und Räumfahrzeuge sind unterwegs um die weiße Pracht wieder zu beseitigen. Sie fragt, ob ich Tee mit einem Schuss Rum möchte. Ich sage ja und sie geht ab in die Küche. Das kleine Zimmer ist spärlich eingerichtet, die Möbel scheinen aus grauer Vorzeit und die Tapete aus dem Mittelalter. Mindestens. In der Ecke brennt eine Lampe einsam vor sich hin. Ansonsten ist es nahezu ganz dunkel. Auch draußen macht die Helligkeit langsam Platz, da der Abend näher rückt. Der Tee kommt. Die alte Frau bringt ihn stolz auf einem silbernen Tablett. Dampfschwaden steigen von der Tasse hoch an die Decke.
Ich stelle fest, dass es sich um Rum mit einem Schuss Tee zu handeln scheint. Man ist der stark. Ich stelle mein Lächeln zur Schau, obwohl es mir im Gesicht einzufrieren droht, mache gute Mine zum bösen Spiel und nippe kräftig an der Tasse. Eigentlich nicht mehr fahrtüchtig verlasse ich das Haus der alten Dame nach dreißig Minuten wieder und schwinge mich auf mein Fahrrad. Ich rutsche...es hat angezogen, Frost legt sich über den Asphalt. Irgendwie komme ich gutgelaunt nach Hause...das mag am Rum liegen. Ausschließlich. Gerade eben jetzt! Nein, diese Geschichte hat sich bereits vor vier Jahren ereignet, damals während dem Zivildienst. “Be here now”. Reiß dich zusammen, komm zurück ins Jetzt. Subito.

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