Knochenkrebs
Dienstag, 09. Dezember, München
Ein kleines Mädchen sitzt auf der Schaukel und schwingt leicht hin und her. Mit beiden Händen hat sie die Stahlketten, die die kleine Plastiksitzschale halten fest umklammert. Die Finger stecken in dunkelroten Handschuhen, der Blick fällt starr zu Boden und Atemluft wird in der Kälte dieses Dezembertages zu aus ihrem Mund aufsteigendem Rausch. Die bunte, von der Mutter selbst gestrickte Wollmütze sitzt ein wenig schief auf dem Kopf. Ein kalter Wind umweht die Gestalt des kleinen Mädchens und legt sich wie Eis auf die Haut ihrer zarten Wangen. Diagnose Leukämie. Sie sieht traurig aus, dürfte eigentlich nicht hier sitzen, sondern müsste drinnen bleiben und sich schonen. Sie will Schnee fühlen. Vor einige Wochen war das Draußen weiß gezuckert, alles Grün winterlich eingepackt.
Da war sie im Krankenhaus, zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Wieder Untersuchungen, wieder Therapie. Als sie dann nach Hause kam, war der ganze Schnee geschmolzen. Dabei liebt sie das weiche, angenehme Schneegefühl, zerreibt gerne Eiskristalle zwischen den Fingern oder hält sich Schneebälle an die Backen. Kalt und weich. Ihre Mutter kommt aus dem Haus, hat die Kleine überall gesucht, denn das Mittagessen steht auf dem Tisch. “Ich warte auf Schnee!”, lautet die leise Antwort des Mädchens. Nach kurzer Diskussion steht sie von ihrer Schaukel auf und trabt langsam ins Haus, wo die Mutter einen großen Teller Spaghetti vorbereitet hat.
Krankenhäuser gehören zu ihrem Alltag und sind für sie beinahe das, was die morgentliche Tasse Kaffee für den Angestellten im Büro ist. So viele Untersuchungen, so viele Diagnosen, so viele Therapien und so wenig Heilung. Stillstand. Im Moment geht es ihr etwas besser. Sie will dann immer nach draußen, die frische Luft atmen, den Wandel der Natur erleben und den Rückzug der Tiere und Pflanzen beobachten. Der Krebs hat sie in ihren jungen Jahren physisch sehr stark gemacht, aber körperlich äußerst geschwächt. Wenn andere Kinder spielen und herumtollen, kann sie nur stumm zusehen, eingesperrt in ihrer eigenen Welt. Die Fensterscheibe markiert die Grenze zum Außen. Trotzdem wirkt sie eigentlich ganz gesund. Das war 2007.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war das Mädchen tot. Der Krebs, gegen den sie so lange gekämpft hatte, war schließlich stärker gewesen. Sie war noch wie im Rausch vom Glanz und Glück des Heiligen Abend und des ersten Feiertages. Am Vormittag dieses 26. Dezember hatte es zu schneien begonnen. Sie raus ins Freie. Mit ihren Stiefeln hinterließ sie einzelne Fußabdrücke, wie zum Zeichen, dass sie draußen war. Abends fühlte sie sich schwach und schwindlig, zitterte am ganzen Körper, bekam Fieber. Die Mutter trug sie in ihr Bett und deckte sie zu. Dann schlief sie langsam ein, ohne wieder zu erwachen. Ihre Eltern saßen spät noch spät mit verweinten Augen auf der Couch. Den ganzen Tag über hatte es stark geschneit und erst aufgehört, als das kleine Mädchen für immer gegangen war. Draußen unter der weißen Pracht sind ihre Fußabdrücke immer noch vorhanden, wenn auch unsichtbar.
Ein kleines Mädchen sitzt auf der Schaukel und schwingt leicht hin und her. Mit beiden Händen hat sie die Stahlketten, die die kleine Plastiksitzschale halten fest umklammert. Die Finger stecken in dunkelroten Handschuhen, der Blick fällt starr zu Boden und Atemluft wird in der Kälte dieses Dezembertages zu aus ihrem Mund aufsteigendem Rausch. Die bunte, von der Mutter selbst gestrickte Wollmütze sitzt ein wenig schief auf dem Kopf. Ein kalter Wind umweht die Gestalt des kleinen Mädchens und legt sich wie Eis auf die Haut ihrer zarten Wangen. Diagnose Leukämie. Sie sieht traurig aus, dürfte eigentlich nicht hier sitzen, sondern müsste drinnen bleiben und sich schonen. Sie will Schnee fühlen. Vor einige Wochen war das Draußen weiß gezuckert, alles Grün winterlich eingepackt.
Da war sie im Krankenhaus, zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Wieder Untersuchungen, wieder Therapie. Als sie dann nach Hause kam, war der ganze Schnee geschmolzen. Dabei liebt sie das weiche, angenehme Schneegefühl, zerreibt gerne Eiskristalle zwischen den Fingern oder hält sich Schneebälle an die Backen. Kalt und weich. Ihre Mutter kommt aus dem Haus, hat die Kleine überall gesucht, denn das Mittagessen steht auf dem Tisch. “Ich warte auf Schnee!”, lautet die leise Antwort des Mädchens. Nach kurzer Diskussion steht sie von ihrer Schaukel auf und trabt langsam ins Haus, wo die Mutter einen großen Teller Spaghetti vorbereitet hat.
Krankenhäuser gehören zu ihrem Alltag und sind für sie beinahe das, was die morgentliche Tasse Kaffee für den Angestellten im Büro ist. So viele Untersuchungen, so viele Diagnosen, so viele Therapien und so wenig Heilung. Stillstand. Im Moment geht es ihr etwas besser. Sie will dann immer nach draußen, die frische Luft atmen, den Wandel der Natur erleben und den Rückzug der Tiere und Pflanzen beobachten. Der Krebs hat sie in ihren jungen Jahren physisch sehr stark gemacht, aber körperlich äußerst geschwächt. Wenn andere Kinder spielen und herumtollen, kann sie nur stumm zusehen, eingesperrt in ihrer eigenen Welt. Die Fensterscheibe markiert die Grenze zum Außen. Trotzdem wirkt sie eigentlich ganz gesund. Das war 2007.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war das Mädchen tot. Der Krebs, gegen den sie so lange gekämpft hatte, war schließlich stärker gewesen. Sie war noch wie im Rausch vom Glanz und Glück des Heiligen Abend und des ersten Feiertages. Am Vormittag dieses 26. Dezember hatte es zu schneien begonnen. Sie raus ins Freie. Mit ihren Stiefeln hinterließ sie einzelne Fußabdrücke, wie zum Zeichen, dass sie draußen war. Abends fühlte sie sich schwach und schwindlig, zitterte am ganzen Körper, bekam Fieber. Die Mutter trug sie in ihr Bett und deckte sie zu. Dann schlief sie langsam ein, ohne wieder zu erwachen. Ihre Eltern saßen spät noch spät mit verweinten Augen auf der Couch. Den ganzen Tag über hatte es stark geschneit und erst aufgehört, als das kleine Mädchen für immer gegangen war. Draußen unter der weißen Pracht sind ihre Fußabdrücke immer noch vorhanden, wenn auch unsichtbar.
bflo - 11. Dez, 23:52
