Austauschbar
Mittwoch, 10. Dezember, München
Um diese Zeit Anfang Dezember 2007 stand ich in der Schlange vor der Kneipe “Substanz” und habe auf den Einlass gewartet. Die Reihe derer, die mit mir stehen und warten ist lange. Sarah Kuttner moderierte am Rande des Poetry Slams für irgendeine Sendung des WDR durch den Abend. Draußen war während des Tages bereits etwas Schnee gefallen, aber abends hatte es aufgehört und war kalt geworden, richtig kalt. Ein Viehtransporter rauschte durch die Nacht. Zunächst hörte man nur das Quieken der Schweine, das aus dem Lastwageninneren nach draußen drang, aber wenig später war auch der Geruch wahrnehmbar. Es roch nach Sau. Voll fahren sie in die eine, leer in die andere Richtung. Denn dort hinten, nicht sichtbar in der Ferne, liegt der städtische Schlachthof. Ich schien unendlich lange auf Einlass zu warten, mir wurde kalt an den Füßen und die Oberschenkel fühlten sich auf einmal ganz klamm an. Sicher waren sie unter dem Jeansstoff ganz rot geworden. Ich wippte auf und ab, rieb mir die Beine, um etwas warm zu werden. Dann schließlich war ich drin und die Show konnte beginnen. Circus Maximus.
Und so werde ich auch kommenden Sonntag draußen stehen und in der Schlange frieren. Die Menschenreihe wird wieder so lange sein, dass sie bis zum U-Bahn Eingang reicht. Mir wird wieder kalt sein und es wird womöglich wieder schneien. Wieder ein Tag im Dezember. Es wird ein Jahr vergangen sein, 12 Monate, 366 Tage, denn wir haben ja Schaltjahr. Es wird sich nichts verändert haben.
Der Abend scheint austauschbar mit dem im letzten Jahr. Es scheint, dass sich weder das Drumherum noch ich mich verändert habe. Alles ist beliebig kombinierbar, beliebig ummontierbar, beliebig zu vertauschen. Einzig ein anderer Himmel wird sich über mir erheben. Aber ist das dann auch wirklich ein anderer Himmel. Ich jedenfalls werde derselbe sein. Und doch: Man hat weiter gelebt, Tage, Stunden und Minuten verbraucht und abgetragen. Die Kleidung, die ich trage wird bestenfalls die gleiche, aber keinesfalls dieselbe sein. Oder doch? Ich bin verwirrt. Ich habe mich in der Welt bewegt, Dinge sind passiert, die äußeren Parameter haben gewechselt. Dennoch werde ich dort stehen, ohne gravierende persönliche Veränderung. Ich bin älter geworden, na gut, aber die Schlange und die Menschen werden immer noch da sein. Aber sie sind andere. SIE haben sich verändert, sind verschwunden und durch Neue ersetzt worden. Dann werde ich trotzdem weder ein Teil dieser kleinen Gemeinschaft auf Zeit sein, die draußen friert und an der ein mit Schweinen vollbesetzter Viehtransporter vorbei durch die Nacht zum Schlachthof rollt.
Um diese Zeit Anfang Dezember 2007 stand ich in der Schlange vor der Kneipe “Substanz” und habe auf den Einlass gewartet. Die Reihe derer, die mit mir stehen und warten ist lange. Sarah Kuttner moderierte am Rande des Poetry Slams für irgendeine Sendung des WDR durch den Abend. Draußen war während des Tages bereits etwas Schnee gefallen, aber abends hatte es aufgehört und war kalt geworden, richtig kalt. Ein Viehtransporter rauschte durch die Nacht. Zunächst hörte man nur das Quieken der Schweine, das aus dem Lastwageninneren nach draußen drang, aber wenig später war auch der Geruch wahrnehmbar. Es roch nach Sau. Voll fahren sie in die eine, leer in die andere Richtung. Denn dort hinten, nicht sichtbar in der Ferne, liegt der städtische Schlachthof. Ich schien unendlich lange auf Einlass zu warten, mir wurde kalt an den Füßen und die Oberschenkel fühlten sich auf einmal ganz klamm an. Sicher waren sie unter dem Jeansstoff ganz rot geworden. Ich wippte auf und ab, rieb mir die Beine, um etwas warm zu werden. Dann schließlich war ich drin und die Show konnte beginnen. Circus Maximus.
Und so werde ich auch kommenden Sonntag draußen stehen und in der Schlange frieren. Die Menschenreihe wird wieder so lange sein, dass sie bis zum U-Bahn Eingang reicht. Mir wird wieder kalt sein und es wird womöglich wieder schneien. Wieder ein Tag im Dezember. Es wird ein Jahr vergangen sein, 12 Monate, 366 Tage, denn wir haben ja Schaltjahr. Es wird sich nichts verändert haben.
Der Abend scheint austauschbar mit dem im letzten Jahr. Es scheint, dass sich weder das Drumherum noch ich mich verändert habe. Alles ist beliebig kombinierbar, beliebig ummontierbar, beliebig zu vertauschen. Einzig ein anderer Himmel wird sich über mir erheben. Aber ist das dann auch wirklich ein anderer Himmel. Ich jedenfalls werde derselbe sein. Und doch: Man hat weiter gelebt, Tage, Stunden und Minuten verbraucht und abgetragen. Die Kleidung, die ich trage wird bestenfalls die gleiche, aber keinesfalls dieselbe sein. Oder doch? Ich bin verwirrt. Ich habe mich in der Welt bewegt, Dinge sind passiert, die äußeren Parameter haben gewechselt. Dennoch werde ich dort stehen, ohne gravierende persönliche Veränderung. Ich bin älter geworden, na gut, aber die Schlange und die Menschen werden immer noch da sein. Aber sie sind andere. SIE haben sich verändert, sind verschwunden und durch Neue ersetzt worden. Dann werde ich trotzdem weder ein Teil dieser kleinen Gemeinschaft auf Zeit sein, die draußen friert und an der ein mit Schweinen vollbesetzter Viehtransporter vorbei durch die Nacht zum Schlachthof rollt.
bflo - 12. Dez, 23:48
