Dienstag, 9. Dezember 2008

Sie ist weg

Sonntag, 07. Dezember, München

Der Tag an dem...Am Vormittag fahre ich zum letzten Mal die Katze besuchen. Sie lebt immer noch alleine in dem leer stehenden Haus. Auf Dauer kein Zustand, vier Wochen sind eine lange Zeit, beinahe schon zu lange. Ein letztes Mal sperre ich behutsam die Eingangstüre auf, um das Tier nicht zu erschrecken. Ich betrete die schmale Diele und das Tier schleicht langsam vorüber. Strahlend helle Katzenaugen gucken mich neugierig an. Ein schrilles “Miau” verrät den Wunsch nach Futter. So geschieht es. Der Kater frisst und ist zufrieden. Es knirscht unter meinen Socken und ich bin in Reste von Katzenstreu getreten, die überall im Flur verteilt liegen. So ein Tier schleppt das zwischen und unter seinen Pfoten überall mit hin. Ich angle nach der kleinen Stoffmaus und drücke sie fest in der Hand. Es quietscht. Die Katze will spielen. Ich nehme den kleinen Stoffball, der an einer elastischen Gummischnur befestigt ist und schwinge ihn sanft vor den Augen des Katers hin und her. Der springt sofort darauf an, greift mit den Pfoten nach dem Stoffdings und jongliert es wild hin und her. Das Tier braucht dringend mehr Zuneigung, will gestreichelt werden, giert nach Berührung. Dann kommen die neuen Besitzer.
Endlich war es mir gelungen das Tier gut weiterzuvermitteln. Selbst kann ich es ja nicht in der Wohnung halten, denn es braucht Auslauf. Zudem: Dritter Stock. Über Zufälle, die es eigentlich sonst nur im Theater oder im Film gibt, hat sich ein neuer Besitzer für den Kater gemeldet. Ein Pärchen, er etwas älter als sie, kommt um das Tier abzuholen. Ich bin zufrieden. Beide machen einen guten Eindruck, haben selbst eine Katze, viel Erfahrung mit Tieren und ein großes Grundstück für enormen Auslauf. Er wird es gut haben. Ich habe dem Toten versprochen, dass sie Katze gut unterkommt. Das ist nun passiert. Und so scheint mit der Katze auch ein weiterer Teil des Verstorbenen für immer aus diesem Haus zu verschwinden. Etwas löst sich auf. Man verspricht mir, dass wir in Kontakt bleiben, ehe der Kater mit dem Transportkorb auf dem Beifahrersitz landet. Ich habe ein gutes Gefühl. Den Abschied habe ich sehr schnell und ohne Trauer vollzogen. Dennoch bin ich ein wenig betrübt. Dann braust das Auto davon, hinein in die Nacht, die langsam den Tag verdrängt. Der Kater wird es dort besser haben als hier, in einem toten Haus, das ja auch das Haus eines Toten ist. Stille herrscht drinnen, als ich zurückkomme. Nun ist es gänzlich leer, ausgestorben. Ich lösche alle Lichter und sperre die Haustüre zweimal ab. Dann setze ich mich auf mein Fahrrad. Wieder jemanden glücklich gemacht. Das Tier und die neuen Besitzer. Wer macht mich glücklich? “Die wunderbare Welt des...”. Ich habe ein gutes Gefühl. Hochzufrieden und auch ein wenig stolz fahre ich durch die Dunkelheit. Ich habe einmal mehr alles richtig gemacht, einen der letzten Wünsche des Toten erfüllt. Etwas geht zu Ende. Ich spüre es deutlich, als das Haus langsam hinter mir in Finsternis versinkt.

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