Be here now

Montag, 08. Dezember, München

Gerade eben jetzt stehe ich am Bahnhof. Es ist früh, verdammt früh, zu früh. Menschen hasten eilig an mir vorüber, es ist noch dunkel. Gerade eben jetzt fährt auf einem Gleis eine S-Bahn in den Bahnhof ein, auf einem anderen verlässt ein Zug den Bahnhof. Hellblaue Blitze zucken durch den frühen Morgen...es knistert. Der Stromabnehmer verschmilzt mit den Kabeln der Oberleitung, die vor klirrender Kälte starren. Darum sprühen blaue Funden durch die Düsternis des frühen Tages. Gerade eben jetzt steige ich in einen Zug ein, der den Bahnhof auf seinem Gleis verlassen wird und zur nächsten Station fährt. Mein Wagen ist überfüllt, weshalb ich keinen Sitzplatz mehr bekomme. Ich muss stehen...gerade eben jetzt.
“Be here now” ist ein Experiment, womit man die Konzentration verbessern kann. Wenn die Gedanken sich auf die Reise machen, man selbst abdriftet irgendwohin, dann sagt man sich einfach “Be here now” und findet zu sich selbst zurück. Funktioniert das wirklich? Schulterzucken.
Ich gehe nach drinnen, um mich aufzuwärmen nach dem Schneeräumen. Kalt war es geworden, Schnee war gefallen und Räumfahrzeuge sind unterwegs um die weiße Pracht wieder zu beseitigen. Sie fragt, ob ich Tee mit einem Schuss Rum möchte. Ich sage ja und sie geht ab in die Küche. Das kleine Zimmer ist spärlich eingerichtet, die Möbel scheinen aus grauer Vorzeit und die Tapete aus dem Mittelalter. Mindestens. In der Ecke brennt eine Lampe einsam vor sich hin. Ansonsten ist es nahezu ganz dunkel. Auch draußen macht die Helligkeit langsam Platz, da der Abend näher rückt. Der Tee kommt. Die alte Frau bringt ihn stolz auf einem silbernen Tablett. Dampfschwaden steigen von der Tasse hoch an die Decke.
Ich stelle fest, dass es sich um Rum mit einem Schuss Tee zu handeln scheint. Man ist der stark. Ich stelle mein Lächeln zur Schau, obwohl es mir im Gesicht einzufrieren droht, mache gute Mine zum bösen Spiel und nippe kräftig an der Tasse. Eigentlich nicht mehr fahrtüchtig verlasse ich das Haus der alten Dame nach dreißig Minuten wieder und schwinge mich auf mein Fahrrad. Ich rutsche...es hat angezogen, Frost legt sich über den Asphalt. Irgendwie komme ich gutgelaunt nach Hause...das mag am Rum liegen. Ausschließlich. Gerade eben jetzt! Nein, diese Geschichte hat sich bereits vor vier Jahren ereignet, damals während dem Zivildienst. “Be here now”. Reiß dich zusammen, komm zurück ins Jetzt. Subito.

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