Sonntag, 7. Dezember 2008

Eine Art Robin Hood

Samstag, 06. Dezember, München

Der kleine Transporter huscht unscheinbar über den schwarzen Asphalt. Mit der letzten Fuhre dieses langen Tages ist er an diesem späten Abend unterwegs. Der Berufsverkehr ist verebbt, die Straßen sind frei, kaum noch Autos sind unterwegs. Es ist seine Freizeit, die er hier zur Verfügung stellt und die Menschen danken es ihm. Nach der Arbeit klappert er mit einem kleinen Lieferwagen die Supermärkte der näheren Umgebung ab und sammelt übrig gebliebene Lebensmittel ein. Man gibt sie ihm gerne. Die Supermarktangestellten kennt er zumeist beim Vornamen, man grüßt sich und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis. Sie schätzen ihn, der eine private “Tafel” aufgebaut hat und im Einmannbetrieb Lebensmittel an alte und bedürftige Menschen liefert. Dafür nimmt er kein Geld, denn alles Essbare sind Spenden der Supermärkte, die Dinge nahe dem Verfallsdatum wegwerfen müssen. Er hingegen nimmt sie gerne, denn andere Leute freuen sich. Dreimal die Woche ist er bei den Lebensmittelmärkten, aber jeden Tag bei den Bedürftigen zu Hause. Er klingelt und man macht ihm auf. Dann strahlt ihm eigentlich immer ein breites Lächeln entgegen und das freut ihn. Man reicht ihm eine Liste mit den nötigsten Dingen, die gebraucht werden und er geht zum Wagen, um eine Kiste mit Lebensmitteln zusammenzustellen. Ein paar weitere Minuten bleiben dann noch für ein bisschen Klatsch und Tratsch. Für die meisten der Bedürftigen ist er der rettende Engel, der sich auch verbal ihrer Sorgen und Nöte annimmt.
Die Weihnachtszeit rückt näher, die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Dann verwandelt er sich, spielt den Nikolaus für die Kinder, bringt ihnen ein paar Geschenke (alles Spenden) und hält ihnen ihre kleinen Sünden und Verfehlungen vor. Dann beginnen die Kinderaugen zu leuchten und auch er freut sich. Mit seinem Job kann er tagsüber gutes Geld verdienen, sodass er am Nachmittag und am Abend Zeit für sein Ehrenamt hat. Ohne Familie, ohne Frau und Kinder hat er sonst keinerlei Verpflichtungen. Er hilft den Armen, den Einsamen, eben denen, die am Rand der Gesellschaft leben müssen. Dabei ist er oft selbst einsam und traurig. Dann sitzt er mit einem Bier alleine daheim, starrt in den Fernseher und dankt nach über seine paradoxe Situation. Er hilft allen, ist der Sankt Martin seiner Kleinstadt, aber für ihn hat sich noch niemand gefunden. Abends müsste er reden, sollte seine Empfindungen und Eindrücke teilen, aber niemand wartet wenn er zur Türe hereinkommt. Daran denkt er auch jetzt, als er durch die Dunkelheit rast. Am Straßenrand steht eine junge Anhalterin. Er bleibt stehen, um sie mitzunehmen. Dann steigt sie ein und die Beifahrertür knallt zu. Wieder eine gute Tat, wieder jemandem geholfen. Der kleine Kastenwagen braust weiter durch die Nacht.

Wie gewonnen...

Freitag, 05. Dezember, München

5, 7, 34, 39 und 44...Boom, es knallt an einem Samstagabend! Gebannt sitzt er auf der Couch vor dem Fernsehapparat und kann sein Glück kaum fassen. Die Welt verschwimmt vor seinen Augen und er schaut abwechselnd zuerst auf den verknitterten Lottoschein und dann sofort wieder zum TV-Gerät. Es stimmt tatsächlich. Bei der Ziehung fällt jetzt noch die 15, die er leider nicht auf seinem Schein angekreuzt hat und auch die Zusatzzahl stimmt nicht mit seiner überein, aber fünf Richtige sind Wahnsinn. Der Hartz IV-Empfänger muss sich sofort setzen und stürzt ein volles Glas Wasser in einem Zug hinunter.
Den Sonntag verbring er alleine zu Hause, hält still und sagt zu keinem ein Wort.
Am Montag, ganz früh schon, betritt er die Lottoannahmestelle “Glückshafen” in Hamburg Altona. Dann verlässt er das Gebäude wieder, um 3834 Euro reicher. Er ist ein König. Die Taschen voller Geld schlendert er die lange Allee hinunter, bis er den kleinen Secound-Hand-Laden erreicht. Ein neuer Anzug, eine stattliche Hose und eine neue Seidenkrawatte. Bar bezahlt, versteht sich. Er ist ein neuer Mensch, fühlt sich frei und die Welt scheint ihm offen zu stehen. Was vorher eng und verschlossen war, ist jetzt weit und scheint grenzenlos offen. Er informiert seine Freunde, die wenigen die ihm noch geblieben waren. Er begleicht all seine Schulden, bezahlt Rechnungen und zerreißt Schuldschein um Schuldschein. Seine Sorgen werden weniger, aber auch sein Barvermögen beginnt zu schrumpfen. Doch die Rolle aus hellgrünen Scheinen fühlt sich noch dick und wohlgenährt an, liegt sie auch schwer in der Tasche. Er hat seine Freiheit. Dann trifft er auf der Straße zufällig einen alten Bekannten. Geld schuldet er ihm keines, aber dennoch erzählt er ihm von seinem Glück und dem unverhofften Geldsegen. Der Teufel in Menschengestalt redet auf den Glückspilz ein, schleift ihn in das nächste Casino und pflanzt ihn an einen Spieltisch. 17 + 4, Roulette und Poker...das ganze Programm. Da sitzt er, der Ahnungslose, und verspielt Euro um Euro. Mal gewinnt er ein paar Groschen zurück, aber der Einsatz ist hoch und zumeist ist der Glückspilz auf der Verliererstraße. Nach drei Stunden verlassen sie das Casino, treten hinaus auf die Straße, um etliche Euro ärmer. Der Teufel weicht von seinem Opfer, überlässt den Geschundenen wieder sich selbst. Der geht in seine Stammkneipe, mittlerweile war es Abend geworden, und stellt sich wie immer an den Tresen um noch ein paar Bier zu trinken und den Tag zu feiern. Etwas Geld ist ja noch übrig und er ist immer noch der König. Er zahlt seinen kompletten Deckel, eine stattliche Summe, und das Geld wird wieder weniger. Der Wirt ist überrascht, sieht er doch nach dreizehn Monaten Deckelschreiben wieder einmal Geld. Dann kommt ein weiterer Freund, fordert barsch eine Summe ein, die er dem Glücklichen vor einigen Wochen geliehen hat. Der händigt ihm die letzten grünen Scheine aus, sein letztes Geld, den letzten Teil des Lottogewinns. Nun hat er nichts weiter als ein paar Euro in der Tasche und ein bezahltes Bier vor sich auf dem Tresen. Trotzdem blickt er stolz nach vorn, die Zukunft kommt auf ihn zu. Er ist wieder so arm, wie zuvor, aber trotzdem zufrieden. Leicht, ja leicht fühlt er sich. Er nimmt die Flasche in die Hand, trinkt einen Schluck und zuckt die Schultern. Der Wirt lächelt.
Der Arme hat keine Sorgen, muss sich nicht mehr kümmern, dass sein Geld verloren geht.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6736 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren