Eine Art Robin Hood

Samstag, 06. Dezember, München

Der kleine Transporter huscht unscheinbar über den schwarzen Asphalt. Mit der letzten Fuhre dieses langen Tages ist er an diesem späten Abend unterwegs. Der Berufsverkehr ist verebbt, die Straßen sind frei, kaum noch Autos sind unterwegs. Es ist seine Freizeit, die er hier zur Verfügung stellt und die Menschen danken es ihm. Nach der Arbeit klappert er mit einem kleinen Lieferwagen die Supermärkte der näheren Umgebung ab und sammelt übrig gebliebene Lebensmittel ein. Man gibt sie ihm gerne. Die Supermarktangestellten kennt er zumeist beim Vornamen, man grüßt sich und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis. Sie schätzen ihn, der eine private “Tafel” aufgebaut hat und im Einmannbetrieb Lebensmittel an alte und bedürftige Menschen liefert. Dafür nimmt er kein Geld, denn alles Essbare sind Spenden der Supermärkte, die Dinge nahe dem Verfallsdatum wegwerfen müssen. Er hingegen nimmt sie gerne, denn andere Leute freuen sich. Dreimal die Woche ist er bei den Lebensmittelmärkten, aber jeden Tag bei den Bedürftigen zu Hause. Er klingelt und man macht ihm auf. Dann strahlt ihm eigentlich immer ein breites Lächeln entgegen und das freut ihn. Man reicht ihm eine Liste mit den nötigsten Dingen, die gebraucht werden und er geht zum Wagen, um eine Kiste mit Lebensmitteln zusammenzustellen. Ein paar weitere Minuten bleiben dann noch für ein bisschen Klatsch und Tratsch. Für die meisten der Bedürftigen ist er der rettende Engel, der sich auch verbal ihrer Sorgen und Nöte annimmt.
Die Weihnachtszeit rückt näher, die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Dann verwandelt er sich, spielt den Nikolaus für die Kinder, bringt ihnen ein paar Geschenke (alles Spenden) und hält ihnen ihre kleinen Sünden und Verfehlungen vor. Dann beginnen die Kinderaugen zu leuchten und auch er freut sich. Mit seinem Job kann er tagsüber gutes Geld verdienen, sodass er am Nachmittag und am Abend Zeit für sein Ehrenamt hat. Ohne Familie, ohne Frau und Kinder hat er sonst keinerlei Verpflichtungen. Er hilft den Armen, den Einsamen, eben denen, die am Rand der Gesellschaft leben müssen. Dabei ist er oft selbst einsam und traurig. Dann sitzt er mit einem Bier alleine daheim, starrt in den Fernseher und dankt nach über seine paradoxe Situation. Er hilft allen, ist der Sankt Martin seiner Kleinstadt, aber für ihn hat sich noch niemand gefunden. Abends müsste er reden, sollte seine Empfindungen und Eindrücke teilen, aber niemand wartet wenn er zur Türe hereinkommt. Daran denkt er auch jetzt, als er durch die Dunkelheit rast. Am Straßenrand steht eine junge Anhalterin. Er bleibt stehen, um sie mitzunehmen. Dann steigt sie ein und die Beifahrertür knallt zu. Wieder eine gute Tat, wieder jemandem geholfen. Der kleine Kastenwagen braust weiter durch die Nacht.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6736 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren