Donnerstag, 12. Juni 2008

Offenherzig

Mittwoch, 11. Juni, München

Francesco ist Italiener und liebt die Frauen. Ich beobachte ihn, während ich auf meine U-Bahn warte, was heute verhältnismäßig lange dauert. Es ist frühmorgens und auch Francesco steht auf dem Bahnsteig. Jetzt geht er auf ein ihm fremdes Mädchen, das auf einem der Bänke sitzt, zu und spricht es an. Ich denke mir zuerst, dass sich die junge Frau belästigt fühlen könnte und überlege ernsthaft, ob ich nicht eingreifen sollte. Doch Francesco ist höflich, nett, zuvorkommend und hat nichts Böses im Sinn. Es ist einfach seine Masche. Anscheinend sprechen beide dieselbe Sprache, denn ich höre italienische Vokabeln heraus und das Mädchen kann auf Francescos Fragen dann doch antworten. Dann versichert er ihr, dass sie sehr schön sei. Ich verstehe es, denn er sagt es auf Deutsch. Verschwimmende Grenzen: Wo hört Freundlichkeit auf, wo fängt Belästigung an? Ich beobachte still, denn dem Mädchen scheint Francescos offenherzige Art sehr gut zu gefallen. Vielleicht ist das die Lösung: Man müsste einfach viel unkomplizierter agieren. Ich bin da einfach zu verkrampft. Direkt die Frauen ansprechen! Warum denn nicht? Francesco unterhält sich noch ein paar Minuten mit dem Mädchen, während ich wieder in mein Buch schaue. Alles ist in Ordnung. Dann kommt die Bahn. Francesco gibt dem Mädchen artig die Hand, bedankt sich und beide lachen. Die blonde Schönheit fühlt sich geschmeichelt. Die Begegnung tat ihr gut. Beide halten kurz gegenseitig ihre Hände, bevor Francesco aufsteht und in den Zug steigt. Er ist genau im Wagen vor mir und ich kann ihn gut durch die milchig-wirkende Glasscheibe erkennen. Jetzt fährt der Zug an und Francesco wirft dem Mädchen, das nun regungslos auf der Bank sitzt, eine Kusshand zu und winkt. Sie winkt zurück und wirkt glücklich. Mein Blick verharrt auf dem Mädchen und als ich wieder zu Francesco schaue, unterhält der sich bereits angeregt mit der jungen Frau, die neben ihm steht. Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren und lausche den „Killers“. „Were the white boys dance“…was für ein toller Song.
“Cause we're gonna go and change somebodies word.”

Erkennen

Dienstag, 10. Juni, München

Völlig müde stehe ich im gut gefüllten S-Bahnabteil. Ich bin punktgenau eingestiegen, obwohl wir nur den ersten Wagen als groben Anhaltspunkt vereinbart hatten. Da sitze sie immer, sagt sie. Was für ein gutes Timing meinerseits. Ich hatte sie längere Zeit nicht mehr gesehen, aber es scheint, als ob sie von Tag zu Tag hübscher wird. Wieder einmal ist es die Nase, die meinen Blick besonders fesselt. In letzter Zeit scheine ich ein Fable für „Nasen“ zu haben. Diese Stubsnäschen sind aber auch zu süß. Sie fährt mit einer Freundin zusammen nach München, der sie mich aber nicht vorstellt; ich mich ihr aber auch nicht. Das ist egal, denn nur sie zählt. Ich bin froh, dass es Tage wie diese gibt, an denen wir uns sehen. Ihr Südafrikaaufenthalt und die anschließende Party vor über zwei Monaten haben dazu beigetragen. Es ist gut so. Wir unterhalten uns über zwei andere Fahrgäste hinweg, denn ich habe keinen Sitzplatz. Erst am Hauptbahnhof kann ich mich hinsetzen.
Ich befand mich in einem größeren Zugabteil und auch da saß sie mir gegenüber, jedoch ich konnte sie nicht richtig erkennen. Ihr Körper schien eine schattenlose Chimäre zu sein, unwirklich und imaginiert. Ich sah ihre Gestik, ihre Mimik und ihre Nase. Sie war real, aber doch auch wieder nicht. Es war sehr seltsam, vor allem, da ich sie nicht erkennen konnte. Ich sah mich um und bemerkte, dass es in dem Abteil zwei Türen gab, die aber von innen nicht geöffnet werden konnten. Wir waren gefangen. Draußen flog die Landschaft vorbei, ein zäher Brei aus Bäumen und Umgebung. Dann sah ich mich weiter im Abteil um und sie war verschwunden, einfach nicht mehr zu erkennen. Ich musste an Südafrika denken und erwachte schließlich. Das war vor ein paar Tagen.
Wir gehen noch gemeinsam zur U-Bahn. Sie muss eine Station weiter fahren als ich. Beim Abschied habe ich das Bedürfnis, sie zu umarmen, was ich dann auch tue. Sie ist müde, wirkt dadurch abwesend und doch so vertraut. Es fühlt sich kurz so an, als sei sie in meinen Armen eingeschlafen. Ein Moment, unendlich flüchtig. Ich steige aus, sie fährt weiter und als der Zug den Bahnhof verlässt, verschwimmt ihr Gesicht hinter der Glasscheibe. Ich kann sie nicht erkennen.

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