Erkennen

Dienstag, 10. Juni, München

Völlig müde stehe ich im gut gefüllten S-Bahnabteil. Ich bin punktgenau eingestiegen, obwohl wir nur den ersten Wagen als groben Anhaltspunkt vereinbart hatten. Da sitze sie immer, sagt sie. Was für ein gutes Timing meinerseits. Ich hatte sie längere Zeit nicht mehr gesehen, aber es scheint, als ob sie von Tag zu Tag hübscher wird. Wieder einmal ist es die Nase, die meinen Blick besonders fesselt. In letzter Zeit scheine ich ein Fable für „Nasen“ zu haben. Diese Stubsnäschen sind aber auch zu süß. Sie fährt mit einer Freundin zusammen nach München, der sie mich aber nicht vorstellt; ich mich ihr aber auch nicht. Das ist egal, denn nur sie zählt. Ich bin froh, dass es Tage wie diese gibt, an denen wir uns sehen. Ihr Südafrikaaufenthalt und die anschließende Party vor über zwei Monaten haben dazu beigetragen. Es ist gut so. Wir unterhalten uns über zwei andere Fahrgäste hinweg, denn ich habe keinen Sitzplatz. Erst am Hauptbahnhof kann ich mich hinsetzen.
Ich befand mich in einem größeren Zugabteil und auch da saß sie mir gegenüber, jedoch ich konnte sie nicht richtig erkennen. Ihr Körper schien eine schattenlose Chimäre zu sein, unwirklich und imaginiert. Ich sah ihre Gestik, ihre Mimik und ihre Nase. Sie war real, aber doch auch wieder nicht. Es war sehr seltsam, vor allem, da ich sie nicht erkennen konnte. Ich sah mich um und bemerkte, dass es in dem Abteil zwei Türen gab, die aber von innen nicht geöffnet werden konnten. Wir waren gefangen. Draußen flog die Landschaft vorbei, ein zäher Brei aus Bäumen und Umgebung. Dann sah ich mich weiter im Abteil um und sie war verschwunden, einfach nicht mehr zu erkennen. Ich musste an Südafrika denken und erwachte schließlich. Das war vor ein paar Tagen.
Wir gehen noch gemeinsam zur U-Bahn. Sie muss eine Station weiter fahren als ich. Beim Abschied habe ich das Bedürfnis, sie zu umarmen, was ich dann auch tue. Sie ist müde, wirkt dadurch abwesend und doch so vertraut. Es fühlt sich kurz so an, als sei sie in meinen Armen eingeschlafen. Ein Moment, unendlich flüchtig. Ich steige aus, sie fährt weiter und als der Zug den Bahnhof verlässt, verschwimmt ihr Gesicht hinter der Glasscheibe. Ich kann sie nicht erkennen.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6743 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren