Donnerstag, 22. Mai 2008

Disappear

Mittwoch, 21. Mai, München

Ich klappe die beiden Buchdeckel zu und beginne über das Verschwinden nachzudenken. Mit dem Rücken achtlos an die Türen der S-Bahn gelehnt verdecke ich unbewusst das rote Warnschild „Bitte nicht an die Türen lehnen“. Es ist früher Morgen und nur wenige Leute teilen sich mit mir stehend das Bahnabteil. Die meisten derjenigen, die Sitzplätze haben schlafen oder dösen zumindest ruhig vor sich hin. Mit dem Verschwinden ist es so eine Sache. Ich denke mir oft, dass es bei mir spurlos gehen müsse. An Tod ist dabei nicht zu denken. Ich begreife das Verschwinden als so etwas wie gerade noch manifest an einem Ort sein, um sich einen Augenblick später einfach aufzulösen und an einem anderen Ort, in einer anderen Welt wieder zu erscheinen. Beinahe wie Beamen. Mit dem Ruderboot hinaus bis zur Mitte eines Sees fahren und dann einfach abtauchen, um wo anders wieder auferstehen zu können. Öfter habe ich das Gefühl, das mein Verschwinden gar nicht so viele Leute mitbekommen würden. Aber wer weiß das schon. Wie wäre die andere Welt, wo würde ich auftauchen und könnte ich mir den Ort aussuchen? In den 90ern wollte man einfach nur weg…Rastlosigkeit…Hektik. Die Konsum- und Markenwelt untergrub jeden Individualismus. Menschen verschwinden in der Masse.
Verschwinden als Ausweg.
Verschwinden als Rettungsanker.
Das kann eigentlich doch keine Lösung sein, aber ich denke weiter nach, forme fremde Welten und andere Orte plastisch vor meinem geistigen Auge.
Mir fällt auf, dass ich mich nicht gegen die Türen lehnen sollte und darum trete ich zwei Schritte weiter ins Abteil, stecke mir Kopfhörer ins Ohr, höre Mobys CD „Last night“, fahre die zwei Stationen bis zur Universität und bin zufrieden.

Feier-Tag

Dienstag, 20. Mai, München

Meine Bedenken von letzter Wochen haben sich zerschlagen. Heute hat sie Geburtstag, was sie aber verdrängt. Verstehe ich gar nicht, obwohl Vierundzwanzig nun wirklich kein Alter ist. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch nicht mehr so begeistert bin, wenn besagter Tag näher rückt. Frauen sind da ja immer noch kritischer. Letzte Woche war sie noch kalt und irgendwie abweisend, aber das scheint an den Umständen gelegen zu haben. Ich stelle fest, dass sie, wenn sie mit mir alleine spricht, viel offener ist. Sind ihre Freunde dabei, wirkt sie zusehends verschlossen. Auch heute Morgen scheint sie den Tag ausgeblendet zu haben…sie kommt zu spät. Später schenke ich ihr eine kleine Flasche Wein und eine Süßigkeit. Ich habe den Eindruck, dass Sandra sich trotzdem freut. Sie redet oft von so etwas wie einer inneren Uhr und davon, dass sie eigentlich mit Sechsundzwanzig ein Kind möchte…ein Mann fehlt ihr aber noch. Wir verabschieden uns und ich bin glücklich, dass sie sich doch gefreut hat. Sie sagt, dass sie den Wein die Tage einmal probieren wird. Für mich verläuft der restliche Tag ziemlich ruhig und ich kann mit Freunden noch einen entspannten Abend verleben. Todmüde falle ich später ins Bett, da mein Schlafdefizit mittlerweile beträchtliches Ausmaß angenommen hat.

Angst essen Seele auf

Montag, 19. Mai, München

Teilweise hatte Kathrin Recht. Rückblickend kann ich das wohl sagen. Es ist Sonntag und ich sitze ab neun Uhr morgens in der Uni. Teil zwei des Blockseminars…immer noch interessant, trotz Sonntag. Mit einer Kommilitonin komme ich auf das Thema „Stalking“ zu sprechen. Sie erzählt mir, dass sie da seit einigen Monaten von einem verfolgt wird und sie hat Angst. Krasse Sache. Ihr ist das natürlich mächtig unangenehm und unheimlich. Als das Seminar endet, gehe ich mit vielen unterschiedlichen Erfahrungen nach Hause. Ich merke, dass ich etwas paranoid bin, denn urplötzlich sehe ich an jeder Ecke eine Situation, in der ich helfen müsse. EINDEUTIG ÜBERTRIEBEN. In jedem Fall hat mich das Wochenende richtig weiter gebracht.
Auf dem Heimweg denke ich an Kathrin und versuche ihre Situation zu verstehen. Teilweise gelingt mir das auch. Sie hatte damals Angst…vor mir, wie sie gesagt hat. Ich wollte wohl zu viel, aber sie hat eindeutig überreagiert. Es wäre müßig, wieder darüber nachzudenken und zu schreiben, darum nur so viel. Wenn ein so großes Missverständnis wie zwischen Kathrin und mir auftritt, ist es nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen. Unseres besteht immer noch, daran hat sich auch nach 355 Tagen nichts geändert…schade. Ich beschließe ihr eine Mail zu schreiben…wieder einmal. Ich sollte es nicht tun, aber es fällt mir schwer, damit zu leben. Ich kann es einfach nicht. Sie hat Angst…ich auch.

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