Sonntag, 14. Dezember 2008

Ein stolzer Mann

Donnerstag, 11. Dezember, München

Die Menge schiebt sich über den Weihnachtsmarkt. Ich habe Glück, dass ich recht früh dran bin. Es ist zwar schon mächtig viel los, aber es könnte schlimmer sein. Später wird es dann auch noch schlimmer. Menschen scharen sich um die Glühweinstände, essen türkisches Fladenbrot oder französische Creps. Irgendwo ist immer etwas los, bewegt sich etwas. Es ist hübsch kalt und die heißen alkoholischen Getränke verkaufen sich praktisch von selbst. An einem Stand dampft eine überdimensionalgroße Feuerzangenbowle gemütlich vor sich hin. Gemächlich fließt Zucker in stetem Tropfen in den großen mit Rotwein gefüllten Kessel. Es duftet angenehm nach Orangen, Zitronen und diversen Gewürzen. Verkäufer schütten aus mächtigen Schöpflöffeln Bowle in Porzellanbecher. Geld wechselt über die Theke seinen Besitzer. Aus einem Zelt dringt merkwürdige Musik. Ich gehe hin, identifiziere das Zelt als Indianer-Tipi und sehe mich neugierig um. Eine Menschentraube hat sich vor dem Zelteingang gebildet, Menschen stehen neugierig draußen davor, einige sind drinnen. Bunte Federn schmücken die äußere Spitze des Tipis. Von welchem Tier die wohl sein mögen? Drinnen steht ein faltiger Mann, mit aus Horn gearbeiteten Ketten um den Hals und bunten Stoffbändern um die Fesseln seiner Arme. Ein echter Indianer, der zudem auch noch einen Tierzahn um den Hals über seinem togaartigen Gewand trägt. Mit einer merkwürdigen Rassel in der Hand macht er beständig mystische Geräusche im Rhythmus der säuselnden Musik, die hinter ihm aus einem Ghetto-Blaster kommt. Wow. Die ganze Szenerie hat etwas Gespenstisches an sich, aber die Leute bleiben trotzdem stehen und blicken den Fremden neugierig an. Dieser beginnt eine Geschichte zu erzählen. Ich kann den Inhalt nicht im Detail wieder geben. Aber irgendwie geht es wohl um seinen Stamm, der nun nicht mehr wie früher in der weiten Prärie, sondern eingesperrt in diversen Reservaten leben muss. All die Dinge, die man an diesem Stand kaufen kann, haben seine Leute in Handarbeit hergestellt. Sie seien ein stolzes Volk, das sich nicht gerne Vorschriften machen lässt, aber man akzeptiere das Zusammenleben mit den weißen Brüdern. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht und ihm sei es eine Ehre hier in der westlichen Welt, in einer modernen Großstadt zu Gast sein zu dürfen. What a pleasure. Er erzählt noch etwas anderes, was, das habe ich aber vergessen. Der Indianer hat eine unglaubliche Ausstrahlung...durch seine Worte hat er die Menschen gebannt. Sie strömen in sein Zelt, betrachten neugierig die angebotenen Waren. Ob die T-Shirts mit Wölfen drauf und die CDs mit magischen Klängen auch in Handarbeit entstanden sind, bleibt dahingestellt. Trotzdem ist er ein großer Mann, einer der immer noch für sein Volk kämpft, einer, bei dem man das Leuchten in den Augen sieht und der das Vertrauen seiner Mitmenschen gewinnt. Einer, der unseren Kindern etwas zu erzählen hat. Geschichten von seinen Leuten, aus seinem Land und aus seinem Leben. Ich bin ein Indianer.

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