Dienstag, 26. August 2008

Die Zeit

Montag, 25. August, München

Ich wandle über eine grüne Wiese, über Hügel, Anhöhen und flache Ebenen. Ich trage nichts bei mir, außer einem Rucksack, den Dingen, die ich am Körper trage und einen kunstvoll geschnitzten Holzstab mit verziertem Haltegriff. Auf halber Länge ist ein kleines silbernes Glöckchen befestigt. Es klingelt manchmal angenehm und mit leisem Ton, wenn ich durch die Wälder streife. Jedes Zeitgefühl habe ich verloren, manchmal frage ich einen der Bewohner nach Tag und Uhrzeit und erhalte zumeist bereitwillig Auskunft. Ich bin wunschlos glücklich, denn mehr brauche ich nicht. Der offene Himmel über mir wärmt meine Glieder bei Tag und die Äste der Bäume gewähren mir Unterschlupf bei Nacht. Auch auf abgelegenen Hochsitzen oder unter, aus Zweigen zusammengebauten “Nachtlagern”, habe ich schon übernachtet. Alles geht, wenn man nur will. Essen bekomme ich als kleines Almosen von Bauern oder den Bewohnern der umliegenden Dörfer. Ich muss nie betteln, sondern frage stets höflich, ob ich mich ein wenig stärken kann. Meistens bekomme ich, was ich begehre...ich habe alles, was ich brauche...nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zeit spielt dabei keine Rolle...alles vergessen. Es ist schon vorgekommen, dass ich auf bei freundlichen Menschen neben Nahrung auch ein Lager für die Nacht bekommen habe. Mädchen waren manchmal dabei, aber das alles bedeutet mir nichts. Ich bin an der Liebe zerbrochen und wandere seitdem ohne genaues Ziel durch die Welt. Aus der Unkenntnis hinein ins Licht: das ist es, wovon ich träume, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Intimität ist nur noch reine Bedürfnisbefriedigung...so ab und an. That`s it. Eines Tages durchquere ich eine Höhle, deren Eingang ich erst bei genauerem Hinsehen entdecke, so versteckt ist er zwischen den Bäumen. Ich erspähe seltsame Zeichnungen an den Wänden, stumme Zeugen aus längst vergangenen Zeiten. Weiße Farben auf dunklem Stein. Ich verweile noch einen Augenblick, verlasse die Höhle wieder und setze meinen Weg fort. In der Ferne sehe ich ein kleines Gärtchen, dessen Anblick mich magisch anzieht. Ich gehe geradewegs darauf zu und betrete diesen “locus amoenus”. In dessen Mitte erblicke ich einen herrlich geschmückten Marmortempel. Der Garten ist symmetrisch und äußerst akkurat um die steinerne Opferstätte herum angelegt. Menschen sehe ich nicht, doch dafür vernehme ich ein leises, äußerst angenehmes Plätschern, dessen Ursprung ich nicht lokalisieren kann. Es muss aber ganz in der Nähe sein. Plötzlich fällt mein Blick auf einen bronzenen Springbrunnen in Form eines Drachens neben dem Tempel. Aus seinem Maul quillt beständig hellblaues Quellwasser und läuft in eine viereckige Steinschale zu Füßen des Lindwurms.
“Weil in der Still des Tempelgartens das Quellwasser aus dem Munde eins bronzenen Drachen in ein Steinbecken fällt, gibt es die Zeit.”
Es scheint, als hätte ich mich selbst gefunden, so selig bin ich in diesem Augenblick. Ich setze mich in das hellgrüne Gras und schließe die Augen. Fünf Stunden sollte ich schlafen, ehe ich wieder aufbreche und in meine alte Heimat zurückkehre. Mit der Zeit habe ich ein neues Lebensziel gefunden.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6739 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren