Donnerstag, 31. Juli 2008

Mann ohne Gefühle

Mittwoch, 30. Juli, München

Gefühllos und kalt, so geht er durch die Straßen seiner Stadt. Wenn die Nacht einbricht, fühlt er sich am wohlsten, der Mann ohne Gefühle. Er schlängelt sich durch die hell erleuchteten Gassen und Wege, hinein in die bleischwere Dunkelheit. Wieso er nicht mehr in der Lage ist, Gefühle zu zeigen, weiß er selbst nicht so genau…irgendwann musste er die Fähigkeit dazu wohl verloren haben. Natürlich konnte er noch lachen, schmunzeln oder innerlich traurig und missmutig sein. Nur nach außen konnte er all seine Emotionen nicht mehr richtig rüber bringen. Dumpf klingen die harten Tritte seiner festen Schuhe durch die Finsterniss. Ab und an kreuzen eine umher streunende Katze oder ein entlaufender Hund seinen ansonsten einsamen weg. Er zieht den Hut tiefer in die Stirn, schlägt den Mantel vorne ganz zu, klappt seinen Stehkragen nach oben und zündet die eben erloschenen Zigarette in seiner rechten Hand wieder an. Er kennt nur sehr wenige Menschen und wiederum nur sehr wenige kennen ihn...damit kommt er gut zurecht. Fern aller Gefühle wird es ihm, so denkt er, nie mehr gelingen, eine Frau von ganzem Herzen zu lieben und ihr diese Liebe auch zu zeigen. Vor Jahren war noch alles in Ordnung, bis er eines nachts einem Mädchen begegnet war und sich sofort verliebt hatte. Sie sprachen nur wenig miteinander, ehe sie verschwand, doch sie nahm seine Liebe und die Fähigkeit diese Liebe anderen zu offenbaren mit hinweg in die Dunkelheit. Seitdem war sein Herz auch innerlich eiskalt. Der Verfall wird von Tag zu Tag schlimmer und kann nicht aufgehalten werden. Es geschieht einfach mit ihm...unabdingbar, unveränderlich. Jeden Abend geht er durch die Gassen seiner Stadt, hinein in die Nacht...Transit am Übergang der Zeit. So begleitet der den Wechsel von Tag und Nacht. Manche Menschen, denen er begegnet halten ihn für einen Irren, einen verrückten Spinner oder sehen in ihm den menschgewordenen Tod. Für die anderen ist er nur der “Wächter der Nacht". Freunde hat er längst keine mehr. Allen gegenüber war er gefühllos und kalt. Nur ab und an sucht er eine der spärlich beleuchteten Eckkneipen auf und genehmigt sich ein kühles Bier und eine Kleinigkeit zu Essen. Manchmal sitz eine junge Frau alleine neben ihm am Tresen oder in der Mitte des Lokals. Dann unterhält er sich, sie lachen und tauschen verschiedene Geschichten und Erlebisse. Dann ist er für Minuten wieder normal. Dann spürt er manchmal tief in seinem Herzen so etwas wie Liebe...dumpf, oberflächlich und doch ganz tief in ihm drin. Dabei bleibt es. Das ist der Zeitpunkt, da er seiner Gesprächspartnerin zunickt, klirrend ein Paar Münzen auf den Tresen fallen lässt und durch die Schwingtür hinaus in die Nacht verschwindet. Noch lange hallen seine Schritte durch die Gassen und die Frau drinnen bleibt einsam, irritiert und traurig zurück. Doch voller Zuversicht und Hoffnung huscht ein sanftes Lächeln über das Gesicht des Einsamen und begleitet ihn auf seinem Weg.

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