Montag, 2. Juni 2008

Erster Juni

Sonntag, 01. Juni, München

Ich beschließe, dass der erste Juni ein Scheißtag ist und zwar an mittlerweile zwei aufeinander folgenden Jahren.
Letztes Jahr an besagtem Tag kam die Nachricht von Kathrin, in der sie meinte, dass sie sich belästigt fühle und ich sie in Ruhe lassen solle. Ich stand damals im Garten, in der Sonne und habe in einem fünf mal fünf Meter großen Beet Unkraut gejätet, als mein Handy vibrierte…GENICKSCHUSS. Ich konnte wochenlang nicht mehr klar denken, geschweige denn konzentriert arbeiten. Seitdem habe ich mit Kathrin kein persönliches Wort mehr gewechselt. Das war vor einem Jahr, ich glaube an einem Mittwoch, aber sicher bin ich mir nicht.
Auf den Tag genau ein Jahr später stehe ich wieder an diesem Beet, diesmal an einem Sonntag, und jäte erneut Unkraut. 360 Tage sind ins Land gegangen…viele davon verschwendet und einfach weggeworfen. Die Sonne brennt noch heißer vom mittäglichen Himmel als damals. Mein Handy bleibt stumm, leider. Ich komme mir wie ein Südafrikaner vor, der unter sengender Sonne seine Felder bestellen muss. Sie meldet sich einfach nicht, dabei hatte sie fast zugesagt und versprochen, dass sie sich auf jeden Fall melden werde. Ich verfluche den Tag, dabei hätte alles so schön werden können, mit ihr im Club beim Poetry Slam.
Ein Kumpel bringt stattdessen seine neue Freundin mit…Kommunikation unmöglich, denn beide knutschen pausenlos wild rum. Ich muss mich mit Simon und Oliver unterhalten, treffe zufällig noch ein paar Bekannte, aber das ist kein Trost. Es zieht mich runter…SCHEIßTAG. Sie hätte sich wenigstens melden und absagen können. Sophie genauso…auch sie lässt nichts von sich hören.
Ich erlebe einen der besten Slams des Jahres, bin trotzdem frustriert und nehme mir beim Verlassen des Clubs eine Postkarte mit, auf der eine beinahe nackte Schönheit zu sehen ist, die sich nur die Hände vor die Brüste hält. Darüber steht „Lieber nackt, als im Pelz!“ Meine Meinung! Ich schiebe die Karte in die hintere Hosentasche meiner Jeans, gehe zur U-Bahn und schwöre mir: „Nie mehr erster Juni!“.

Der Abstieg/Rückkehr

Samstag, 31. Mai, München

Der Abstieg ist härter als gedacht und viel anstrengender als der Aufstieg. Die spitzen Steine überall und die schroffen Felsvorsprünge behindern meinen Weg, so dass ich nur mühsam vorankimme. Außer mir gibt es hier weit und breit keine Menschenseele und das ist gut so. Ich bin alleine in der Natur, um mich herum nur saftig-grüne Wiesen, bunte Blumen und ab und an ein paar Gämsen oder Steinböcke…das ist alles. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, bleibt mir Zeit um nachzudenken. Mir geht so viel durch den Kopf und genau darum bin ich hierher gekommen. Ich habe den Weg aus der lauten Großstadt, hinein in die stille Natur gesucht und gefunden. Ich wollte abschalten.
Ein Rehbock begleitet mich ein Stück auf meinem Weg, schaut mir noch einige Minuten hinterher und ist dann mit einem gewaltigen Sprung zur Seite verschwunden. Ich gehe gestützt auf einen Stock, den ich am Wegesrand gefunden habe und der mir sicheren Halt vor dem Abrutschen gibt. Der Abstieg dauert drei Tage, ich wandere Tag und Nacht, schlafe wenig und wenn dann nur tagsüber. Nachts ist nur der Himmel über mir. Ein Hund kreuzt meinen Weg, eine dunkelbraune Labradormischung. Ich gebe ihm etwas von meinem harten Brot, er kaut und weicht ab da nicht mehr von meiner Seite. Ich beschließe ihn Boromir zu nennen, wie den ersten der aus dem Kreis der Gefährten gerissen wurde. Gemeinsam gehen wir den Rest des Weges…in der Ferne erkenne ich bereits die Lichter der Großstadt. Dort angekommen hebe ich an einem Automaten Geld ab und suche ein Zimmer für die Nach. Ich kann Boromir mitnehmen, er springt sofort af das schöne Doppelbett und streckt die Beine weit von sich. Ich schließe die Türe ab, lege mich neben den Hund und bin endlich frei.

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