Samstag, 12. April 2008

Heimat 1837

Samstag, 12. April, München

Der Tag beginnt ganz gut, die Müdigkeit der letzten Tage lässt nach. Sophie hatte sich vor einigen Tagen gemeldet…per Email. Irgendwie seltsam, denn sie hat eine Nachricht beantwortet, die ich ihr vor über sechs Wochen geschrieben habe…egal. Ein schöner Vormittag, warme Luft, blauer Himmel, nur wenig Wolken. Ich sitze auf einer Bank, starre in die vereinzelten Wölkchen und denke nach.
Die Eishockeyhalle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft…Länderspiel. 6000 Menschen, eingepfercht auf den Rängen und in den Gängen. Mit Sophie war ich verabredet…irgendwie. Ihr Freund muss lange arbeiten, also kommt sie später; ich bin früher dort, erspähe sie kurz vor Spielbeginn an der Seite ihres Freundes. Sie ist nicht besonders groß und darum leicht zu übersehen.
Auch in der Pause weicht sie ihrem Freund nicht von der Seite, in der Menschenmenge kann ich sie nicht mehr finden. draußen vor dem Aufgang wartet sie auch nicht; meine Sms bleibt unbeantwortet.
Ihr Freund ist eine Mischung zwischen Spitzwegs „Armen Poeten“ und Inspektor Colombo. „Entschuldigen Sie, ich habe da noch kurz eine Frage!“
Ich weiß, ich bin voller Vorurteile…im Bezug auf Frauen und ihre Kerle sowieso. Vielleicht ist er ja ganz nett, aber er sieht etwas seltsam aus…ohne, dass ich mit ihm gesprochen habe fälle ich dieses Urteil. Unfair, nur auf Äußerlichkeiten zu gehen.
Spitzweg gehört fest zu meiner Heimat, wie Bier und Brezen. „Der Arme Poet“ scheint untrennbar zu Sophie zu gehören. Ich leider nicht. Freunde erklären mir noch am selben Abend, dass ich doch nur neidisch sei. Das stimmt. Die deutsche Mannschaft verliert das Spiel gegen Finnland mit 0:4…scheiß Tag.

Wen die Götter lieben,

Freitag, 11. April, München

den rufen sie früh zu sich. Man muss das Leben genießen, wie es auch kommt. Kaum zurück in München droht mich der Alltagstrott wieder einzuholen. Er ist mir bereits bedenklich dicht auf den Fersen. Also stürze ich mich einmal mehr in die Arbeit, die hier in den letzten Tagen liegen geblieben ist. Am Montag sind die Semesterferien zu Ende, die Vorlesungen beginnen wieder. Alles läuft wieder in den geregelten, alten Bahnen. Veränderungen gab es kaum...nichts Neues.
Ich muss Vieles anders machen, aber was und vor allem wie? „Bleibt alles anders!“
Ich muss die Dinge anders anpacken, die alten, festgefahrenen Wege verlassen…neue Strecken erkunden. Obwohl ich viel zu tun hätte, bleib ein bisschen Zeit für einen kleinen Spaziergang. Der macht den Kopf frei und bringt den Kreislauf in Schwung. REVOLTION…NEUANFANG. Das weiche Gras knirscht angenehm unter meinen Fußtritten. Jung zu sterben muss grausam sein, da kann selbst der Sinnspruch der Griechen oder Römer nichts daran ändern. Ich marschiere die Landstraße entlang und entdecke ein kleines Holzkreuz am Rand im Gras. Autounfall…drei junge Leute tot…19, 16 und 18 Jahre alt. Ich verharre einige Sekunden und gehe dann weiter. Nach einiger Zeit drehe ich mich um, aber da ist das hölzerne Mahnmal auch schon aus meinem Blickfeld verschwunden und liegt weit zurück in der einsetzenden Dunkelheit. Wen die Götter lieben…

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