Samstag, 13. September 2008

1132 Kilometer

Donnerstag, 11. September, München

Man sollte, ja, man sollte...vielleicht einmal...na was denn? - Man sollte einmal bei Fisch Gosch auf Sylt stehen, mit einem Bier in der einen und einer Fischsemmel mit Bismarckhering in der anderen Hand, von der die Remouladensauce in Zeitlupe beständig auf die neuen Schuhe kleckert. Man sollte dann austrinken, die leere Flasche vor sich auf den Boden stellen und eine große Reise antreten. Einmal quer durch die Republik, von Norden nach Süden, von List bis Garmisch-Partenkirchen. Man sollte, ja man sollte dabei in heruntergekommenen Jugendherbergen übernachten, in denen es immer eine Dame an der Rezeption gibt, die selbstbewusst ihren flauschigen Oberlippenbart zur Schau trägt. Man sollte an schäbigen Imbissbuden seltsam aussehende Currywurst essen und dazu eine leicht grünlich schimmernde Saucegenießen. Das sollte man. Man sollte keiner Konfrontation aus dem Weg gehen, offen sagen, was einem nicht passt und notfalls die Konsequenzen tragen. Man sollte nach Tiefschlägen den Kopf oben halten, auch wenn einem absolut elend ist. Man sollte sich dem Gegenwind, der einem böig ins Gesicht schlägt stellen und sich freuen, wenn er umschlägt und zu einem tragenden Rückenwind wird. Man sollte allen Mut zusammen nehmen und in Garmisch auf die Skisprungschanze klettern und mutig hinunter in den Abgrund blicken. Die Aussicht muss herrlich sein. Man sollte auch einmal in einen Zug steigen, ohne gelöstes Ticket, denn meistens passiert ja sowieso nichts. Man sollte einmal ausbrechen...ich war noch niemals in New York. Man sollte zu dem stehen, wie und was man ist, ohne sich beständig zu verstecken, seine Identität zu verbergen. Jeden Tag schwindet deine Zeit. Man sollte einmal über alles offen reden, alles aussprechen. Ich sollte ihr einmal meine Liebe gestehen. Man sollte, man sollte...AUS. Nichts bleibt für die Ewigkeit. Zu viele Chancen bleiben ungenutzt, zu viele Ziele unerreicht. Schließlich siehst du auf deine nagelneuen Schuhe und entdeckst die weißen Kleckse darauf. Dann nimmst du ein Taschentuch, wischt sie ab und willst die Bierflasche artig zurück zum Verkäufer bringen. Du drehst dich um, merkst schnell, dass du nicht bei Fisch Gosch stehst und dass das um dich herum auch nicht Sylt ist, sondern du bei Nordsee auf dem Viktualienmarkt in München an einem überdimensionierten Plastikhummer lehnst. Man sollte...schöne Scheiße.

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