Im Gedenken an R.M.R.

Samstag, 13. September, München

Morgens ist es kühl und neblig. An diesem Herbsttag muss ich seit langer Zeit wieder eine Jacke tragen. Ohne ist einfach viel zu kalt. Dabei denke ich bei mir, dass der Sommer eigentlich doch irgendwie sehr groß war und es nun eben Zeit für Veränderung ist. Schatten liegt auf der Sonnenuhr am Haus gegenüber und der losgelassene Wind heult durch die Flure und über die Wege, schon morgens. Es ist an der Zeit, dass die letzten Früchte die jetzt noch an den Bäumen hängen, reifen und zu ihrer Vollendung getrieben werden. Erntezeit! Weinzeit. Zwei oder drei südlichere Tage, die den Boden noch einmal wären, wären jetzt ein Geschenk. Nur so schießt die letzte Süße in den schweren Wein, in die dicken Trauben, die in Reben eng aneinander hängen. Mittlerweile ist es schon wieder Abend geworden und in meinen vier Wänden steht die Luft, weshalb ich beschließe eine Runde um den Block zu drehen. Nur wenige Menschen sind unterwegs, obwohl es noch gar nicht so spät ist. Von denen, die jetzt noch keine Haus, keine Unterkunft, kein Dach über dem Kopf haben, wird sich keiner mehr eines bauen. Ich passiere einen Mann, der regungslos aber aufrecht mit dem Rücken an eine Parkbank gelehnt einfach nur dasitzt und in die Nacht starrt. Ich merke, dass er einsam ist. Seine Lippen scheinen stumme Worte zu bilden, gehen auf und zu, aber kein Laut dringt an mein Ohr. Es scheint fast so, als würde der Fremde beten. Die Jahreszeit bringt es mit sich, dass derjenige, der jetzt alleine ist, es lange bleiben wird. Einsamkeit. HERBSTDEPRESSION. Eine sehr schwierige Jahreszeit, magisch, geheimnissvoll, aber eben auch schwierig. Die Schwere der Luft, der Wind um einen herum, all das schlägt dumpf aufs Gemüt. Ich setze mich ungefragt neben den Fremden auf die Bank. Er lächelt, blickt dabei aber nicht zu mir herüber. “Was machen sie hier?, frage ich. - “Nur sitzen und die Stille genießen!”, antwortet er. Ich merke, dass ich nicht weiterreden sollte, um den Mann nicht zu stören. “Wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Das kann ich auch zu Hause. Hier will ich nur sitzen und schweigen.”, gibt er mir Auskunft. Nach wenigen Minuten stehe ich wieder auf, grüße den Einsamen flüchtig, indem ich die Hand an die Stirn führe. Er grüßt mit derselben Geste kurz zurück. Ich gehe weiter, beginne in den Alleen hin und her unruhig zu wandern, wenn die Blätter treiben. Nieselregen setzt ein.

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