Gleis neundreiviertel

Freitag, 01. August, München

Ich fürchte es ist vorbei. Abgehetzt erreiche ich spätabends den Bahnhof. Noch fahren Züge ab. Kalter Schweiß rinnt mir in Bächen übers Gesicht, Arme und Beine. In meinen Kniekehlen haben sich kleine Pfützen gebildet und wenn ich mir mit der Zunge unter meinen Lippen am Kinn entlang lecke, dann schmeckt es salzig. Ich atme schwer, mein Herz- und Pulsschlag sind maximal erhöht. Durch die Glastür betrete ich zögerlich die Bahnhofshalle. Um mich herum ist es laut und alles wirkt öde und kalt...grau in grau...erdrückend farblos, schon tausendmal gesehen. Wieder einmal hatte ich einen Zug verpasst...abgefahren ohne mich. Ich stand einfach nur passiv daneben. Das ist das Leben...zu zögerlich, zu verhaltend, zu abwartend, zu unentschlossen. Gestern hatten mich Mücken in die Beine gestochen...heute jucken die Stiche, schwellen an, werden rot und fühlen sich heiß an, wenn ich meine Wange an sie drücke. Der Zug ist endgültig abgefahren. Ich hatte wahrlich nicht die besten Karten um aufzuspringen, aber immerhin die Chance. Ich war einer von Vielen. Sie sind drinnen, ich draußen. Wer entscheidet darüber? Das Gefühl...spielt eine wichtige Rolle, ist unabdingbar. Ich hatte kein Gepäck dabei, kam unvorbereitet, quasi ohne Ausrüstung. So stand ich da, tagelang, monatelang. Mein Ticket hielt ich quasi schon in der Hand...zwar nicht erster Klasse, aber es war immerhin eine Fahrkarte...Option....Chance. Ich wusste ja, dass so ein Zug nicht ewig hält. Irgendwann fährt er einfach ab...das ist quasi ein Naturgesetz. Gerade dann, wenn er so schön ist, wie dieser. Sein herrliches rot strahlt und funkelt weit in die ferne. Alles glänzt, der Lack ist neu und die Scheinwerfer sind blank geputzt. Wenn man nur lange genug in sie hineinsieht, dann glaubt man darin ein wundervoll strahlendes Mandel-braun zu erkennen. Tief hinein in das Innere, in die Seele des Zuges. So stand ich lange am Bahnsteig, bewunderte aus der Ferne dieses Gesamtkunstwerk. Neugierig schlich ich immer wieder herum, beäugte es sowohl verliebt, als auch kritisch. Ich war verzückt, wobei ich mich nie traute hineinzugehen.
Heute kommt der Tag, an dem der Zug zwar langsam, aber dennoch stetig den Bahnsteig verlässt und seine weite Reise antritt. Einige Männer kann ich im Inneren der Wagen wahrnehmen. Ich bin draußen...leider. Und als ich dem Zug noch hinterher schaue, wie er in die Ferne fährt bis er am Horizont zu einem winzigen, kaum noch erkennbaren Punkt, zusammenschmilzt, werde ich ganz traurig. Als er gänzlich verschwunden ist, drehe ich mich um und trotte den Bahnsteig zurück, mit der Erkenntnis, wohl gerade das Liebste in meinem Leben womöglich für immer verloren zu haben. Auf einer Bank ruhe ich mich aus, wobei ich mein Gesicht in beide Hände vergrabe.
Ich stehe an Gleis neundreiviertel, aber wenn dann doch ein Zug kommt, kann ich ihn nicht sehen.

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