Die Begegnung I

Donnerstag, 13. März, München

„Paint it black“ dudelt aus den Lautsprechern der Kneipe. Neben mir am Tresen sitzen zwei Männer mittleren Alters, sonst nur einige einzeln versprengte Lokalbesucher. Der Kellner hinter der Theke grinst, ich aber starre mürrisch in die von Zigarettenqualm schwangere Luft. Der Alte neben mir könnte Keith Richards sein. Ein kleiner Mann um die sechzig, mit Tränensäcken fast bis zur Nasenwurzel und eingefallenem Gesicht. Ein Piratentuch versucht seinem Kopfe etwas Jugendliches zurückzugeben. Der Methusalem raucht und stößt Rauchwolken durch die Nase wie ein Nilpferd schmutziges Wasser. Heftige Hustenanfälle schütteln seinen Oberkörper, aber er wirkt robust. Ein goldenes Kreuz baumelt an seinem linken Ohrläppchen.
Mir ist zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen, also nehme ich eine Jacke, schlüpfe in meine Sneaker, renne auf die Straße und sauge kalte Luft durch meine Nasenschleimhäute. Mein Ziel, die Kneipe, in der ich nach Feierabend oft etwas trinke. Kurz vor zwölf kommt der Alte zur Türe herein, geht an die Bar und setzt sich neben mich. Ich habe ihn nicht erwartet. Sein Mantel schleift über den Boden, bevor er sich setzt und aus der Tasche eine Uhr zieht, die er zwischen uns auf einem Bierdeckel platziert. Mit seinem Zeigefinger drückt er einen der drei Knöpfe. Golden funkelt der Chronograph und reflektiert das Licht der schummrigen Beleuchtung. Ich kenne den Alten nicht, aber dennoch weiß ich, was zu tun ist. Ein Automatismus in mir springt an und ich beginne, ihm eine Geschichte zu erzählen.
Herrlich klar war die nächtliche Luft damals, gereinigt durch den Regen, der gefallen war. Neonlichter funkelten in der Dunkelheit, als ich das große Volksfest vor Mitternacht verließ. Der Abend war langweilig und dauerte zwei Maß Bier lang. Ich fühlte mich deprimiert und völlig ausgebrannt, was aber nicht am Alkohol lag. Bedrückt trottete ich die Straße entlang und würde ich rauchen, hätte ich eine Zigarette gebraucht. Flüchtige Blicke und eine kurze Unterhaltung, mehr war heute Abend nicht möglich gewesen. Hinter mir verschwammen die grellen Lichter und die Stimmen verhallten in der Finsternis. Es begann wieder zu nieseln, aus dicken Wolken, weswegen der Himmel keine Sterne zeigte.
Ihre Stimme riss mich aus meiner Trance und ich blickte umher. Am Straßenrand stand sie: Ein Mädchen, Anfang zwanzig, braune schulterlange Haare und große Augen. Sie trug enge Jeans und Turnschuhe. Eine Handtasche baumelte lässig in ihrer Hand. Sie sah orientierungslos aus und fragte mich nach dem Weg zur U-Bahn. Die linke Hand zitterte auf ihrem Oberschenkel und mit der Rechten strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Lippen funkelten herrlich und unaufdringlich. Ihr Lächeln erwärmte meine Seele. Wir waren uns noch nie begegnet und doch schien es, als ob wir uns ewig kennen würden.
Ich nahm ihre Hand und hielt sie ganz fest. Vertrauen und Zuversicht flossen durch unsere Finger, bis in die Spitzen. Wortlos, aber glücklich schlenderten wir Richtung U-Bahnhof, tauschten dabei immer wieder kurze Blicke. Ihren Namen erfuhr ich nicht.

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