Auf der Jagd/Halali

Dienstag, 11. März, München

Gerichtsgebäude sind außen immer grau, innen kalt und durchzogen von engen farblosen Gängen, die endlos zu sein scheinen. Das alles schlägt einem aufs Gemüt, früh morgens um zehn, auch wenn man selbst nur vor Ort ist, um sich ein paar Prozesse anzuschauen. Mit Freunden mache ich das ab und an…so wie heute.
Wir haben, im Publikum sitzend, zwei Fälle gesehen. Es ist immer etwas merkwürdig, weil man mit einer Erwartung rangeht, die man aus dem Fernsehen kennt. Doch es kommt eben kein Privatermittler mitten unter der Verhandlung hereingeplatzt und präsentiert neue Fakten und liefert erstaunliche Beweise. Die Realität ist eine andere.
Zwei- bis dreimal in der Woche drückt er sich auf den trostlosen Gängen herum, immer gut gekleidet, damit er sympathisch rüberkommt. Sein Ziel: Er besucht die unterschiedlichsten Verhandlungen, immer wieder andere. Er ist groß und mittleren Alters, sein Erscheinungsbild ist durchweg positiv.
Er spult routiniert sein Beuteschema ab; junge Frauen, hübsch, verurteilt und ohne Begleitung. Davon gibt es mehr, als man meinen möchte. Meistens haben die Frauen sich einen Moment lang gehen lassen, sind der Versuchung erlegen und haben im Kaufhaus geklaut. Nach der Verurteilung kommt er ins Spiel.
Er hat die Verhandlung genau verfolgt, spendet nun Trost, zeigt Mitgefühl und bietet den Frauen an, sie nach Hause oder in die Stadt zu fahren. Die Masche zieht…die Hälfte aller Frauen lässt sich darauf ein, sucht schnellen Trost und jemanden, der sie versteht. Mit einigen der Frauen schläft er dann ein- oder zweimal. Einige lädt er danach sogar zum Abendessen ein. Später lässt er den Kontakt abreißen. Für die meisten Frauen ist das nicht schlimm, doch einige wenige hatten sich mehr erhofft.
Er spielt mit ihren Gefühlen, so wie ein kleiner Junge unüberlegt und fasziniert Seifenblasen in die Luft steigen lässt. Im schwarzen Anzug und immer frisch rasiert wirkt er sehr überzeugend.
Eine feste Partnerin hat er bis heute noch nicht gefunden. Irgendwann, wenn er genug hat und es anfängt langweilig zu werden, wird er damit aufhören.
Doch auch an diesem Dienstag drückt er sich in dem bilderlosen Gerichtsflur vor A 122 herum und lauert auf Beute. Aber heute sollte er hungrig nach Hause gehen.

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