Samstag, 10. Mai 2008

Fahrt ins Nichts

Freitag, 09. Mai, München

Ich sitze auf einem dieser dunkelroten Sitze einer etwas in die Jahre gekommenen Regionalbahn. Die Fahrt verläuft unruhig, denn die Räder auf den Schienen rattern und scheppern gewaltig, aber sonst scheint alles in Ordnung. Ich starre aus dem Fenster und blicke in ein schwarzes Nichts; keine Bäume, keine Landschaft überhaupt gar nichts. Ich starre verwirrt auf meine Armbanduhr, aber die Zeiger und die Datumsanzeige fehlen, so dass nur das runde Ziffernblatt mit den Zahlen von eins bis zwölf zu sehen ist. Ängstlich blicke ich mich in meinem Abteil um und bin beruhigt, als ich mehrer Menschen in meiner Nähe sitzen sehe. Ich starre einen Mann schräg vor mir an, der zurückgelehnt auf seinem Platz Musik hört. Ich schrecke blitzschnell zurück, als ich erkenne, dass er kein Gesicht hat. Nase, Mund, Augen, Ohren…alles fehlt. Ich erkenne nur glatte Haut, die nahtlos vom Haaransatz bis zum Kinn reicht. Hektischer streift mein Blick nun die Menschen in meinem Abteil und ich stelle fest, dass sie alle keine Gesichter haben. Instinktiv fasse ich mir mit dem Finger an meine Nase, obwohl ich ganz genau weiß, dass bei mir alles dran ist. Aber sicher ist sicher. Ich sitze in einem Zug und fahre ins Nichts, um mich herum steinerne Menschen ohne Gesichter. Die Fahrt beschleunigt sich und unter mir rumpelt es noch heftiger als zuvor. Auf einmal steht sie vor mir. Aber das kann eigentlich gar nicht sein; ist sie nicht noch in Afrika? Meine Gedanken kreisen in meinem Kopf wirr auf und ab. Ich drohe verrückt zu werden. Auch sie hat kein Gesicht, keinerlei Mimik, aber dennoch erkenne ich sie sofort. Ich würde sie unter tausenden wieder erkennen. Ich öffne meinen Mund um etwas zu sagen, aber plötzlich beginnt sie vor mir förmlich zu zerfließen. Sie löst sich einfach auf und beginnt im Nichts zu verschwinden. Dann ist sie schlagartig weg. Ich fühle, wie der Zug auf einen pechschwarzen Abgrund zufährt.
Ich erwache in meinem Bett, bin unruhig aufgewühlt und durcheinander. Danach kann ich lange keinen Schlaf mehr finden.

Früh übt sich

Donnerstag, 08. Mai, München

Ich stehe spätnachmittags in der S-Bahn und beobachte eine Gruppe Kindergartenkinder mit ihren Betreuerinnen. Die Kinder sind ganz still während ihnen etwas über die Geschichte Münchens erzählt wird. Faszinierend. Ich interessiere mich eigentlich gar nicht für die Szene, aber ein Kind weckt meine ganze Aufmerksamkeit, so dass ich dann doch immer wieder hinschauen muss. Der kleine Junge, ich schätze ihn auf drei Jahre, trägt eine dunkelblaue Schirmmütze. Darauf ist in weißen, gestickten Lettern „Wodka Gorbatschow“ zu lesen. Unweigerlich muss ich schmunzeln, so bizarr stellt sich mir die Szene dar. Ich meine, wie geil ist das denn? Sitzt da so ein kleiner Junge, der eine Mütze mit Wodka Werbung auf dem Kopf trägt. Gerade gestern stand hat eine Tageszeitung die Schlagzeile „Unsere Kinder saufen sich ins Koma“ gebracht. Das konnte ich an einem der „stummen Verkäufer“, die überall aufgebaut sind, genau erkennen. Die Kindergartengruppe und ihre Betreuerinnen hat Spaß und außer mir fällt die Mütze des Kleinen wohl keinem auf. Es ist ja nichts Schlimmes, aber trotzdem finde ich das lustig und grotesk. Auf dem Nachhauseweg finde ich die ganze Sache immer noch komisch…wahrscheinlich kann sowieso nur ich über so etwas schmunzeln.

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