Needful things

Freitag, 19. Dezember, München

Der Laden befindet sich mitten in einer kleinen Stadt. Wenn vorne ein Kunde das Geschäft betritt läutet es und der Inhaber, ein alter Mann um die Siebzig, weiß, dass etwas verlangt wird. Der Laden ist als Fundgrube für allerlei Dinge bis über die Grenzen der kleinen Stadt hinaus bekannt. Unscheinbar und ein wenig versteckt liegt er eingebettet zwischen zwei großen Häuserblocks. Jeden Tag acht Stunden lang hütet Herr Bell, denn so heißt der Ladenbesitzer, seine Schätze und Kostbarkeiten. Seine faltigen Hände gleiten durch die Regalreihen und er weiß ganz genau, was seine Kunden verlangen. Das Geheimnis seiner Geschäftes ist die Tatsache, dass niemand etwas kauft, was er auch wirklich braucht, sondern dass das gekauft wird, was man unbedingt möchte. Bells Laden ist einer, in dem alle Wünsche und Träume in Erfüllung gehen. Man betritt den Laden und lässt seine Blicke über das Angebotene fliegen. Schneekugeln, Murmel, allerlei Tierzähne, diverse Knochenreste und sämtliche nur denkbaren Bilderrahmen mit und ohne Fotos. Das ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Artikel, die es hier zu kaufen gibt. Jeder liebt den niedlichen Laden in einer kleinen Stadt. Doch irgendwo lauert das Böse. Es fing damit an, dass eine alte Frau plötzlich eine Lungenentzündung bekam und verstarb, nachdem sie bei Bell einen leeren Bilderahmen gekauft hatte. Das alleine war noch nicht verwunderlich, aber beispielsweise wurde drei Tage, nachdem sie eine kleine Schneekugel bei Bell gekauft hatte, ein kleines Mädchen von einem Auto erfasst und getötet. Es gibt noch mehr Fälle. Obwohl einige Menschen Zusammenhänge zu erkennen glauben, bleiben die Kunden nicht aus. Bei Bell gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Ein jeder möchte sich einen Traum erfüllen, sein Stückchen Kindheit zurückholen oder einfach etwas haben, was er sich schon lange gewünscht hat. Bei Bell wird dies alles wahr. Keiner kommt hinter das Geheimnis des alten Mannes, der jeden Tag verschmitzt in seinem Laden steht und Kunden bedient. Woher er seine Waren bezieht, wer sie liefert, das weiß keiner. Ein wohlgehütetes Geheimnis in einer kleinen Stadt. Jeder ist zufrieden und zwischen Bells Laden und den unheimlichen Todesfällen wurden keinerlei Verbindungen mehr offensichtlich. Erst als Bell starb und sich keiner mehr fand, der den Laden übernehmen wollte, tauchte ein handgeschriebener Brief im Nachlass des Toten auf. Er enthielt folgende Zeilen:
“Wenn ihr dies lest, bin ich schon lange tot. Viele Menschen haben sich in den letzten Jahren für das Geheimnis meines Ladens interessiert. Doch es gibt keines. Man hat mir Zauberei, schwarze Magie und Hexenkunst unterstell, aber ich vermag nichts dergleichen zu vollbringen. Mein Erfolg lag darin, dass ich den Menschen versucht habe, ein Stückchen Kindheit und Jugend zurückzugeben. Ich habe mit ihnen geredet und sie davon überzeugt, dass sie gewisse Dinge unbedingt brauchen. Das war meine Kunst. Nicht mehr. Keiner wird meinen Laden fortführen, keiner wird mehr Kind sein dürfen. Meine letzte Bitte ist, dass ihr mir eine der goldenen Schneekugeln auf mein Grab stellt. Als ewige Erinnerung für die, die mich kannten. Das ist alles.” Und so geschah es...in einer kleinen Stadt.

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