Vom Irrsinn des Krieges

Montag, 15. Dezember, München

Heiligabend weit in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Der seit einigen Monaten andauernde Krieg hat alle Beteiligten gebrochen. Es ist kalt, überall liegt Schnee. Durch dieses Irgendwo verläuft ein Schützengraben auf einer Länge von einigen Kilometern, der die beiden verfeindeten Seiten voneinander trennt. Hier Deutsche, dort Franzosen. Die vergangenen Tage und Wochen ließen etliche Opfer beklagen. Auf beiden Seiten. Selbst der Weihnachtsabend verspricht keine Besserung. In den Schützengräben belagert man sich auch heute, versucht den Gegner aus der Reserve zu locken, sich selbst dabei aber keine Blöße zu geben. Wachsamkeit sichert hier das Überleben. In der Ferne grollen Panzer, von weit her ist der Knall einer Explosion zu vernehmen. Hier im Schützengraben ist man allerdings meist sicher. An diesem Weihnachtsmorgen fiel bereits sehr früh Schnee. Dicke Flocken regnen auf die Erde und lassen das Warten im Graben unerträglich werden. Es ist eiskalt. Seit wenigen Minuten wird nicht mehr gekämpft, was eigentlich komisch ist, denn heftig und erbarmungslos waren die Grabenkämpfe bis dahin gewesen.
Plötzlich steht er da. Eine hagere Gestalt schält sich zwischen den Schützengräben, die die verfeindeten Seiten trennen, hervor. Später sollte sich nicht mehr rekonstruieren lassen, von wo genau der Unbekannte herkam. Er war einfach da. Unter der einsetzenden Dämmerung kann man sein Gesicht nicht erkennen. Nur ein großer, schwerer Mantel und mächtige Stiefel funkeln im letzten Licht dieses Tages. Doch in der Hand hält er einen kleinen Tannenbaum, geschmückt mit etwas Lametta und einigen Kugeln. Langsam schiebt sich die Gestalt vorwärts, befindet sich nun mitten im schwer umkämpften Gebiet. Lebensgefahr. Die ersten Kugeln und Granaten drohen zu fliegen. Doch nichts passiert, keiner schießt. Der Fremde befindet sich nun genau zwischen den verfeindeten Schützengräben, stellt den Christbaum ab und setzte sich daneben auf den Boden. Verstörte Gesichter erheben sich rings um ihn herum, spähen langsam aus den Gräben, irritiert durch die ausbleibenden Gefechte. Irgendwann nimmt irgendeiner allen Mut zusammen, steigt aus einem der Gräben empor und geht auf den Fremden zu. Jener sitzt immer noch regungslos da. Was dann passiert scheint kaum fassbar: Gut drei Dutzend Männer, Franzosen wie Deutsche, scharen sich um den Tannenbaum, bilden einen Kreis und trotzen der Kälte. Ein Feuer wird entfacht, man holt zu Essen und zu Trinken. Die Waffen schweigen. Und dann feiern die verfeindeten Soldaten miteinander Weihnachten, wie unzählige Haushalte zu jenem Zeitpunkt in der ganzen Welt. Man lacht, unterhält sich und zeigt Familienbilder her. Der Heilige Abend, mitten im Krieg. Der Fremde ist plötzlich verschwunden, keiner hat ihn mehr gesehen. Nur der Baum, ja der war ihnen geblieben. Spät am Abend erst gehen alle auseinander, ein jeder auf seine Seite, in seinen Graben. Alle legen sie sich schlafen. Morgen, am ersten Feiertag, geht der Krieg weiter. Dann heißt es wieder Mann gegen Mann, alle gegen den Feind. Aber diesen Abend wird keiner vergessen.

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