Fremd im eigenen Land

Samstag, 13. Dezember, München

Der Gong beendet die Stunde, Schüler und Schülerinnen packen hastig ihre Sachen zusammen, greifen nach ihren Taschen und hasten in die große Pause. Manuela steht mit ihren beiden besten Freundinnen in der Aula des Gymnasiums. Die drei unterhalten sich. “Hey Manuela können wir später noch kurz mit zu dir kommen? Wie lebst du denn so?” - “Eigentlich gerne, aber Mutter ist doch so krank”, antwortet Manuela. - “Noch immer?” - “Ja, leider immer noch!” - “Dann sag ihr gute Besserung.” Manuela nickt, die Pause ist vorbei und alle drei gehen zurück in ihre Klasse.
Alltag im Leben eines kleinen dreizehnjährigen Mädchens mitten in Deutschland im einundzwanzigsten Jahrhundert. Mit drei Jahren kam sie illegal aus Chile hier her. Ihre Eltern brachten sie heimlich über die Grenze, quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Sie hatte es sich nicht ausgesucht, ihr blieb keine Wahl. Manuela spricht kein Spanisch, versteht nur wenige Brocken und hat keinerlei Beziehung zu ihrem Geburtsland. Sie fühlt sich als Deutsche, hat hier einige Freunde und Bekannte. Trotzdem ist sie illegal hier. Jetzt trottet sie langsam nach Hause, wieder einmal alleine. Freunde zu sich einladen darf sie nicht, zu gefährliche wäre das. Da wird nachgefragt und rumgeschnüffelt, da muss sich die Familie offenbaren. Ihre Leben, das heißt sich verstecken, nur nicht auffallen, verborgen bleiben. Nur die Lehrer kennen ihr Geheimnis, wissen was mit ihr wirklich los ist. Oft hat sie Angst. Ihr Alltag birgt eine Vielzahl von Gefahren. Wenn sie über die Straße geht, prüft sie dreimal, ob ja kein Auto kommt. Sie kann nie zum Arzt gehen, muss immer gesund bleiben, darf nicht hinfallen. Zu viele Fragen würde das nach sich ziehen. Formulare, Papiere, Scherereien. Ihr Leben, heißt sich verstecken. Nun muss die Schule reagieren. Alle Schüler und Schülerinnen müssen registriert werden. Die Schule ist verpflichtet, dies zu tun. 2009 wird rauskommen, dass sie illegal hier ist. Ihre Mutter, die sich mit schlechtbezahlten Reinigungsjobs durchschlägt, ist jetzt schon in Sorge. Wie wird es weitergehen? Wird man sie abschieben? Wahrscheinlich schon. Manuela ist ein fleißiges Mädchen, eine gute Schülerin, neugierig und weltoffen. Sie möchte zur Schule gehen. Wird sie nun am Ende dafür bestraft, dass sie sich bildet? Es sieht ganz so aus. Die Alternative wäre nicht mehr zur Schule gehen, das würde klappen. Dann könnte man das Versteckspiel weiterspielen. Aber das will sie nicht. Jetzt erreicht Manuela das große Hochhaus am Rande der Stadt, sperrt mit dem Schlüssel die Haustüre auf und verschwindet hinter einer milchigen Glasscheibe im Inneren des Mietshauses. Oft wacht sie nachts von Alpträumen geschüttelt auf, sieht sich in einem Auto sitzend auf dem Weg zum Flughafen. Mit drei Taschen schickt man sie zurück nach Chile, in ein fremdes Land, das nicht ihre Heimat ist und auch nie sein wird. Dann ist sie jedesmal froh, wenn sie aufwacht und noch hier ist. Sie ist doch Deutsche...

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