Donnerstag, 25. Dezember 2008

Frei sein

Montag, 22. Dezember, München

Die schweren Metallflügeltüren öffnen sich langsam und gewähren ihm den Blick nach draußen. Er hält einen fleckigen Reisekoffer in der rechten Hand und trägt einen prall gefüllten Seesack über der Schulter. In der hinteren Tasche seiner Jeans steckt einen kleine Geldbörse, gefüllt mit knapp zweihundert Euro. Der Lohn für den letzten Monat. Vorsichtig setzt er sich in Bewegung. Es ist kein Traum...die schweren Flügeltüren bleiben offen. Der Wärter gibt ihm die besten Wünsche mit auf den Weg und murmelt ihm “Wiedersehen sage ich jetzt lieber nicht zu ihnen!” hinterher. Dabei lächelt er sanft.
Dann ist er draußen in Freiheit und die Türen hinter ihm schließen sich. Er geht weiter und das rote Backsteingebäude verschwindet hinter seinen schnellen Schritten. Jahre lang hatte er nichts gesehen als diese roten Backsteine. Tagein, tagaus nichts als Backsteine, Wände aus Backsteinen. Nachts hat er sogar manchmal von ihnen geträumt. Und jetzt drei Tage vor Weihnachten war er frei. Acht Jahre Gefängnis sind eine lange Zeit. Warum war er eingesperrt? Eine lange Geschichte, die nicht lohnt, erzählt zu werden. Mörder war er zumindest keiner. Seine schweren Schritte hallen über das Pflaster. Er weiß nicht wohin. Geworfen in die Welt, trotz Freiheit. Das Gefängnis macht einen zunächst unfähig in der normalen Welt zu leben. Man verlernt jedes soziale Agieren. Er torkelt in Richtung Bushaltestelle. Im Gefängnis hat man ihm einen Fahrplan gegeben, an dem er nun grob versucht sich zu orientieren. Es klappt...mehr schlecht als recht. Er wartet also auf den Bus. Die Erkenntnis, dass er nach acht Jahren nun zum ersten mal wieder frei war, schießt in seinen Kopf und benebelt seine Gedanken. Alle Menschen wollen frei sein. Er hingegen war jahrelang in Unfreiheit gewesen. Er musste sich um nichts kümmern, er hatte nichts und brauchte nichts. Nun galt es das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Keine Arbeit, keine Wohnung, keine Freundin. Was sollte er tun? Stefan, einen guten Freund von ihm, kürt er zu seiner ersten Anlaufstelle. Niemand da! Gibt es nicht! Von einer Nachbarin erfährt er, dass Herr Redlich hier schon seit drei Jahren nicht mehr wohnt. Wohin verzogen? Weiß keiner. Danke! Es beginnt zu schneien. Er stapft durch die Straßen, immer noch mit Koffer und Tasche bepackt. Kein Zuhause und das so kurz vor Weihnachten. Schöne Scheiße. Er wäre lieber wieder eingesperrt...da wäre es warm, trocken und er wäre zu Hause. Er biegt um die nächste Hauserecke und rennt dabei beinahe einen jungen Mann samt Freundin über den Haufen. Er braucht fünf Minuten, um von seiner Situation zu erzählen. Der Junge Mann nimmt den Haftentlassenen bei der Hand und alle drei gehen gemeinsam hinein in den heraufziehenden Abend. Weihnachten in Freiheit...irgendwo in Deutschland.

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