Mittwoch, 24. Dezember 2008

Einsamer Nikolaus

Sonntag, 21. Dezember, München

Ich wusste, dass ich Jana nicht mehr wieder sehen würde, in dem Moment als sie diagonal über die große Straße nach Hause ging. Das war in Budapest, vor über acht Monaten. Ich wusste, dass ich Andrea nicht mehr wieder sehen würde, in dem Moment als sie sich von mir verabschiedet hat und aus dem Club ging. Auch das war in Budapest, vor über acht Monaten.
Jana und Andrea gibt es auch hier in Deutschland, aber das ist etwas ganz anderes. Andrea war echt richtig süß. Aber was soll das? Hier, das ist die Realität, da ist man immer, ich bin immer da. Ungarn, das war fast wie eine andere Welt, ein anderes Universum. Parallelwelt. Wenn etwas gut war in diesem Jahr, dann die Tage in Ungarns Hauptstadt. Ich gehe durch die Fußgängerzone und es ist schon dunkel. Nur noch vereinzelt sind Menschen unterwegs. Ich blicke hinauf zu den Sternen und mir wird wieder bewusst, wie weit die doch weg sind. So hoch oben am Himmel. Dort ist eine andere Welt. Ich spüre Freiheit und Gelassenheit. Ein Weihnachtsmann kommt mir entgegen. Er zieht einen Schlitten hinter sich her und hat die rote Zipfelmütze schief im Gesicht sitzen. Er sieht etwas mitgenommen aus. Sein weißer Rauschebart wirkt zerzaust und seine rechte Hand scheint zu zittern. In den Kisten, die er hinten in seinem Schlitten gestapelt hat, liegen noch vereinzelt rote und grüne Äpfel herum. Als der heilige Mann an mir vorbeigeht, grüße ich und er bleibt stehen. Ich sehe mir den alten Mann genau an. Falten zieren sein Gesicht, die Nase ist etwas zu groß, die Ohren stehen leicht zur Seite ab. Er sagt mir dass er sehr einsam sei. Er sei derjenige, der den Kindern eine Freude macht, aber dennoch sei er ein einsamer, alter Mann. Das sagt er mir einfach so, während wir in der Fußgängerzone stehen und die Menschen hastig an uns vorbeieilen. Gibt es einen Weihnachtsmann? Der Gesichtsausdruck des Alten wirkt wie versteinert und kein Lächeln ist darin zu erkennen. Ich bleibe noch für ein paar Minuten neben ihm stehen, schaue ihn an und er erzählt mir noch ein bisschen aus seinem Leben. Bin ich der Weihnachtsmann? Immerhin höre ich ihm zu. Denn beugt er sich über den kleinen Schlitten, greift hinein und drückt mir drei Äpfel in die Hand. Ich bedanke mich, er dreht sich um und verschwindet zwischen den anderen Menschen. Was für eine Begegnung. Ich reibe einen Apfel ein wenig an meiner Jeans blank und beiße hinein. Er schmeckt wirklich sehr gut. Dann gehe auch ich weiter, die Fußgängerzone entlang, bis zum Stachus. Den Weihnachtsmann kann ich nicht vergessen. Beinahe habe ich die feste Überzeugung, dass es der Echte war.

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