Dienstag, 23. Dezember 2008

Hauptsache Arbeit

Samstag, 20. Dezember, München

Morgens ist die Welt noch stockfinster. Er steht auf, geht ins Bad um sich die Zähne zu putzen. Dann zieht er sich an, isst noch im Gehen schnell eine Semmel und verlässt das Haus. Er wohnt weit draußen. An kalten Tagen liegen manchmal die Hochspannungsleitungen an denen er vorbeigeht unter einer erstarrten Eisschicht und die Straßen sind glatt. Die Fahrt mit der Bahn dauert sehr lange, aber sie gibt ihm Gelegenheit noch ein wenig zu schlafen. Er setzt sich auf einen der freien Plätze, lehnt sich zurück und schließt langsam die Augen. Noch fünfzehn Minuten ist er dann aber zumeist wieder wach. Auch wenn er auf dem großen Friedhof am Ende der Stadt ankommt, ist es im Winter noch stockdunkel. Er ist der erste hier, schließt vorne die Türe auf und beginnt mit seiner Arbeit. Wege überprüfen und wenn nötig streuen. Das ist eine der ersten Aufgaben mit denen sein Arbeitstag beginnt. Irgendwann erwacht der Tagt, es wird hell und die Sonne zeigt sich. Seit drei Jahren geht der dieser Tätigkeit auf dem städtischen Friedhof schon nach und sie macht ihm immer noch Spaß. Es ist eine Alternative zu Hartz IV und Arbeitslosigkeit. Vor fünf Jahren hatte er seine Arbeit verloren, die gut bezahlte Stelle als Industrieschweißer. Er war krank geworden, beinahe erwerbsunfähig, aber eben nicht ganz. Für die kleineren Arbeiten hier reicht es noch. Er liebt diesen Job, hat nahezu freie Hand, ist sein eigener Chef. Die Dinge laufen gut hier. Die Arbeit lässt ihn die weite Anfahrt und das frühe Aufstehen schnell vergessen. Er kommt unter die Leute, hat Kontakt zu Menschen. Das liebt er. Früher, da sass er von morgens bis abends auf der Couch, sah fern, aß Chips und trank Bier. Sein Leben hatte nun endlich wieder einen Sinn bekommen, auch wenn der darin bestand im Sommer Unkraut zu jäten und Wege zu harken und im Winter Schnee zu räumen und Split zu streuen. Aber Hauptsache Arbeit. Geld gibt es, auch wenn es nicht viel ist. Er kann davon gut leben, ist sparsam und bescheiden. Ein Bier nach Feierabend, einmal in der Woche Essen gehen. Das sind die Dinge, die er nicht missen möchte und auch nicht missen muss. Ein neuer Tag legt sich über den Friedhof. Die ersten Besucher kommen. Manche von ihnen sind hier wegen anstehenden Trauerfeiern, manche wollen einfach nur ihre Lieben besuchen. Alle unterhalten sich gerne mit ihm, haben ein paar Worte übrig, wenn sie diesen Ort wieder verlassen. Das “Untermenschensein” ist es, was er so mag. Zudem kann er sich nicht vorstellen in irgendeinem modrigen Büro zu sitzen, während draußen die Natur auf ihn wartet. Neugierig blinzelt er in die aufgehende Sonne, als er sich auf den Weg zum Krematorium macht. Der große Schlüsselbund klappert in seiner Hand...Verantwortung für alles hier, aber in erster Linie eben auch gegenüber sich selbst.

Needful things

Freitag, 19. Dezember, München

Der Laden befindet sich mitten in einer kleinen Stadt. Wenn vorne ein Kunde das Geschäft betritt läutet es und der Inhaber, ein alter Mann um die Siebzig, weiß, dass etwas verlangt wird. Der Laden ist als Fundgrube für allerlei Dinge bis über die Grenzen der kleinen Stadt hinaus bekannt. Unscheinbar und ein wenig versteckt liegt er eingebettet zwischen zwei großen Häuserblocks. Jeden Tag acht Stunden lang hütet Herr Bell, denn so heißt der Ladenbesitzer, seine Schätze und Kostbarkeiten. Seine faltigen Hände gleiten durch die Regalreihen und er weiß ganz genau, was seine Kunden verlangen. Das Geheimnis seiner Geschäftes ist die Tatsache, dass niemand etwas kauft, was er auch wirklich braucht, sondern dass das gekauft wird, was man unbedingt möchte. Bells Laden ist einer, in dem alle Wünsche und Träume in Erfüllung gehen. Man betritt den Laden und lässt seine Blicke über das Angebotene fliegen. Schneekugeln, Murmel, allerlei Tierzähne, diverse Knochenreste und sämtliche nur denkbaren Bilderrahmen mit und ohne Fotos. Das ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Artikel, die es hier zu kaufen gibt. Jeder liebt den niedlichen Laden in einer kleinen Stadt. Doch irgendwo lauert das Böse. Es fing damit an, dass eine alte Frau plötzlich eine Lungenentzündung bekam und verstarb, nachdem sie bei Bell einen leeren Bilderahmen gekauft hatte. Das alleine war noch nicht verwunderlich, aber beispielsweise wurde drei Tage, nachdem sie eine kleine Schneekugel bei Bell gekauft hatte, ein kleines Mädchen von einem Auto erfasst und getötet. Es gibt noch mehr Fälle. Obwohl einige Menschen Zusammenhänge zu erkennen glauben, bleiben die Kunden nicht aus. Bei Bell gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Ein jeder möchte sich einen Traum erfüllen, sein Stückchen Kindheit zurückholen oder einfach etwas haben, was er sich schon lange gewünscht hat. Bei Bell wird dies alles wahr. Keiner kommt hinter das Geheimnis des alten Mannes, der jeden Tag verschmitzt in seinem Laden steht und Kunden bedient. Woher er seine Waren bezieht, wer sie liefert, das weiß keiner. Ein wohlgehütetes Geheimnis in einer kleinen Stadt. Jeder ist zufrieden und zwischen Bells Laden und den unheimlichen Todesfällen wurden keinerlei Verbindungen mehr offensichtlich. Erst als Bell starb und sich keiner mehr fand, der den Laden übernehmen wollte, tauchte ein handgeschriebener Brief im Nachlass des Toten auf. Er enthielt folgende Zeilen:
“Wenn ihr dies lest, bin ich schon lange tot. Viele Menschen haben sich in den letzten Jahren für das Geheimnis meines Ladens interessiert. Doch es gibt keines. Man hat mir Zauberei, schwarze Magie und Hexenkunst unterstell, aber ich vermag nichts dergleichen zu vollbringen. Mein Erfolg lag darin, dass ich den Menschen versucht habe, ein Stückchen Kindheit und Jugend zurückzugeben. Ich habe mit ihnen geredet und sie davon überzeugt, dass sie gewisse Dinge unbedingt brauchen. Das war meine Kunst. Nicht mehr. Keiner wird meinen Laden fortführen, keiner wird mehr Kind sein dürfen. Meine letzte Bitte ist, dass ihr mir eine der goldenen Schneekugeln auf mein Grab stellt. Als ewige Erinnerung für die, die mich kannten. Das ist alles.” Und so geschah es...in einer kleinen Stadt.

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