Freitag, 19. Dezember 2008

Kein schöner Ort/Abschied

Mittwoch, 17. Dezember, München

Um diese frühe Uhrzeit liegt der Münchner Ostfriedhof unter einer dicken Nebeldecke. Ich bin viel zu zeitig von zu Hause losgefahren, aus Angst zu spät zu kommen. Es ist erst kurz vor acht und noch keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen. Mir bleibt also noch etwas Zeit. Ich gehe die Reihe der Gräber entlang, bleibe ab und an kurz stehen und lese einige der Inschriften. Bei einem Kindergrab hält es mich etwas länger und obwohl ich nicht besonders gläubig bin, bete ich. Dan gehe ich langsam zurück zum Krematorium. Der kleine Warteraum ist wahnsinnig überheizt. Insgesamt sind mit mir noch sechs andere Menschen gekommen, um den Toten zu verabschieden. Die Urne wird anschließend nicht beigesetzt. Man versucht immer noch eine Tochter des Verstorbenen in Griechenland ausfindig zu machen. Darum kommt die Urne am Ende des Jahres in ein Sammellager im Keller, wo sie dann erst einmal bleibt, bis klar ist, wer die Kosten trägt. Ob persönliche Grabstelle oder anonymes Begräbnis wird sich dann im Sommer raustellen. Ja, Sterben muss man sich leisten können. Ein Mitarbeiter bittet mich zuerst in die kleine Kapelle des Krematoriums. Ich war die Person, die dem Toten am nächsten stand, also darf ich vor der kleinen Trauerfeier noch einmal persönlich von ihr Abschied nehmen.
Eine kupferfarbene Urne steht auf einem schwarzen Podest, das wiederum auf einer Art Bühne steht. Über das Podest ist ein schwarzes Tuch mit einem weißen Kreuz vorne drauf gelegt. Ein paar mitgebrachte Blumen liegen daneben. Die Urne ist relativ groß, was mich wundert, aber ich kann nicht einschätzen, wie viel Asche von einem Menschen übrig bleibt, wenn er verbrannt ist. Auf dem Deckel des Gefäßes sind Geburtsdatum, Geburtsort, Sterbedatum, Sterbeort und das Datum der Einäscherung (05.12.2008) eingraviert. Ich stehe mit gefalteten Händen vor der Urne. Sie steht mir nun gegenüber, wie mir die Person vor wenigen Wochen selbst noch gegenüber gesessen hat. Wir hatten noch gelacht und Witze gerissen. So schnell kann das im Leben gehen. Nun bleibt nichts als eine Urne voll Asche. Ich bete erneut. Das ist mein persönlicher Abschied. Nicht in Worte zu fassen. Der Mann von der Friedhofsverwaltung kommt, ich gehe ab und alle Trauernden setzen sich auf die Bänke. Dann folgt eine kleine Trauerfeier. Ein Seelsorger spricht ein paar Worte. Wirklich nicht schlecht und äußerst würdevoll. Dann ertönt Musik und der Vorhang der Bühne schließt sich langsam, wie sich auch der Vorhang der Bühne des Lebens schließt. Ich glaube Shakespeare hat einmal gesagt: “Das Leben ist eine Bühne, auf der der Mensch sein Bestes gibt!” Wie wahr. Ich trete hinaus in den erwachenden Tag, der Nebel hat sich verzogen und die ersten Friedhofsbesucher treffen ein. Mit festen Schritten gehe ich Richtung S-Bahn. Das war er also nun mein persönlicher Abschied...für immer.

Der Klavierspieler

Dienstag, 16. Dezember, München

Auf dem Bürgersteig liegt Streusand. Kleine Steinchen klemmen in meiner Gummisohle. Tagsüber hatte es zuerst leicht geregnet und dann zu schneien begonnen. Minusgrade...es friert. Die Tür zu der kleinen Kneipe am Ende der hellerleuchteten Straße lässt sich nur schwer öffnen. Es ist eine mächtige Glastür, deren Scharniere nur schwer nachgeben. Ich stehe davor, mit Mütze, Handschuhen und einem dicken Schal. Bevor ich eintrete, schaue ich noch einmal zurück. Die Straße ist menschenleer, obwohl es noch gar nicht so spät ist. Nur ganz in der Ferne erkenne ich eine Gestalt die wohl ihren Hund spazieren führt. Zumindest sieht es so aus. Ich stehe also in der Kneipe und schaue mich neugierig um. Schwaches Licht, leise Musik, wenig Menschen. Ein großer, schlanker Mann steht hinter dem Tresen und zapft Bier. Davor sitzt einer und wartet. In der Ecke stehen ein paar heruntergekommene Sofas. Ansonsten gibt es noch Barhocker und drei Tische mit jeweils vier Stuhlen. Wirklich keine große Kneipe. Das Blau, das von den Neonröhren abstrahlt, verleiht der Inneneinrichtung etwas Geheimnissvolles. Ich beschließe mich direkt an die Bar zu setzen, ziehe einen der Hocker näher zu mir heran und lege meine Winterutensilien ab. Hier ist es ganz schön warm sage ich, aber der Mann hinterm Tresen reagiert nicht. Aus einem der Laussprecher dudelt “Driving home for Christmas” von Chris Rea.
“Oh, I can`t wait to see those faces...I sing this song to pass the time away.”
Weihnachten verfolgt einen scheinbar überall. Aber das ist ein schönes Lied. Ich mag es. Ich bestelle ein Bier, muss nur kurz warten und kann gleich einige tiefe Schlucke nehmen. Herrlich. Dann hört die Musik plötzlich auf. Neben mir fällt Licht aus einem großen Scheinwerfer auf einen pechschwarzen Steinway-Flügel. Den hatte ich zuvor überhaupt nicht bemerkt. Ich bin überrascht. Zudem realisiere ich, dass sie kleine Kneipe nun menschenleer ist. Hinter den Tasten sitzt einer und schiebt seinen schwarzen Frack zurecht. Es ist der Kerl hinter der Bar. Wie kommt der denn hierher? Ich schaue Richtung Tresen und tatsächlich ist er Mann verschwunden. Statt dessen steht dort jetzt eine junge Frau. Ich trinke schnell einen Schluck Bier. Dann beginnt der Mann im Frack zu spielen. Melodien, die ich nicht kenne, aber so schön, dass ich fast weinen muss. Es ist herrlich. Mindestens eine Stunde lang lausche ich wie verzaubert den herrlichen Klängen. Dann kommt die junge Frau und stellt wortlos ein Glas Whisky vor mir ab. Ich will abwehren, aber sie ist schon wieder verschwunden. Ich blicke zum Flügel und auch der Klavierspieler hat ein Glas in der Hand und prostet mir zu. Wir trinken. Als die Gläser leer sind, verschwindet der Flügel wieder in der Dunkelheit, ich bezahle mein Bier und trete hinaus auf die Straße. Die Frau hinterm Tresen lächelt mir freundlich zu. Also ich schon beinahe eine ganze Straße entfernt bin, blicke ich mich noch einmal um: Die kleine Kneipe sehe ich nicht mehr. Sie scheint einfach verschwunden.

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