Mittwoch, 17. Dezember 2008

Gewackelt, aber nicht gefallen

Sonntag, 14. Dezember, München

Erst am Abend kam das Fieber. Ich glaube es liegt an der Grippe- und Erkältungswelle, die derzeit gerade hier in München kursiert. Ich stehe also da, im Substanz in München und irgendwie geht es mir elend. Mir ist eigentlich weder heiß noch kalt, aber meinen Beine fühlen sich bleischwer an. Ich stehe also da, irgendwo ganz weit vorne, wie immer. Dran sein, dicht am Geschehen sein, den Beat fühlen. Ich trinke den letzen Schluck Bier. War ein Fehler? Vielleicht! Plötzlich verschwimmt alles vor mir, es reißt mir beinahe den Boden unter den Füßen weg. Nichts ist da, was mich noch hält. Ich drehe mich also im und tanke mich wie ein Irrer durch die dichtgestapelte Menschenmenge hinter mir. WC, 00, Toilette. Dieser Weg...Rettung. Mir ist nicht schlecht, ich will einfach nur kurz irgendwo sitzen, ausruhen, zu Kräften kommen. Von innen versperre ich die Türe, klappe schnell den WC-Sitz herunter und dann sitze ich auch schon. Es wird besser. Es ist schon komisch, dass mir so gar nichts weh tut, sondern einfach nur meine Beine schmerzen. Aber aufgeben ist nicht, nicht mit mir Leute. Da muss man schon früher aufstehen, um mich in die Knie zu zwingen. Also Türe auf und wieder nach oben. Ich bleibe vorsorglich weiter hinten stehen und kaufe mir kein Bier mehr. Sicherheitshalber. Zweimal führt mich der Weg noch nach unten, um zu rasten. Dann ist Pause. Ich hoffe, dass es danach besser wird. Wie erwähnt: Aufgeben ist nicht. Ich stehe kurz draußen bei den Rauschern, schnappe frische Luft, aber kann auch dort nicht lange stehen. Wieder drinnen beginnt der zweite Teil. Ich sitze zunächst auf einem ausgedienten Flipperautomaten, ehe ich mich wieder in Richtung der Toiletten orientiere. Die Leute beginnen mich komisch anzuschauen. 60 Minuten und 4 WC-Gänge später, verlasse ich das Substanz wieder und fahre mit einem Kumpel zusammen nach Hause. In der Bahn kontrollieren wieder diese arroganten Möchtegern-Sheriffs von der S-Bahnwache. Von irgendwoher riecht es auf einmal nach Furz. Daheim falle ich todmüde ins Bett. Ich beginne doch leicht zu frieren. Es schüttelt mich. Mist! Fieber!. In der Nacht plagen mich heftige und schreckliche Alpträume. Die wünsche ich keinem. Ich komme kaum zum Schlafen und bin am nächsten Morgen absolut fertig. Fiebermessen, Thermometer in den Arsch. Hoppla. 39,5 Grad. Mächtig Fieber. Also Zäpfchen gekauft und Wadenwickel gemacht. Ich will nur noch schlafen. Die Beine sind immer noch schwer. Nachmittags geht es dann etwas besser, das Fieber ist etwas runter. Fit bin ich jedoch noch lange nicht. So verbringe ich einen kompletten Tag gelangweilt zu Hause im Bett. Ich bin das beinahe nicht mehr gewohnt. Immer auf Achse, immer unterwegs...Sonst. Abends schlafe ich rausch ein, die Nacht bleibt ohne Traum. Wieder genesen! Hoffentlich.

Fremd im eigenen Land

Samstag, 13. Dezember, München

Der Gong beendet die Stunde, Schüler und Schülerinnen packen hastig ihre Sachen zusammen, greifen nach ihren Taschen und hasten in die große Pause. Manuela steht mit ihren beiden besten Freundinnen in der Aula des Gymnasiums. Die drei unterhalten sich. “Hey Manuela können wir später noch kurz mit zu dir kommen? Wie lebst du denn so?” - “Eigentlich gerne, aber Mutter ist doch so krank”, antwortet Manuela. - “Noch immer?” - “Ja, leider immer noch!” - “Dann sag ihr gute Besserung.” Manuela nickt, die Pause ist vorbei und alle drei gehen zurück in ihre Klasse.
Alltag im Leben eines kleinen dreizehnjährigen Mädchens mitten in Deutschland im einundzwanzigsten Jahrhundert. Mit drei Jahren kam sie illegal aus Chile hier her. Ihre Eltern brachten sie heimlich über die Grenze, quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Sie hatte es sich nicht ausgesucht, ihr blieb keine Wahl. Manuela spricht kein Spanisch, versteht nur wenige Brocken und hat keinerlei Beziehung zu ihrem Geburtsland. Sie fühlt sich als Deutsche, hat hier einige Freunde und Bekannte. Trotzdem ist sie illegal hier. Jetzt trottet sie langsam nach Hause, wieder einmal alleine. Freunde zu sich einladen darf sie nicht, zu gefährliche wäre das. Da wird nachgefragt und rumgeschnüffelt, da muss sich die Familie offenbaren. Ihre Leben, das heißt sich verstecken, nur nicht auffallen, verborgen bleiben. Nur die Lehrer kennen ihr Geheimnis, wissen was mit ihr wirklich los ist. Oft hat sie Angst. Ihr Alltag birgt eine Vielzahl von Gefahren. Wenn sie über die Straße geht, prüft sie dreimal, ob ja kein Auto kommt. Sie kann nie zum Arzt gehen, muss immer gesund bleiben, darf nicht hinfallen. Zu viele Fragen würde das nach sich ziehen. Formulare, Papiere, Scherereien. Ihr Leben, heißt sich verstecken. Nun muss die Schule reagieren. Alle Schüler und Schülerinnen müssen registriert werden. Die Schule ist verpflichtet, dies zu tun. 2009 wird rauskommen, dass sie illegal hier ist. Ihre Mutter, die sich mit schlechtbezahlten Reinigungsjobs durchschlägt, ist jetzt schon in Sorge. Wie wird es weitergehen? Wird man sie abschieben? Wahrscheinlich schon. Manuela ist ein fleißiges Mädchen, eine gute Schülerin, neugierig und weltoffen. Sie möchte zur Schule gehen. Wird sie nun am Ende dafür bestraft, dass sie sich bildet? Es sieht ganz so aus. Die Alternative wäre nicht mehr zur Schule gehen, das würde klappen. Dann könnte man das Versteckspiel weiterspielen. Aber das will sie nicht. Jetzt erreicht Manuela das große Hochhaus am Rande der Stadt, sperrt mit dem Schlüssel die Haustüre auf und verschwindet hinter einer milchigen Glasscheibe im Inneren des Mietshauses. Oft wacht sie nachts von Alpträumen geschüttelt auf, sieht sich in einem Auto sitzend auf dem Weg zum Flughafen. Mit drei Taschen schickt man sie zurück nach Chile, in ein fremdes Land, das nicht ihre Heimat ist und auch nie sein wird. Dann ist sie jedesmal froh, wenn sie aufwacht und noch hier ist. Sie ist doch Deutsche...

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